Erotikromane mit Anspruch

Erotikromane mit Anspruch

Iva Pekárková schreibt provokant und multikulturell über Liebe

10. 9. 2015 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Iva Pekárková/Kenneth Osieme Odozi

Als Iva Pekárková dreizehn Jahre alt war und noch in Prag lebte, fing sie an, Geschichten zu schreiben. Sehr zum Missfallen ihres Vaters, eines Physikers. Der sah damals, in den siebziger Jahren, die regimekritischen Texte des Töchterchens als Gefahr für die ganze Familie. „Wenn er mein Geschriebenes fand, zerriss er es sofort in Stücke. Dabei sprang er herum und hatte Schaum vor dem Mund“, sagt Iva Pekárková mit einem spitzbübischen Lächeln. Das Verhalten des Vaters habe sie nämlich erst recht zum Schreiben animiert. Heimlich schrieb sie weiter ihre gefährlichen Geschichten, die sie in einer Plastiktüte unter einem lockeren Stein in der Gartenmauer versteckt hielt.

Heute, mit 52, lebt Iva Pekárková in London und ist Schriftstellerin von Beruf. Neunzehn Bücher hat sie bereits verfasst und dabei kein Blatt vor den Mund genommen. Sie sagt alles. Vor allem über Sex. Dort, wo üblicherweise in Romanen dezent die Schlafzimmertür zugeht, steht sie in Pekárkovás Werken sperrangelweit auf. Zum Beispiel in ihrem aktuellen Buch „Levhartice“ („Die Leopardin“). Darin erzählt sie von Kapitel zu Kapitel über die körperliche Liebe, wie sie eine weiße Frau, eine Tschechin, mit wechselnden schwarzen Partnern erlebt. Einen Erotikroman nennt der tschechische Verleger das Buch. Rezensenten vergleichen es mit dem Bestseller „Fifty Shades of Grey“. Dieser Vergleich jedoch sitzt nicht. Pekárkovás Lektüre enthält zwar pornografische Züge und Vulgarismen, trotzdem wird sie literarischen Ansprüchen gerecht. Es ist die Geschichte einer enttäuschten, ja traumatisierten Mittvierzigerin, die den Selbstmord ihrer Tochter und anschließenden Zerfall ihrer Ehe zu verkraften hat. Was nun? Mit verwundeter Seele auf die Rente warten? Die Romanheldin entscheidet sich anders. Sie will noch einmal anfangen und sich ins Leben stürzen, verlässt Tschechien und zieht nach London. Dort verordnet sie sich eine Therapie mittels Sex und meidet dabei weiße Männer – um zu vergessen. Am Ende findet sie ihr Glück in einer afrikanischen Familie als zweite Ehefrau. Ihr Wunsch, anders zu leben, geht in Erfüllung.

Mit der für viele provokanten Handlung erkundet die Autorin das Zusammenleben der Kulturen und sinnt darüber nach, wieso „manche Menschen ihre eigene Kultur nicht mögen, doch eine fremde fasziniert sie.“ Dem Buch hat sie deswegen ein afrikanisches Sprichwort vorangestellt: „Ein Leopard kann seine Flecken nicht ändern.“

Das weiß Iva Pekárková, die Weltenbummlerin, aus eigener Erfahrung. Um 1983 aus der Tschechoslowakei fliehen zu können, brach sie ihr Studium der Mikrobiologie kurz vor dem Abschluss ab. Ihr abenteuerlicher Weg führte über das österreichische Flüchtlingslager Traiskirchen in die USA. Lange Jahre arbeitete sie in New York als Taxifahrerin, später in London übrigens auch. Als ihr dort der Wagen geklaut wurde, nahm sie es zum Anlass, die Taxifahrerei an den Nagel zu hängen. Ihr Weg von New York nach London aber führte über Prag, wo sie in der Nachwendezeit ihr Glück suchte. Und sie fand es, in der Gestalt des Nigerianers Kenny, eines tschechischen Staatsbürgers. Mit ihrem um zwölf Jahre jüngeren Partner lebt sie nun im Süden Londons. An warmen Tagen sitzt sie regelmäßig mit Block und Stift in ihrem kleinen Garten und schreibt.

