Im freien Fall der Geschichte

Im freien Fall der Geschichte

In seinem Buch blickt Hans-Dietrich Genscher zurück auf die Ereignisse im Herbst 1989 in der Prager Botschaft

18. 3. 2015 - Text: Volker StrebelText: Volker Strebel; Foto: Bundesregierung,145 Bild-00048987, Seebode

Die Bilder vom nächtlichen Auftritt auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft im spätsommerlichen Prag 1989 sind für alle unvergesslich, die jene dramatischen Wochen und Monate miterlebt haben. Der bundesdeutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher hatte das bislang Unmögliche verkündet – die Ausreise der DDR-Flüchtlinge am 20. September 1989 war von den Machthabern in Ost-Berlin bewilligt worden. Vor Ort konnte Genscher freilich nicht zuende sprechen. Für alle Zeit bleibt es ein angerissener Satz, dessen Kernaussage „dass heute Ihre Ausreise …“ im frenetischen Jubel untergehen lässt. Das Tauziehen um jene DDR-Bürger, die im Prager Palais Lobkowitz, dem Sitz der bundesdeutschen Botschaft, Unterschlupf suchten, hatte sich über Wochen hingezogen.

Zusammen mit seinen Mitarbeitern hat sich der tschechische Historiker Karel Vodička der Mühe unterzogen, über 9.000 Archivdokumente seitens der beteiligten Akteure aber auch der zugeschalteten Überwachung zu sichten und wissenschaftlich auszuwerten. Die daraus entstandene Untersuchung liest sich stellenweise spannend wie ein Krimi. Die Fakten und ihre jeweilige Kommentierung durch parteiamtliche Medien widerspiegeln die dramatischen Vorgänge eines „real existierenden Sozialismus“ im freien Fall der Geschichte. Hier kann man nachlesen, zu welchen Versteigungen eine  „Lügenpresse“, die dieses Wort verdient, damals imstande war.

Der vorliegende Band illustriert eine grundlegende These von Hans-Dietrich Genschers Prolog „Der Kreis schließt sich“. In seiner Einschätzung der Vorgänge um die deutsche Botschaft in Prag spricht der ehemalige Außenminister von einem „Urstrom“, der „in dieser europäischsten aller europäischen Städte“ seinen Lauf genommen hat. Am Ende standen der Zusammenbruch der DDR, der ČSSR sowie die friedliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Die von Ostberlin bewilligte und von Genscher verkündete Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik wirkte wie eine Initialzündung. Bereits am nächsten Tag standen die nächsten Ausreisewilligen vor den Toren der Botschaft oder überstiegen die Zäune des Anwesens. Hunderte von verlassenen Autos prägten das umliegende Stadtbild. Im Oktober verharrten zeitweise über 6.000 Personen auf dem Gelände sowie in unmittelbarer Umgebung der Botschaft. Die sozialen und vor allem hygienischen Zustände sprengten die Maße des Erträglichen. Die Menschen hausten auf den überfüllten Gängen und Fluren sowie in Zelten im verschlammten Garten. Zum Teil musste man stundenlang an den Toiletten anstehen. Die Gefahr eines Ausbruchs von Seuchen wuchs. Der Botschafter Hermann Huber und seine Mitarbeiter wie auch die anwesenden Hilfskräfte des Roten Kreuzes leisteten Übermenschliches.

Realistisches Bild
Während sich die Vertreter der Bundesrepublik um die Zustände in Prag sorgten, fürchteten die Machthaber in Ostberlin, dass die Feierlichkeiten des anstehenden 40. Jahrestages der Gründung der DDR am 7. Oktober 1989 Schaden nehmen könnten.

Unfähig, sich ein realistisches Bild der Lage zu machen oder gar Schlüsse daraus zu ziehen, verstieg sich die politische Führung in Ostberlin dazu, am 4. Oktober die Grenzen zwischen der DDR und der ČSSR zu schließen. Diese scheinbare Stabilisierung wirkte wie ein Katalysator und wird im vorliegenden Buch als „Startschuss zur Revolution“ charakterisiert. Während die auferlegte Ausreiseroute über das Staatsgebiet der DDR auf den dortigen Bahnhöfen bislang ungeahnte Demonstration auslöste, sorgte die überraschende Aufhebung der Visumspflicht ab dem 1. November für neue Anstürme von DDR-Flüchtlingen. Ab jetzt konnten diese sogar unmittelbar aus der ČSSR in die Bundesrepublik ausreisen, etwa eine Woche vor dem berühmten Mauerfall am 9. November 1989.

Der mit zahlreichen Fotos ausgestattete Band wird von einer Zusammenfassung über „Die politische Lage vor der Implosion der Regime in der DDR und ČSSR“ sowie mit eindrucksvollen „Reflexionen eines Prager Oppositionellen“ von Petr Pithart ergänzt. Als ehemaliger Bewohner der Prager Kleinseite war Pithart unmittelbarer Augenzeuge und als einer der führenden tschechischen Dissidenten ein glaubwürdiger Analytiker des moralisch wie ökonomisch maroden Zustandes der damaligen ČSSR. Petr Pitharts Fazit ist nichts hinzuzufügen: „Dieser plötzliche Einfall der Freiheit in die bislang starre, für 20 Jahre durch die Okkupation verstummte Stadt war ein unermesslicher Beitrag zur Beendigung der Verhältnisse in Mitteleuropa. Er führte die Prager dazu, sich zu erheben“.

In übersichtlicher Weise sind jene dramatischen und sich überschlagenden Ereignisse dargestellt. Zugleich ist mit diesem „Beitrag zur Herausbildung einer gemeinsamen deutsch-tschechischen und europäischen Erinnerungskultur“ ein weiteres Anliegen der Autoren erfolgreich gemeistert worden.

Hans-Dietrich Genscher/Karel Vodička: Zündfunke aus Prag: Wie 1989 der Mut zur Freiheit die Geschichte veränderte. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2014, 352 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-423-28047-1



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