„In Prag atmet man Geschichte“

„In Prag atmet man Geschichte“

Dirigent Ulrich Backofen gastiert mit der Norddeutschen Philharmonie Rostock in der Goldenen Stadt

5. 11. 2014 - Text: Stefan Welzel

Vor 25 Jahren fiel die Berliner Mauer. Mit ihr zerbrach ein totalitäres Regime, unter dem auch der in Dresden aufgewachsene Dirigent Ulrich Backofen zu leiden hatte. Schon seit seiner Jugend verband den heute in Wiesbaden lebenden Maestro viel mit dem Heimatland von Ausnahmekomponisten mit Weltruf wie Antonín Dvořák, Bedřich Smetana oder Leoš Janáček. Im Prager Rudolfinum spielt Backofen am 8. November zusammen mit der Norddeutschen Philharmonie aus Rostock sowie dem Kühn-Chor Prag Werke von Dvořák, Beethoven und Schostakowitsch, um dem historischen Ereignis in Berlin sowie den Opfern totalitärer Systeme zu gedenken. Mit Backofen, der bei Fragen nach seinem Alter gerne scherzhaft darauf verweist, dass Primadonnen und Dirigenten kein Alter, sondern nur Schönheit besitzen, sprach PZ-Redakteur Stefan Welzel über seine besondere Beziehung zur Stadt Prag, die Stasi-Haft sowie das Einzigartige an der europäischen Musik.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Falls der Berliner Mauer und des Eisernen Vorhangs in Europa, ausgerechnet in Prag ein Gedenkkonzert zu veranstalten?

Ulrich Backofen: Prag ist für mich eine ganz besondere Stadt! Und dies nicht nur deshalb, weil ich zehn Jahre lang das Sächsisch-Böhmische Musikfestival in Dresden und der Grenzregion geleitet habe. Ich komme aus Dresden, die Grenze war immer nah für mich. Jenseits davon war eine andere Sprache, eine andere Kultur. Der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die ehemalige Tschechoslowakei 1968 und die Flüchtlingsströme in der Deutschen Botschaft im September 1989 – beides für mich unvergesslich – haben ganz wesentlich dazu beigetragen, dass die Berliner Mauer letztendlich zusammenbrach. In Prag spürt man die Jahrhunderte, atmet man Geschichte. Hinzu kommt noch das jüdische Element. Diese kulturelle Vielfalt spüre ich stets von Neuem.

Gibt es einen Ort in der Goldenen Stadt, an dem Sie besonders gern sind?

Backofen: Da fällt mir vor allem die Prager Burg ein und der herrliche Ausblick, den man von dort auf die Stadt genießen kann. Und natürlich die deutsche Botschaft, wegen des historischen Bezugs; aber auch wegen des zauberhaften Palais Lobkowicz, in dem sie residiert. Für mich ist die Stadt nicht zuletzt ein Ort der großen Dichter wie Rainer Maria Rilke, Franz Kafka oder Franz Werfel.

Haben Sie 1989 auch den Sturz des tschechoslowakischen Regimes und das Geschehen um Vác­lav Havel verfolgt?

Backofen: Das war für mich natürlich eine große Freude: Zu sehen, wie sich nach dem Fall der Mauer in der Tschechoslowakei und den anderen Ostblock-Staaten die Verhältnisse änderten, wie ein Land nach dem anderen zu einer gesellschaftlichen und rechtsstaatlichen „Normalität“ zurückkehrte. Das hat mich zutiefst bewegt. Und Václav Havel war ein Symbol dafür.

Was ist Ihre persönliche Erinnerung an den Tag, als die Mauer fiel?

Backofen: Wie für uns alle kam das auch für mich absolut überraschend. Natürlich gab es verschiedene Anzeichen. Man hat schon gespürt, dass da etwas rumorte: Die Demonstra­tionen in Leipzig und den anderen Städten der DDR. Aber dass es letztendlich zum Fall der Mauer gekommen ist, das war doch überwältigend.

Zu Ihrer persönlichen Lebensgeschichte in der DDR: Sie saßen einst im Stasi-Gefängnis …

Backofen: Eines Tages standen plötzlich ein paar Männer vor meiner Tür. Sie zerrten mich in einen Wagen, fuhren mich in die Bautzner Straße in Dresden, den Sitz der Stasi. In einer Ein-Quadratmeter-Stehzelle hatte ich stundenlang zu warten. Man weiß nicht, was passieren wird, man erlebt nur Eines: totale Ohnmacht und absolute Willkür. Das kann man nicht in Worte fassen.

Was wurde Ihnen denn vorgeworfen?

Backofen: „Beeinträchtigung staatlicher Tätigkeit“, so hieß der merkwürdige Paragraph, der mir erst nach Tagen mitgeteilt wurde. Da konnte man hineininterpretieren, was man wollte. Ich bin in diesem Gebäude und später in den anderen Gefängnissen der DDR den unterschiedlichsten Mithäftlingen begegnet. Da waren Menschen wegen absoluter Nichtigkeiten eingesperrt. Dann erst habe ich wirklich verstanden, wie dieses System funktionierte.

