Fichte der Freundschaft

Fichte der Freundschaft

Den Petersplatz in Rom schmückt in diesem Jahr ein bayerisch-tschechischer Weihnachtsbaum

19. 12. 2013 - Text: Petr JerabekText: Petr Jerabek; Foto: Stefano Costantini

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Sie hat das Zeug zur Romanheldin: groß geworden im Kalten Krieg, nur wenige Schritte von Stacheldraht und Bodenminen entfernt – gepflanzt vermutlich von Grenzsoldaten, die den Eisernen Vorhang bewachten und Tschechen an der Flucht vor dem sozialistischen Regime hinderten. Und eben diese Fichte ist nun ein grenzüberschreitendes Geschenk für das Oberhaupt der katholischen Kirche und schmückt den Petersplatz in Rom: Vergangenen Freitag wurde der 25 Meter hohe Weihnachtsbaum festlich erleuchtet – und es steht ihm noch eine aufregende Zeit bevor.

In den vergangenen Wochen hatte es Verwirrung um die prachtvolle Fichte gegeben. Mitte November teilte der Verein Trenck-Festspiele im oberpfälzischen Waldmünchen mit, Papst Franziskus bekomme in diesem Jahr einen Christbaum aus Bayern: eine Fichte aus dem Bayerischen Wald, aus der Umgebung von Waldmünchen. „Ein Christbaum aus der Mitte Europas für die Mitte der Christenheit“, verkündete Vereinsvorstand Alois Frank. Die Schirmherrschaft über die Aktion übernahm Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), der Abtransport nach Rom wurde groß inszeniert: Prominenz aus Kirche und Politik verabschiedete den 30 Meter langen Tieflader zunächst in Regensburg und dann noch einmal in München.

Noch am Freitag war in der ZDF-Sendung „heute“ vom „Weihnachtsbaum aus Bayern“ die Rede. Dabei hatte sich schon vor Wochen herausgestellt, dass die Fichte mitnichten im Bayerischen Wald geschlagen worden war, sondern auf der anderen Seite der Grenze, im Böhmerwald. Steht auf dem Petersplatz gar kein bayerischer, sondern ein tschechischer Baum?

Auch wenn eine Zeitung einen „Grenzstreit“ um die Papst-Fichte ausmachte – die Verantwortlichen winken ab. Die Ehre, den Weihnachtsbaum auf den Petersplatz zu bringen, sei mit hohen Transportkosten verbunden, sagte der Bürgermeister der westböhmischen Stadt Domažlice (Taus), Miroslav Mach. „Eine solche Ausgabe könnten wir uns definitiv nicht leisten.“ Daher habe die Stadt mit Freude die Gelegenheit ergriffen, sich an der Aktion der Nachbarn aus Waldmünchen zu beteiligen. „Sie haben die komplette Finanzierung des Transports der Fichte aus dem Tal von Fichtenbach (Bystřice) nach Rom sichergestellt.“

Polizeigeleit für eine Fichte
Der Baum stammt also aus Tschechien, ist aber ein bayerisches Geschenk für Franziskus. Damit können beide Seiten gut leben. Es sei ein „wunderbares Zeichen der Gemeinsamkeit, dass dieser Baum jetzt sozusagen als Baum der Freundschaft“ auf dem Petersplatz stehe, sagte Bayerns Europaministerin Beate Merk (CSU), die für die Staatsregierung zur Übergabe der Fichte nach Rom reiste. Auch für den Bischof von Pilsen, František Radkovský, symbolisiert der Baum die riesigen Fortschritte in den bayerisch-tschechischen Beziehungen. Besonders groß ist die Freude über diesen Weihnachtsbaum bei den Sudetendeutschen. „Er verbindet Bayern und Böhmen auf der Basis des christlichen Glaubens“, sagte der oberste Repräsentant der Sudetendeutschen, Bernd Posselt, der „Prager Zeitung“. „Der Christbaum weist aus der gemeinsamen Geschichte in die gemeinsame Zukunft.“

Am Stadtrand von Rom war der Weihnachtsbaum-Transport von der italienischen Polizei in Empfang genommen und zum Vatikan geleitet worden, wo die Fichte geschmückt wurde. Zur feierlichen Illumination reisten Delegationen aus Waldmünchen und Domažlice an – und wurden gemeinsam vom Papst zu einer Audienz empfangen. „Dieser Baum ist ‚international’“, verkündete Franziskus in seiner kurzen Ansprache.

Nicht nur Rom-Pilger können den Weihnachtsbaum in den nächsten Wochen bewundern. Beim traditionellen Weihnachtssegen des Papstes „Urbi et Orbi“ am 25. Dezember werden Menschen überall auf der Welt die Fichte im Fernsehen zu sehen bekommen. Die Geschichte dieses besonderen Baums endet damit aber noch lange nicht: Nach dem Ende der Weihnachtsfeierlichkeiten sollen aus seinem Holz Alltagsgegenstände und Spielwaren für bedürftige Kinder hergestellt werden. Der bayerisch-böhmische Baum soll noch viel Freude bereiten.