18. Februar 2019,

Die Kaffee-Forscher

Radek Nožička und Aleš Pospíšil in Würzburg | © khan

05. 02. 2019

Schwarze Bohnen sind Kult. Dafür sorgen auch zwei Tschechen. Sie suchen seit Jahren nach dem besten Kaffee und den tollsten Cafés


 


Von Klaus Hanisch


Das co-op Coffee im früheren Fischer- und Handwerkerquartier von Würzburg, gleich gegenüber der Altstadt. Ein idealer Treffpunkt, um ein paar Worte mit Aleš Pospíšil (32) und Radek Nožička (26) wechseln. Die beiden Tschechen beschäftigen sich beinahe rund um die Uhr mit Kaffee. Dafür reisen sie um die Welt, besuchten bereits mehr als 400 Kaffeeröster und besichtigten fast 1.500 Cafés.
Aleš Pospíšil: Kaffee ist das Getränk, das Menschen zusammenbringt. Nicht nur Trinker und Genießer, sondern auch Leute, die Cafés und Röstereien betreiben. Jeder von ihnen hat eine interessante Geschichte und einen anderen Hintergrund. Diese Geschichten interessieren uns und machen den Kaffee oft so spannend. Beim Kaffee selbst interessieren wir uns nicht für das Herkömmliche, sondern für Kaffee-Spezialitäten. Also für spezielle Marken und Sorten. Kaffee gibt es schon sehr lange, aber Spezial-Kaffee ist in Europa relativ neu, den gibt es vielleicht erst seit zehn Jahren.
Radek Nožička: Deshalb haben wir vor fünf Jahren mit dem Projekt „European Coffee Trip“ begonnen. Zumal wir gerne reisen. Kaffee ist das Thema, das alles verbindet: Inhalte schaffen, darüber schreiben. Ich will Fotos und Videos dazu machen. Wir haben den Eindruck, dass es nicht genügend Informationen über Spezial-Kaffee in Europa gibt. Und darüber, in welches Café man zum Beispiel in Budapest oder Berlin gehen sollte. Wir wollten und wollen diese Städte entdecken und unsere Erfahrungen (mit)teilen.

Das machen sie bei European Coffee Trip, einer Website und zugleich einem Führer durch die große Kaffee-Welt. Dort veröffentlichen sie Artikel, Interviews und Bilder. Obwohl beide keine Ausbildung im Kaffee-Business oder im Journalismus haben.
Aleš Pospíšil: Das ist schon ein wenig verrückt. Wir hatten tatsächlich keinerlei Vorkenntnisse als Journalisten und auch nicht bezüglich des Kaffees. Wir haben an der Technischen Universität in Brünn studiert und uns dort kennengelernt. In den letzten fünf Jahren mussten wir erst alles über Kaffee und Journalismus lernen.
Radek Nožička: Den Kaffee und unsere Website sehe ich als Chance, möglichst viele Bilder zu veröffentlichen und mich als Fotograf weiter zu verbessern. Ich habe Maschinenbau studiert, bin Ingenieur und habe danach überlegt, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Fotografie war schon immer mein Hobby, ich wollte gerne meine Aufnahmen weit verbreiten. Unser Projekt ist das ideale Medium dafür.

Ihr Instagram-Konto weist mehr als 48.000 Follower aus, ihre Facebook-Seite hat fast 22.000 Likes und ihre Videos sehen über 25.000 Menschen auf YouTube.
Aleš Pospíšil: Jede Plattform ist anders. Die Leute, die uns auf Instagram folgen, lieben Kaffee und wollen neue Cafés entdecken. Dagegen erreichen wir bei YouTube vor allem Leute, die sich für unsere Rezepte interessieren. Generell interessierten sich zwei Gruppen von Menschen für uns: auf der einen Seite Kaffee-Profis, also Baristas, Röster und Kaffeehaus-Betreiber. Die zweite Hälfte sind Kaffee-Enthusiasten, die sich ihren Kaffee zuhause selbst zubereiten und dazu lernen wollen. Sie wollen unsere Fotos und Videos sehen und mehr über Cafés erfahren, die wir vorstellen. Das sind für sie Anregungen für ihre eigenen Reisen.

