In bester Gesellschaft

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Die Weltausstellung in Mailand ist eröffnet. Der tschechische Pavillon überzeugt mit Kreativität und Bescheidenheit

1. 5. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: czexpo.com

 

Die Liste bemerkenswerter tschechischer Auftritte bei Weltausstellungen ist lang. Sie beginnt 1922 in Rio de Janeiro mit der ersten Repräsentanz der eigenständigen Tschechoslowakei, umfasst preisgekrönte Bauwerke, wie 1958 in Brüssel sowie 2010 in Shanghai, und endet vorläufig mit dem in Modulbauweise gefertigten Pavillon in Mailand. Am Freitag begann die 34. Weltausstellung in der lombardischen Metropole unter dem Motto „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“ („Feeding the Planet, Energy for Life“). Die Tschechische Republik stellt dabei zwei ihrer bedeutendsten natürlichen Ressourcen in den Fokus: Wald und Wasser.

Das Herzstück des tschechischen Pavillons bildet das „Labor der Stille“. Zwei Studenten der Technischen Universität ČVUT in Prag kamen auf die Idee, ein Stück echten böhmischen Waldes inmitten des Ausstellungsgebäudes entstehen zu lassen. Das kleine Biotop von zwölf Quadratmetern Grundfläche wird mit technischen Hilfsmitteln wie Videoprojektionen optisch vergrößert. Das futuristische Labor hält für den Besucher jede Menge modernster Technik bereit. So kann man interaktiv die Geheimnisse des komplexen Ökosystems Wald entdecken und sich mit der Arbeit des Botanikers beschäftigen.

Genau jene Kombination aus Technik und Natur, oder besser: Der schonendere Umgang mit der Umwelt dank neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften steht im Zentrum der Gesamtschau. Die Erhaltung der Biodiversität, die optimierte Ressourcennutzung und die Förderung der Nahrungsmittelqualität sind die drei Hauptthemen, denen sich die über 140 teilnehmenden Nationen, deren unternehmerische Branchenführer in Sachen Umwelttechnologie sowie Forschungsinstitutionen widmen sollen. Laut Jiří Potužník, Leiter des tschechischen Pavillons, widmen sich die Ausstellungen seiner Vetretung vermehrt „spezifischen, untergeordneten Forschungsthemen im Bereich der Nanotechnologie oder der Biochemie“, wo seine Heimat über weltweit führende Institutionen verfügt.

Neben der intensiven Auseinandersetzung mit dem Motto der Weltausstellung spielen natürlich auch die üblichen, typisch repräsentativen Aspekte eine wichtige Rolle. Besonders in architektonischer Hinsicht bemühen sich die teilnehmenden Staaten um ein möglichst herausragendes Konzept. 1958 wurde der tschechoslowakische Pavillon mehrfach für seine bautechnischen Besonderheiten ausgezeichnet, 2010 erhielt die tschechische Vertretung die Silbermedaille für ihre kreative Ausstellungs- und Bauidee. Und auch in Mailand ließ sich das Team um Jiří Potužník in Zusammenarbeit mit dem mährischen Unternehmen Koma ein paar Besonderheiten einfallen. Rund um den Pavillon wurden Pools angelegt. Am Wasser können die Besucher kulinarische Köstlichkeiten der tschechischen Küche probieren.

Das vergleichsweise bescheidene Haus, das aus mobilen Elementen besteht und innerhalb relativ kurzer Zeit ab- und an einem anderen Ort wieder aufgebaut werden kann, überzeugt mit einem einfachen, funktionalistisch anmutenden Design. Künstlerisch ergänzt wird der Pavillon von Skulpturen des Bildhauers Lukáš Rittstein und seiner Werkserie „Highway“. In seinen „Zwitter“-Plastiken verwebt der 41-jährige Prager bunte Vogelfiguren mit Automobilen, die er somit auf skurrile Art und Weise „recycelt“.

