Emanzipation dank Nähmaschine

Emanzipation dank Nähmaschine

Vojtěch Náprstek brachte wertvolle Fundstücke nach Prag – und kämpfte für Fortschritt und Frauenrechte

18. 5. 2016 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: P. Schöner

Als Adalbert Fingerhut wurde der Namensgeber einer Straße in der Altstadt 1826 geboren. Er war Forschungsreisender, begeisterter Sammler und Patriot: Seinen Namen übersetzte er 1880 ins Tschechische. Vojtěch Náprstek brachte von seinen Expeditionen wertvolle Fundstücke mit nach Prag, die heute im Náprstek-Museum für asiatische, afrikanische und amerikanische Kulturen am Bethlehem-Platz (Betlémské náměstí) zu bewundern sind.

Bereits im Jahr 1862 hatte Náprstek das Gewerbemuseum eingerichtet, das später zum Museum für Völkerkunde erweitert wurde. Dazu gehörte auch eine große Bibliothek, deren Grundstock die private Sammlung des Gründers bildete. Sie umfasst unter anderem Literatur über Völker­kunde, die Emanzipation der Frau und zur sozialen Frage – Themen, die den Forscher und Mäzen besonders interessierten.

Mit großem Engagement setzte sich Náprstek im 19. Jahrhundert für die Emanzipation der Frau ein. Die Schriftstellerin Karolina Světlá ehrte ihn dafür in einer Ansprache, die von 300 Frauen unterschrieben wurde: „Sie hatten die Ehre, der Erste in unserer Nation zu sein, der Mitleid mit unserer Not hatte. Denn es ist Not, wenn eine Schneiderin trotz all ihrer Mühen Hungers stirbt (…) Es ist Not, wenn man eine junge Frau nur wegen eines Mannes großzieht und wenn sie eine Ehe eingeht, nur um über­leben zu können.“

Als Student hatte sich Náprstek 1848 an den revolutionären Bewegungen in Prag und Wien beteiligt. Aus Sorge, verhaftet zu werden, emigrierte er nach der Niederschlagung der Revolution nach Amerika. Er blieb dort zehn Jahre, begeisterte sich für den technischen Fortschritt und verfolgte mit Interesse, wie Frauen an der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung mitwirkten.

Nach seiner Rückkehr setzte Náprstek sich in Prag dafür ein, Frauen mit Hilfe von technischen Geräten – wie zum Beispiel Nähmaschinen – im Haushalt zu entlasten, damit sie mehr Möglichkeiten hätten, sich weiterzubilden. Im Jahr 1865 überraschte Náprstek das Publikum bei einem Vortrag mit der These, dass Frauen genauso begabt seien wie Männer. Es sei notwendig, sie von den niederen Arbeiten zu befreien, damit sie im öffent­lichen Leben ihre Talente ent­wickeln könnten. Außerdem trat er für das Wahlrecht der Frauen ein und stellte einen Salon in seinem Geburtshaus am Bethlehem-­Platz zur Verfügung, damit sich Frauen dort zu Vorlesungen treffen konnten. Dazu lud er Wissenschaftler und Professoren wie Jan Evangelista Purkyně und Tomáš Garrigue Masaryk ein, die über Kultur, Wirtschaft und Politik sprachen. Außerdem organisierte dieser „Amerikanische Club der tschechischen Damen“ Besuche in Museen, Fabriken und landwirtschaftlichen Betrieben. Zu den Unterstützern zählten die Dichterinnen Božena Němcová, Karolina Světlá und Eliška Krásnohorská.

Náprsteks Mutter gehörte als Brauereibesitzerin und In­haberin mehrerer Gaststätten zu den reichsten Frauen in Prag. Sie war bekannt für ihre Wohltätigkeit gegenüber den Armen und förderte auch das Engagement ihres Sohnes, der 1875 die aus einer Arbeiterfamilie stammende Josefa Křížková heiratete. Die unterstützte ihren Mann bei seinen Projekten: der Gründung des Industriemuseums und dem Aufbau seiner Sammlungen für das ethnologische Museum. In der Frauenfrage war sie jedoch völlig anderer Meinung als er. In ihr Tagebuch schrieb sie: „Mein Mann überlässt mir das ganze Disziplinieren … Mein Leben ist nicht beneidenswert: den ganzen Tag mit den Leuten arbeiten und mich ärgern … Wie glücklich ist eine Frau, die sich nur um ihren Haushalt kümmern muss.“

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