Dabei darf man sich nicht etwa eine Vorstadt-Idylle vorstellen. So zu leben wäre Pekárkovás Sache nicht. Ihr kleiner Garten gehört zu einer Sammelunterkunft, in der bis auf die Schriftstellerin ausschließlich Afrikaner leben. Achtzehn Personen in sieben Zimmern und zwei Gemeinschaftsküchen. Iva Pekárková mag es, so zu wohnen. Es ist billig und so kann sie als Autorin allein vom Schreiben leben. Und Kenny, ihr Fast-Ehemann (so nennt sie ihn), der selbst nicht viel verdient, kann regelmäßig mehr als die Hälfte seines Gehalts nach Nigeria schicken. Seine große Familie zu unterstützen sei sein Hobby und er mache das sehr gut, findet Iva Pekárková. „Wir haben auf diese Weise zwei von seinen neun Geschwistern das Studium ermöglicht und weiteren von ihnen den Einstieg in die Selbstständigkeit. Regelmäßig unterstützen wir auch seine alternde Mutter“, erzählt sie. Dass Kenny von einem anderen Kontinent kommt und eine andere Hautfarbe hat, ist ihr weniger wichtig. Er sei für sie schlicht ein naher Mensch, mit dem sie sich gut versteht. Von ihm und seiner Kultur hat Iva Pekárková vieles gelernt, zum Beispiel was Familienzusammenhalt heißt. Strahlend sagt sie: „Ich habe 150 Verwandte in Afrika, die mich lieben und für mich beten.“

Schreiben unter Hochdruck
Weil die Schriftstellerin zwischen den Kulturen lebt, kann sie nicht anders, als in Tschechien für ein  anderes Wahrnehmen der aktuellen Flüchtlingskrise zu werben. „Die Flüchtlinge sind ja keine schwarze Masse, es sind Menschen wie wir“, sagt sie und erzählt die Geschichte, wie Kenny einmal in einer Kneipe in Mělník auf einen Skinhead stieß. Dieser kam auf ihn zu und fragte, ob er seinen Arm berühren dürfe. Er durfte. Dann berührte er den Kopf, die Haare, die sich wie ein Teppich anfühlten und sagte schließlich: Ich mag Ausländer nicht, aber dich mag ich schon.

Dieser Kenny, den sogar Skinheads mögen, weilt jetzt schon seit Wochen in Nigeria und seine tschechische Londonerin vermisst ihn. Dabei sitzt sie täglich in ihrem kleinen Garten und schreibt unter Hochdruck an ihrem neuen Buch, das den Titel „Pečená zebra“ („Gebratenes Zebra“) tragen soll. Es ist der dritte Teil einer Trilogie, die von Beziehungen zwischen weißen Frauen und afrikanischen Männern handelt. Im ersten Teil „Sloni v soumraku“ („Elefanten in der Dämmerung“) erzählt die Schriftstellerin davon, warum diese Beziehungen häufig misslingen. Die authentische Liebesgeschichte einer alternden Britin und eines Senegalesen, der ihr Sohn hätte sein können, war die Vorlage. Wohlgemerkt: In Senegal gibt es keine Elefanten. In „Die Leopardin“ erzählt Iva Pekárková, warum schwarz-weiße Beziehungen manchmal doch gelingen, die Heldin ist eine Tschechin in London. Im Titel „Gebratenes Zebra“ versetzt sie die Handlung nach Tschechien. Die Heldinnen sind mehrere tschechische Frauen. Doch der Roman ist aus dem Blickwinkel eines Nigerianers geschrieben, der nach Europa kommt. Warum? Wie überlebt er? Was muss er tun, um bleiben zu können? Iva Pekárková schreibt fleißig in ihrem Londoner Garten, damit ihr „Gebratenes Zebra“ im November in den Regalen tschechischer Buchhandlungen ankommt.



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