Die Organisatoren der Expo 2015 erwarten in den kommenden sechs Monaten rund 20 Millionen Besucher. Da der tschechische Pavillon an der Hauptachse der Ausstellung unweit des Haupteingangs liegt, erhofft man sich dementsprechend viel Aufmerksamkeit, auch wenn Potužník zufolge mit rund 200 Millionen Kronen (etwa 7,3 Millionen Euro) ein weitaus kleineres Budget zur Verfügung stand, als manch eine Vertretung in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Die Expo 2015 findet von 1. Mai bis 31. Oktober statt. Weitere Informationen unter www.czexpo.com

Im Gespräch: Jiří Potužník, Leiter des tschechischen Expo-Pavillons

Die Tradition origineller tschechischer Pavillons bei Weltausstellungen ist bemerkenswert. Was macht den Bau in diesem Jahr einzigartig?

Jiří Potužník: Herausragend ist der neutrale ökologische Fußabdruck des Gebäudes, auch bei hundertprozentiger Auslastung, sowie die damit einhergehende Nachhaltigkeit. Und dank seiner modularen Bauweise kann unser Haus sehr schnell und einfach auf- und wieder abgebaut werden. Bei dieser Weltausstellung waren wir dadurch sogar die Ersten, die mit dem Aufbau des Pavillons fertig wurden. Außerdem verfügen wir über eine einzigartig gute Lage, gleich nach dem Haupteingang und dem „Expo Center“, einem der zentralen Kultur- und Informationszentren.

Das Motto der Ausstellung lautet „Den Planeten ernähren, Energie für das Leben“. Was kann tschechische Technologie und Wissenschaft zu diesen globalen Themenkomplexen beisteuern?

Potužník: Wir konzentrieren uns auf spezielle, eher untergeordnete Themen dieser Weltausstellung. So stellt zum Beispiel das tschechische Nanotechnologie-Unternehmen Nafigate seine neuesten Ergebnisse im Bereich der experimentellen Botanik vor. Seinen wissenschaftlichen Mitarbeitern ist es gelungen, einen natürlichen Impfstoff für Haustiere herzustellen, der schonender und effizienter ist als Antibiotika. Auch im Bereich Chemie und Biochemie sind tschechische Forschungsinstitutionen global mit führend.

Eine Weltausstellung bedeutet stets eine Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor. Wer kann hier die Führung in eine ökologisch sauberere Zukunft besser übernehmen? Wirken ökonomische Interessen der Unternehmen nicht oft hemmend auf eine nachhaltige Entwicklung?

Potužník: Es war ja zum Beispiel die private Firma Koma, die diesen Pavillon mit wiederverwertbaren Elementen entwarf. Ich persönlich nehme viele Entscheidungen des Staates und der Regierung so wahr, dass nicht immer nach den realen Interessen und dem echten Potenzial der Privatwirtschaft entschieden wird, welche Technologien gefördert werden sollen und welche nicht. Bestes Beispiel war die jahrelange Unterstützung der Photovoltaik-Anlagen in unserem Land.

Welche Botschaften möchten Sie den Besuchern des Pavillons über Ihr Land mit auf den Weg geben?

Potužník: Wir möchten vermitteln, dass nicht die Größe eines Landes entscheidend ist, sondern seine Schönheit und die Kraft der Ideen seiner Bewohner. Wir zeigen, dass die Tschechische Republik über ein außergewöhnliches kulturelles, wissenschaftliches und wirtschaftliches Potenzial verfügt.

Welche Höhepunkte stehen an?

Potužník: Der ganze Pavillon ist im Prinzip eine einzige große Galerie. So sind für längere Zeit Werke der jungen Bildhauer und Designer Lukáš Rittstein, Jakub Nepraš, Maxim Velčovský und Frederico Díaz zu sehen. Unser Programm beinhaltet Tanz, Theater, Comedy und Musik. Eine Besonderheit wird die Weltpremiere eines Oratoriums des Bauer-Orgelorchesters aus Prag sein. Außerdem präsentieren sich alle zwei Wochen abwechselnd die tschechischen Regionen.



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