Göttliche Muskelspiele

Göttliche Muskelspiele

In Boris Baromykins Fotografien leben Prags wilde Sechziger auf

21. 5. 2015 - Text: Sophie KohoutekText: Sophie Kohoutek; Foto: Muzeum hlavního města Prahy

Damen mit dicken Lidstrichen und toupierten Haaren, alte Autos mit geschwungenen Karosserien und Musiker mit sonderbaren Kostümen – solche und ähnliche Motive faszinierten Boris Baromykin seit seiner Zeit an der Prager Filmakademie FAMU, an der er 1964 seinen Abschluss machte. Der Leidenschaft für die Fotografie blieb der im südmährischen Třebíč geborene Baromykin stets treu. Die Ergebnisse dieser Passion versetzen den Betrachter nun im städtischen Museum zurück in die wilden sechziger Jahre. Auch in der Kapitale der sozialistischen Tschechoslowakei wurde in Schlaghosen zu Twist getanzt und die Haarpracht bei Rockkonzerten geschwungen. „Was die Zeit nicht mehr zurückgibt“ („Co čas už nevrátí“) ist der nostalgische Titel einer beeindruckenden Fotoausstellung, die 150 größtenteils unbekannte Werke in Großformat bereithält.

Die Schau wurde thematisch zweigeteilt. Die erste Hälfte zeigt Menschen in alltäglichen Situationen: Sie stehen an einer Tramhaltestelle und kramen in ihrer Handtasche oder waschen einen Spartak. Es sind Momentaufnahmen, die aufgrund ihrer authentischen Banalität nahe gehen und den Rezipienten mit in die Epoche des Prager Frühlings nehmen. Besonders geheimnisvoll wirkt ein Bild von zwei jungen Burschen, das den Namen „Nachtleben“ („Noční život“) trägt. Wie alte Junggesellen schlendern sie, frisch gekämmt und herausgeputzt, durch die von flimmernden Lichtern gesäumten Straßen der nächtlichen Großstadt. Wo gehen sie hin? Was haben sie noch vor? Baromykins Fotografien regen die Phantasie des Betrachters an, sodass man sich die Geschichte um die Protagonisten selbst zusammenreimt.

Im zweiten Teil der Schau trifft man auf die tschechoslowakische Prominenz. Baromykin fotografierte auf vielen Konzerten und blickte hinter die Kulissen. So wird man Zeuge von Karel Gotts jugendlicher Narretei, wie er Backstage und mit nacktem Oberkörper seine Muskeln präsentiert oder wie seine Kollegin Pavlína Filipsková mit schelmischen Blick die Fanpost seiner Verehrerinnen liest. Auch andere Stars wie Helena Vondráčková, Václav Neckář und Waldemar Matuška kann man bei Theater- und Konzertauftritten beobachten, eingefangen in der besonderen Atmosphäre des performativen Akts. Einnehmend sind auch die Porträtaufnahmen bedeutender Künstler jener Zeit wie zum Beispiel des Malers Jan Zrzavý.

„Was die Zeit nicht mehr zurückgibt“ bietet einen fantastischen Querschnitt durch das öffentliche Leben im Prag der sechziger Jahre. Kunstvolle Schnappschüsse fangen das spezielle Flair der Stadt und seiner Bewohner ein und ermöglichen eine einzigartige Zeitreise.

Boris Baromykin – Was die Zeit nicht mehr zurückgibt. Stadtmuseum (Na Poříčí 52, Prag 8), geöffnet: täglich außer montags 9 bis 18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 50 CZK), bis 11. Oktober



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