Geben Sie mir Ihren Segen!
Glosse

Geben Sie mir Ihren Segen!

Vertraulicher Brief an den wiedergewählten EU-Abgeordneten Martin Sonneborn

28. 5. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Lino Von Linares, CC-BY-SA 4.0 DE

Sehr geehrter Herr Europa-Abgeordneter,
lieber Kollege Sonneborn,

ich gratuliere Ihnen zur Wiederwahl ins Europäische Parlament. Und natürlich auch dazu, dass Sie für Ihre „Partei“ zwei weitere Abgeordnetensitze hinzugewonnen haben. Nichtsdestotrotz sind und bleiben Sie mir auch jetzt noch etwas schuldig. Nämlich eine Erklärung dafür, warum ich noch immer keinen „Segen“ von Ihnen bekommen habe.

Der „Segen“ war bekanntlich ab 2008 ein Preis für die beste Nachrichtenglosse des Jahres. Sozusagen der Nobelpreis für ironisch gestimmte Journalistinnen und Journalisten. Deshalb gab es neben der Ehre sagenhafte 500 Euro in bar und steuerfrei auf die Pranke. Alle, die jemals damit ausgezeichnet wurden, werben heute in großen biographischen Lettern mit Ihrem „Segen“.

Leider wird dieser Preis seit 2012 nicht mehr vergeben. Ausgerechnet seit jenem Zeitpunkt, da unweigerlich ich als Preisträger an der Reihe gewesen wäre. Stattdessen verzogen Sie sich kurz darauf nach Europa, um mit dem Parlament Ihre Späßchen zu treiben. Woraus ein kurzweiliges Buch entstanden ist, das ich erst kürzlich entdeckt habe. Höchste Zeit, dass ich mich nun in der Angelegenheit „Segen 2012“ noch einmal bei Ihnen melde. Bereits im Dezember 2012 hatte ich dazu einige Anmerkungen zu Papier gebracht. Sie erinnern sich sicher. Falls nicht, hier noch einmal in Kurzform dieser für mich nach wie vor schmerzvolle Text:

Pulverturm, 6. Dezember 2012

Segensreiche FTD
Die „Financial Times Deutschland“ (FTD) erscheint diese Woche zum letzten Mal. Das ist eine gute Nachricht. Nicht für die vielen Kolleginnen und Kollegen, denen unser tiefstes Mitgefühl gilt. Sondern für uns. Denn jahrelang räumte FTD den „Segen“ für die beste Glosse ab.
Glossen gelten als „Krönung des journalistischen Handwerks“, werden aber kaum prämiert. Nur der „glossendienst“ in Berlin vergibt dafür jährlich einen Preis, eben seinen „Segen“. Den für 2008 erhielt Marc Schürmann von FTD. Im folgenden Jahr setzte sich Tillmann Prüfer mit einer Arbeit in der FTD durch. Dabei schlug er unter anderem Marc Schürmann (FTD) aus dem Rennen.
Den „Segen 2010“ holte André Mielke für die „Berliner Zeitung“. Marc Schürmann (FTD) soll damals nur ganz knapp unterlegen sein. Fraglos eine Konzessionsentscheidung, da deutlich bessere Einsendungen vorlagen. Etwa ein „Pulverturm“ von uns.
Damit ließ die Jury schon erste Anzeichen von Resignation erkennen. Trotzdem erteilte sie erneut FTD den „Segen 2011“, und zwar in Person von Falk Heunemann. Er stach Simon Book (FTD) aus, der sicher von Marc Schürmann (FTD) mit wärmenden Worten getröstet wurde.
Dass die „Financial Times Deutschland“ künftig nicht mehr mitbieten kann, ist für uns und alle anderen ein Segen. Sofern den Wettbewerb ohne FTD nicht sowieso das Zeitliche segnet.

Wir ahnten damals nicht wirklich, dass wir mit dieser Prognose recht behalten und es tatsächlich keinen weiteren „Segen“ mehr geben sollte. Bleiben Sie mir nun bitte mit dem Hinweis vom Leibe, man habe Sie nicht wissen lassen, dass ich niemals „gesegnet“ wurde. Denn verschiedene Verteiler beglückten mich anschließend mit vielerlei nützlichen Informationen.

