„Ich kann Theresienstadt nicht besuchen“

„Ich kann Theresienstadt nicht besuchen“

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch über das Gedenken an 70 Jahre KZ-Befreiung, TV-Sendungen zur NS-Zeit und den Antisemitismus in Tschechien

24. 6. 2015 - Text: Petr JerabekInterview: Petr Jerabek; Foto: blu-news.org

Sie selbst überlebte den Holocaust dank eines abenteuerlichen Versteckspiels, ihre geliebte Großmutter Albertine Neuland wurde im Konzentrationslager Theresienstadt nördlich von Prag ermordet: Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, spricht im Interview mit Petr Jerabek über das Gedenken an den Holocaust, ihre Probleme mit Theresienstadt, die umstrittene Fernsehshow „Urlaub im Protektorat“ und die jüdischen Gemeinden in Tschechien.

Frau Knobloch, in den vergangenen Wochen wurde mit Festakten in den früheren Konzentrationslagern an deren Befreiung vor 70 Jahren erinnert. Wie wichtig sind solche Gedenkveranstaltungen?

Charlotte Knobloch: Dieses Gedenken, dieses Erinnern daran, wie Deutschland ganz Europa ins Unglück gestürzt hat, ist sehr wichtig, damit so etwas nicht mehr passiert. Man muss das immer wieder an die Öffentlichkeit bringen, auch wenn es manchen zu viel ist. Gedenktage sind wichtig, auch weil dann die Medien auf das Thema eingehen: Dass in diesem kultivierten Land der Dichter und Denker Menschen geschlachtet wurden, nur weil sie eine andere Religion hatten. Bald beginnt die Epoche ohne Zeitzeugen, dann brauchen wir diese Gedenktage, -stätten und Museen, um das Vergangene ins Gedächtnis zu rufen – vor allem jungen Menschen, die sich das Ungeheuerliche gar nicht vorstellen können.
Für Ihre Großmutter, die von den Nazis ins KZ Theresienstadt deportiert wurde, kam die Befreiung einige Monate zu spät.

Haben Sie Theresienstadt, also den Ort, an dem Ihre Großmutter ermordet wurde, jemals besucht?

Knobloch: Nein. Ich werde dort auch nicht hingehen. Damit habe ich Probleme, andere haben das nicht. Schon die jährlichen Besuche in Dachau fallen mir schwer. Ich habe auch meine Probleme mit Filmen, die sich mit diesen Themen befassen – zum Beispiel habe ich nie „Schindlers Liste“ gesehen. Von Theresienstadt bin ich selbst persönlich stark betroffen, deswegen gehe ich dort nicht hin, auch wenn ich schon öfter Gelegenheit dazu gehabt hätte.

Weil es zu emotional wäre?

Knobloch: Ich kann’s nicht. Nicht dass ich nicht will – sondern … ich kann es einfach nicht.

Das Tschechische Fernsehen zeigte in den vergangenen Wochen die Reality-Show „Urlaub im Protektorat“, bei der eine echte Familie unter Verhältnissen wie in der Zeit der Besatzung durch die Nationalsozialisten leben sollte. Verträgt sich die Aufarbeitung der NS-Zeit mit einem solchen TV-Format?

Knobloch: Hatte diese Familie durch die Nationalsozialisten Nachteile?

Ja, sie wird in der Serie von der Gestapo drangsaliert. Es gab aber viel Kritik an dem Format aus dem In- und Ausland.

Knobloch: Ich habe da vielleicht einen anderen Erfahrungswert. Jahrzehntelang haben weder wir als Opfer noch die Täter und ihre Nachkommen über diese Zeit gesprochen. Hier und da hat man sich in irgendeiner Form mit einem Gedenktag befasst, aber die persönlichen Erlebnisse wurden weder auf der einen noch auf der anderen Seite an die Öffentlichkeit gebracht. Es herrschte Schweigen. Und dieses Schweigen wurde gebrochen – nicht zu glauben, aber ich hab’s erlebt – durch die Serie „Holocaust“, die Ende der siebziger Jahre aus den USA kam: Zu sehen war eine jüdische Familie, die zunächst ganz normal in Deutschland lebte, dann aber entrechtet, gedemütigt und in den Tod getrieben wurde. Diese Serie hat einen Umschwung gebracht. Plötzlich wurde aus dem Erlebten heraus über die Vergangenheit gesprochen. Es war eine Sensation. Da ich die Inhalte der tschechischen Sendung nicht kenne, kann ich natürlich nicht sagen, ob man das vergleichen kann.

Das heißt, solange es ein Denkanstoß ist, der gegen das Vergessen hilft, ist für Sie auch ein solches TV-Format in Ordnung?