Was hat Ihnen während der Haft Kraft und Hoffnung gegeben, das alles durchzustehen?

Backofen: Der pure Wille zu überleben – psychisch wie physisch. Und der innere Drang, vielleicht später, irgendwann einmal in der Freiheit, von diesen Erlebnissen berichten zu können.

Inwiefern spielte da die Kunst, die Liebe zur Musik eine Rolle?

Backofen: Die hat mir natürlich geholfen. Die Musik bleibt in Einem, ganz tief im Innersten. Aber in den extremsten Momenten nimmt man überhaupt nichts Konkretes mehr wahr. Wer das alles nicht einmal selbst am eigenen Leib erfahren musste, kann das nicht wirklich verstehen.

Sie sehen das protestantische Sachsen wie das katholische Böhmen als Ihre künstlerische Heimat an. Was ist so faszinierend an der Musik aus dieser Ecke Europas?

Backofen: Ich nenne hier nur zwei große Repräsentanten: Antonín Dvořák auf der einen, Johann Sebastian Bach auf der anderen Seite. Natürlich stammen sie aus völlig verschiedenen Epochen. Doch beide haben etwas, das der jeweils andere nicht hat, und trotzdem vereint sie Eines: die große europäische Musik. Unser Kontinent ist es, in dem sich als einzigem in der Welt die musikalische Mehrstimmigkeit entwickelt hat. Der geistige und emotionale Reichtum, der daraus entstanden ist, fasziniert uns bis heute. Die Gegend um Sachsen und Böhmen ist darin ein musikalisches Kernland, dessen Wurzeln sich von Wien über Prag bis nach Berlin und weiter in den Norden erstreckt.

In Prag spielen Sie Stücke aus Ludwig van Beethovens Freiheitsoper Fidelio. Der politische Bezug zum Gedenkkonzert ist offensichtlich. Wie aber kam es zum Programmpunkt mit der Fünften Sinfonie von Schostakowitsch?

Backofen: Schostakowitsch komponierte diese Sinfonie im Jahre 1937, auf dem Höhepunkt der Stalinschen Säuberungen. Damals wurden pro Tag etwa 1.000 Menschen ermordet. Insgesamt waren es Millionen, die im Archipel Gulag verschwanden: selbst die Schwester und der Schwager Schostakowitschs waren betroffen. Nach Stalins Missfallen an seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ musste der Komponist Todesängste ausstehen. Die Sinfonie steht somit wie kein anderes Werk für die Unterdrückung in einem totalitären Regime und die Schrecken dieser Zeit. Zwei Jahre später wurde der Hitler-Stalin-Pakt geschlossen. Kennzeichen eines jeden Unrechtsstaats ist die permanente Angst. Daran wollen wir erinnern. Unsere Freude über den Fall der Berliner Mauer ist absolut berechtigt. Aber eine zentrale Botschaft unseres Gedenk-Konzerts ist auch die Erinnerung an all die Menschen, welche die Unterdrückung in den totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts nicht überlebt haben oder innerlich an ihr zerbrochen sind.

Sie arbeiteten schon mit zahlreichen renommierten Ensembles an vielen verschiedenen Orten zusammen, so zum Beispiel in Tirana oder Wolgograd …

Backofen: Mit dem Symphonieorchester von Wolgograd konnte ich bisher zweimal zusammenarbeiten. Für mich als Deutschen waren diese Auftritte im ehemaligen Stalingrad besonders berührend. Stalingrad ist für mich ein Symbol der Unmenschlichkeit beider großer Schreckenssysteme des 20. Jahrhunderts.

Gibt es so etwas wie einen Spielort, an dem Sie am liebsten tätig sind?

Backofen: Das kann ich so nicht sagen. Das ist wie bei den Komponisten. Ich liebe auch hier diese typisch europäische Vielfalt. Jede Stadt hat ihre lokale Prägung und ihre Vorzüge. Doch Prag ist und bleibt für mich etwas ganz Besonderes. Unser Konzert am 8. November wird übrigens mein erster öffentlicher Auftritt dort sein.

Bedeutet das auch etwas mehr Lampenfieber?

Backofen: Ja, ich bin immer aufgeregt, vor jedem Konzert. Hier, zu einem solch außergewöhnlichen Anlass in dieser außergewöhnlichen Stadt natürlich noch ein bisschen mehr.

Das Gedenkkonzert im Prag findet am 8. November um 19.30 Uhr im Dvořák-Saal des Rudolfinums statt. Tickets gibt es über Ticketpro, Ticketportal oder direkt über die Vorverkaufskasse des Rudolfinums. Mehr Informationen unter www.berlinskazed.cz



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