Aleš Pospíšil und Radek Nožička in St. Petersburg | © ECT

Das co-op Coffee ist ein schmaler länglicher Raum mit einer alten Holztheke am Ende. Dunkelblaue Wände, weiße Decke. Aleš Pospíšil macht sich diesmal keine Notizen, sondern bereitet selbst Kaffee hinter der Theke zu. „Sweet Victory“ aus Kenia, 60 Gramm auf einen Liter Wasser. Für ihn genau das richtige Quantum. Kostproben reicht er lauwarm in kleinen Gläsern an interessierte Besucher weiter. Der beste Kaffee der Welt?
Aleš Pospíšil: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Eine richtige Antwort ist sicher, dass der beste Kaffee genau der ist, den man persönlich mag und bevorzugt. Jeder begibt sich sozusagen auf seine eigene Reise, wenn er Kaffee trinkt. Selbst als Experte kann man nur einen Vorschlag machen. Manche mögen am liebsten ihren Instant-Kaffee, andere wollen ihn schwärzer. Ich schlage immer vor, die große Kaffee-Welt einfach zu erforschen, die vielen verschiedenen Marken auszuprobieren, neue Sorten zu versuchen und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Hinter seinem Holztisch erklärt Aleš einem Gast, dass er Kaffee liebe. Trotzdem habe er beschlossen, kein Café zu eröffnen, sondern lieber Kaffee-Journalist zu werden. Wo beginnt eine persönliche Reise durch die Kaffee-Welt?
Aleš Pospíšil: Ich würde einen lokalen Röster aus der eigenen Stadt aufsuchen, den dort gerösteten Kaffee kaufen und probieren. Und zwar frisch geröstet, das ist wichtig.
Radek Nožička: Mein erster Spezial-Kaffee, den ich getestet habe, kam aus Äthiopien. Er war recht süß und sehr aromatisch, in einem natürlichen Prozess hergestellt. Dieser Kaffee öffnete mir die Augen dafür, wie verschieden Kaffee schmecken kann. Nämlich nicht immer nur bitter. Und man braucht auch nicht unbedingt Zucker, damit er süß wird. Es ist ein wenig wie mit Wein, den mag mancher süßer, andere herber. Man tastet sich langsam vor. So viel versuchen wie möglich, das ist mein Vorschlag. Dann entwickelt sich auch der Geschmack immer weiter.

Der beste Kaffee? Geschmacksache! | © Jason Betz

Der Hype um die schwarze Bohne treibt seltsame Blüten. Sogar Kaffee aus Katzenkot „bereichert“ den Markt. Er wird aus Exkrementen bestimmter Katzenarten gewonnen, die große Mengen von Kaffeekirschen fressen und die Bohnen fermentiert wieder ausscheiden. Nichtsdestotrotz ist „Kopi Luwak“ eine exklusive Spezialität und galt schon vor mehr als zehn Jahren als teuerster Kaffee der Welt. Nach dem Waschen, Trocknen und Rösten soll dieser Kaffee einen süßlichen und leicht schokoladigen Geschmack annehmen. 100 Gramm davon kosten in Europa etwa 30 Euro. Rechtfertigt die Qualität den hohen Preis?
Radek Nožička: Ich habe den nie getestet.
Aleš Pospíšil: Ich auch nicht. Aber ich bin überzeugt davon, dass es sich dabei um ein völlig überteuertes Produkt handelt. Es wird halt durch die Geschichte dahinter zu einem spektakulären Kaffee. Also weil die Katzen diese Kirschen essen und anschließend die Fermentierung in ihrem Magen erfolgt. Die Story ist einfach gut und Kaffee von Katzen spricht auch Leute an, die sich sonst nicht für Kaffee interessieren. So etwas ist einfach zu vermarkten und erklärt auch den hohen Preis. Ich glaube jedoch fest daran, dass man in Spezial-Coffee-Shops besseren Kaffee für einen viel günstigeren Preis kaufen kann. Auf unserer Website findet man nach meiner Einschätzung zu 99 Prozent besseren Kaffee zu besseren Preisen.