Knobloch: Das ist meine Meinung, aus dieser Erfahrung heraus. Natürlich kommt es inhaltlich darauf an, wie es dargestellt wird. Man muss schon die Realitäten zeigen, wie sie waren. Wenn dann ein gesellschaftlicher Diskurs in Gang gebracht wird, der Geschichts- und Verantwortungsbewusstsein fördert, ist auch das ein gangbarer Weg.

Streit gab es auch über die „Tage Jerusalems“ in der Europäischen Kulturhauptstadt 2015 Pilsen. Persönlichkeiten wie Noam Chomsky, Roger Walters und Alice Walker beklagten, mit dem Programm werde illegales Vorgehen Israels in Jerusalem legitimiert. Die Veranstalter wiesen dies zurück: Jerusalem werde als kulturelles Zentrum verschiedener Kulturen gefeiert.

Knobloch: Ich bin absolut dafür. Jerusalem ist eine Stadt mit verschiedenen Religionen, mit verschiedenen Kulturen.
Jerusalem ist nicht nur Vergangenheit, sondern auch Gegenwart und Zukunft. Das hat sehr viel mit der Kulturhauptstadt zu tun, darum sollte das auch gezeigt werden. Auch Pilsen war ja früher eine stark jüdisch frequentierte Stadt, besaß eine blühende jüdische Gemeinde. Wir erleben immer öfter, dass einseitige anti-israelische Propagandisten die Meinungshoheit für sich beanspruchen. Dazu gehört auch, Veranstaltungen, die die Realität abbilden und dem absurden anti-israelischen Mainstream nicht entsprechen, zu kritisieren. Ich bin froh, dass diese Strategie im vorliegenden Fall nicht funktioniert hat.

Lange Jahre waren Sie auch Vize-Präsidentin des Jüdischen Weltkongresses und des Europäischen Jüdischen Kongresses. Wie nehmen Sie die Lage der Juden in Tschechien wahr?

Knobloch: Ich kenne den Sekretär der Föderation der jüdischen Gemeinden in der Tschechischen Republik, Tomáš Kraus, sehr gut. Von ihm habe ich immer nur positive Worte gehört. Es sind natürlich sehr kleine Gemeinden, aber sie sind sehr zuversichtlich und sehr aktiv.

Doch ähnlich wie in Deutschland ist auch in Tschechien im vergangenen Jahr die Zahl antisemitischer Vorfälle gestiegen.

Knobloch: Es gibt sicherlich auch Probleme, wie wir sie haben. Der Antisemitismus ist keine deutsche Erfindung, es gibt ihn in ganz Europa. Antisemitismus gibt es sogar in Ländern, in denen keine Juden leben. Auch in Tschechien ist das vorhanden. Zudem sollten sich gerade die Länder in Osteuropa auch dem Schicksal der Sinti und Roma widmen. Die Vorurteile gegen diese Völkergruppe müssen bekämpft werden. Natürlich müssen auch die Sinti und Roma daran arbeiten, um die Vorwürfe zu widerlegen. Sehr wichtig wäre, dass man mit dieser Völkergruppe zusammenarbeitet, statt gegen sie zu arbeiten.

Zur Person
Charlotte Knobloch wurde 1932 in München geboren. 1936 verließ ihre Mutter auf Druck der Gestapo die Familie, neben dem Vater kümmerte sich fortan die Großmutter Albertine Neuland um Charlotte und wurde zu ihrer wichtigsten Bezugsperson. Als Sechsjährige erlebte Charlotte an der Hand ihres Vaters die Reichspogromnacht. 1942 brachte sie ihr Vater zu einer katholischen Bauernfamilie in Mittelfranken, wo eine Frau sie als ihre uneheliche Tochter ausgab und damit rettete. Die über alles geliebte Großmutter wurde 1942 ins KZ Theresienstadt deportiert, wo sie 1944 starb. Knoblochs Vater Fritz Neuland, der die Zeit als Zwangsarbeiter überlebte, wurde 1951 zum Präsidenten der dezimierten Münchner jüdischen Gemeinde gewählt und blieb es bis zu seinem Tod 1969. Im Jahr 1985 trat Knobloch in seine Fußstapfen und steht seither an der Spitze der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern, die heute mit rund 9.500 Mitgliedern die zweitgrößte jüdische Gemeinde in Deutschland ist. Durch unermüdlichen Einsatz erreichte Knobloch es, dass seit 2006 mitten in München wieder eine repräsentative Synagoge samt Gemeindezentrum steht. Von 2006 bis 2010 war Knobloch Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, von 2005 bis 2013 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses.   (pj)



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