Ich glaube mich zu erinnern, dass darunter Ihre Titanic, Ihre SPAM-Redaktion und, ja, auch Ihre „Partei“ in frühen Jahren waren. Möglicherweise in umgekehrter Reihenfolge. Nur die Nachricht, dass ich den „Segen“ erhalten werde, fehlte stets.

Reden Sie sich auch nicht damit heraus, dass eigentlich ein Berliner „glossendienst“ für die Preisvergabe verantwortlich war. Er setzte gerade Sie – den neuen Ephraim Kishon, den Großmeister der deutschen Satire, das Vorbild für uns alle (außer für Hans Zippert, vermutlich) – als Präsidenten der Jury ein. Und damit hatten Sie das letzte Wort!

Das wissen wir von der „Prager Zeitung“ ganz genau, denn schon einmal war eine Jury vollzählig und ausnahmslos für uns eingetreten – bis auf den Präsidenten. Weshalb dann nicht wir diese Auszeichnung erhielten, sondern der Favorit des Präsidenten.

Jetzt, da der leidige Wahlkampf für Sie ein Ende hat, hoffe ich fest darauf, dass Sie Ihrer jahrelang versäumten Pflicht nachkommen und mir endlich zum „Segen“ verhelfen – noch rechtzeitig vor dem zehnjährigen Jubiläum seiner Nichtverleihung.

Rund 15 Jahre lang verfasste ich Woche für Woche einen Pulverturm, die wöchentliche Glosse in der „Prager Zeitung“. Und zwar immer. Also auch im Urlaub, im Krankenhaus, in der Sauna, während des Aqua-Joggings zum Wohle meiner ruinierten Bandscheiben. Deshalb war diese Glosse über all diese Jahre sehr beliebt. Wenn auch nur bei jenen, für die ein Glas immer halbleer ist und nicht halbvoll.

Bis 2016 wartete ich ebenso hoffnungsfroh wie vergeblich darauf, dass der „Segen“ wiederbelebt wird, damit er endlich an mich geht. Danach erschien die „Prager Zeitung“ nicht mehr in Printform und damit auch nicht mehr der „Pulverturm“. Trotzdem nehme ich selbstverständlich jetzt noch gerne einen „Dauer-Segen“ aus Ihren Händen entgegen. Gleichsam für mein Lebenswerk. Ich bin überzeugt davon, dass Ihr erstes politisches Ziel nur sein kann, sich in der kommenden Legislaturperiode für einen „europäischer Segen“ stark zu machen. Mit aller Kraft. Schon deshalb, weil die Zusammensetzung der künftigen Abgeordnetenbänke dafür preiswürdigen Stoff ohne Ende liefern dürfte. Ich wünsche Ihnen dafür von Herzen viel Erfolg!

Herzliche Grüße
Klaus Hanisch, Prager Zeitung

PS: Falls Sie sich außerstande sehen, mich zum jetzigen Zeitpunkt noch mit einem „Segen“ zu bedenken, nehme ich zur Not auch einen Ihrer beiden neuen Parlamentssitze in Straßburg ein.

PPS: Falls Sie sich weder zu einem „Segen“ durchringen können, noch einen Parlamentssitz an mich abtreten wollen, würde ich ein Exemplar Ihres Buches akzeptieren.

PPPS: Im Gegenzug biete ich an, Ihnen mein Buch über „Prager Nachtschwärmer“ zukommen zu lassen. Es enthält mehrere Kapitel, die ein feinsinniger Mensch für satirische Anmerkungen halten kann.

PPPPS: Sofern Sie den „Segen“ nicht auf europäischer Ebene durchbekommen, sollten Sie ihn zumindest in Deutschland wiederbeleben. Als ersten Preisträger könnte ich mir ein Kapitel aus meinem Buch „Prager Nachtschwärmer“ vorstellen.

PPPPPS: Mich treibt noch immer die Frage um, warum die „Financial Times Deutschland“ nicht auch den Preis für 2010 bekommen hat. Dadurch entstand ein unschöner Einriss in der ansonsten flüssig zu lesenden Gewinnerliste von FTD-Preisträgern. Möglicherweise könnten Sie mir auch darauf eine kurze Antwort zukommen lassen.

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