Im traditionellen Bierland Nummer eins, Tschechien, ist Kaffee groß in Mode. Der Prague Guide der beiden Tschechen liegt auf „European Coffee Trip“ mit fast 30.000 Aufrufen an der Spitze, vor Athen und Dublin.
Aleš Pospíšil: Für uns keine allzu große Überraschung. Da wir aus Tschechien kommen, haben wir unsere Testreihe auch mit Brünn begonnen. Es gibt verschiedene Abstufungen. In London gibt es das größte Angebot, was die Zahl an Coffee-Shops betrifft. Dann folgen Amsterdam, Berlin und Prag mit einer großen Zahl an Cafés und Röstern. Die Bewohner dieser Städte erwarten einen ziemlich guten Kaffee, deshalb sind die Standards dort sehr hoch.

Möglicherweise erwarten die tschechischen Nutzer deshalb auch mehr von der „European Coffee Trip“-Webseite als andere. Und vielleicht hat sie deshalb mehr Fans im Heimatland.
Radek Nožička: Als wir aber einmal in Polen waren, stieg die Zahl unserer Follower von dort anschließend sprunghaft an. Ich glaube nicht unbedingt, dass uns die meisten aus Tschechien folgen. Ich denke, das ist von Plattform zu Plattform verschieden. Bei YouTube verfolgen uns zum Beispiel viele Leute aus Indonesien …
Aleš Pospíšil: ... und aus den USA. Wenn man rein nach den Zahlen geht, kommen die meisten wohl aus den Vereinigten Staaten. Wir haben auch viele Follower in Europa, aber natürlich teilen sich die Zahlen hier durch viele kleinere Länder.

Immer wieder ist zu hören, dass es 100 Prozent Arabica-Bohnen sein müssen, damit Kaffee höchste Qualität erfüllt. Andere werten das als Vorurteil.
Aleš Pospíšil: Im Prinzip ein guter Vorschlag, da Arabica-Bohnen mehr Aroma haben als Robusta-Kaffeebohnen. Aber Fakt ist, dass 100 Prozent Arabica allein noch nichts über die wahre Qualität des Kaffees aussagt. Viel wichtiger ist, dass es sich um frischen Kaffee handelt oder um High Grade Coffee. 100 Prozent Arabica bedeutet nichts anderes, als wenn jemand sagen würde, er trinke nur Weißwein. Das ist einfach nur eine Varietät des Kaffees.

In Prag schließen immer wieder Cafés. Und dafür öffnen fortlaufend auch neue. Irgendwann verliert man den Überblick.
Radek Nožička: Ich habe einige Favoriten dort. Da ich immer den Bus nehme, wenn ich nach Prag fahre, gehe ich gerne in die EMA Espresso Bar. Sie liegt nah und es ist dort immer viel los.

Das heißt, die besondere Qualität dieses Cafés liegt vor allem an seiner verkehrsgünstigen Lage nahe dem Masaryk-Bahnhof?
Radek Nožička: Natürlich nicht allein. Sie servieren dort wirklich einen großartigen Kaffee.

EMA Espresso Bar, Prager Neustadt | © eMA

Deutsche trinken sogar nichts lieber als Kaffee, nämlich 162 Liter im Schnitt pro Jahr und Bürger. Und damit deutlich mehr als Bier oder Mineralwasser.
Aleš Pospíšil: Ich gehe gerne ins Happy Baristas in Berlin. Ein wunderbarer Ort, tolles Frühstück und Kaffee. Und auch Kaffee-Cocktails. Allerdings gehe ich auch wegen der Eigentümer. Einer ist Slowake, er lebte zuvor in Brünn und wir kennen ihn schon lange. Der zweite ist halb Tscheche, halb Südafrikaner und besaß eines der ersten Spezialitäten-Cafés in Prag. Er ging dann nach Berlin und eröffnete die Baristas.

Aleš Pospíšil und Radek Nožička sind Gäste beim 45. Internationalen Filmwochenende in Würzburg. Sie präsentieren im co-op Coffee ihren ersten längeren Film: AeroPress Movie. Eine Dokumentation über die Kaffeemaschine gleichen Namens. Die Tschechen filmten sowohl in der Werkstatt ihres Erfinders in Kalifornien als auch bei AeroPress-Weltmeisterschaften. Flott geschnitten, unterhaltsam, 45 Minuten lang, mit originellen Bildern.
 
Der Streifen erforscht auch, was Nutzer an dieser seltsam aussehenden ikonischen Kaffeemaschine begeistert. Und er stellt unter Beweis, dass Kaffee-Zubereitung eine beinahe wissenschaftliche Angelegenheit sein kann, in jedem Fall aber eine kreative Tätigkeit.

Ein Film von Pospíšil und Nožička über AeroPress – das sei gerade so, als ob der berühmte Musiker Bono einen Film über den berühmten Musiker Sting machen würde, erklärt Café-Betreiberin Julie Barthel: „Sie sind allesamt Stars in unserer Kaffee-Szene.“ 

Aleš Pospíšil ist Mitglied im „Mile High Aeropress Club“.

Geruch von Kaffee strömt durch den Café-Raum, der an diesem frühen Abend ausnahmsweise mal als Kinosaal dient. Er verstärkt die Wirkung des Films nachhaltig. Die beiden Tschechen kommen gerade aus Berlin, wo sie ein Video drehten. Und wo sie ihre Redakteurin trafen, die selbst in einem Café arbeitet, wie Radek erzählt. Aleš und er betreiben ihre Tätigkeit als Fulltime-Job.
Aleš Pospíšil: Das ist nach wie vor schwierig. Es geht nur mit einer Mischung aus Werbung, Sponsoren und Kontaktaufnahmen. Wir haben anfangs unsere Ersparnisse für das Projekt eingesetzt, die billigsten Reiseangebote ausgewählt, bei Freunden übernachtet und Couchsurfing genutzt. Das ging gut ein Jahr so, bis wir genug Geld verdient haben. Trotzdem leben wir noch immer auf dem Standard von Studenten, um unsere Website weiterzuentwickeln und reisen zu können.

Vorführung des „AeroPress Movie“ in Würzburg | © khan

Aleš Pospíšil testet die Wirkung seines Films an Ort und Stelle. Er fragt nach, wie viele Besucher diese Kaffeemaschine haben und wie viele die Firma zuvor kannten. Etwa ein halbes Dutzend Arme werden gehoben. Knapp 30 Leute haben den Streifen auf schmalen Klappstühlen und alten Sesseln verfolgt. Mensch eng an Mensch, zwischen Mitte 20 und Mitte 50. Die typische locker-entspannte Atmosphäre eines kleinen Kino-Festivals. Und wie geht’s 2019 weiter mit dem Projekt von Aleš Pospíšil und Radek Nožička?
Aleš Pospíšil (lacht): Tja, sicher werden wir versuchen, noch bessere und noch mehr Filme und Videos für YouTube zu machen. Dazu wollen wir wieder mehr Zeit und Energie darauf verwenden, unsere Stadtführer zu verbessern, neue Fotos und aktuellste Informationen zu verbreiten.
Radek Nožička: Und vielleicht ein Buch schreiben. Aber es ist das selbe wie mit der Website. Anfangs war das auch nur ein Traum von uns und jetzt haben wir damit schon viel erreicht.
Aleš Pospíšil: Über ein Buch haben wir schon viel diskutiert. Vielleicht beginnen wir mit einem Führer über Spezialitäten-Cafés in Tschechien. Ob wir das schon in diesem Jahr schaffen? Es wird in jedem Fall wieder ein großes Projekt!


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