Eine Universität im Exil

Eine Universität im Exil

Von 1921 bis 1945 beheimatete Prag die Ukrainische Freie Universität. Die Bildungsstätte hat heute ihren Sitz in München und blickt auf eine bewegte Geschichte zurück

21. 1. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Gruppenbild mit den Professoren des ersten Prager Jahrgangs der Freien Ukrainischen Universität 1921/UFU

Ukrainer bilden nach den Slowaken und Vietnamesen die größte Einwanderergruppe in der Tschechischen Republik: Um die 100.000 zählen offizielle Statistiken. Sie arbeiten als Bauarbeiter oder Reinigungskräfte, aber auch als selbstständige Geschäftsleute oder Ärzte mit eigener Praxis. Viele von ihnen kommen auch für ein Studium an tschechische Universitäten. Was den meisten wohl unbekannt ist: Schon in den zwanziger Jahren spielten Prag und die Tschechoslowakei, vor allem unter Präsident Tomáš G. Masaryk, eine wichtige Rolle für ukrainische Akademiker im Exil. Die Regierung der Ersten Tschechoslowakischen Republik unterstützte ideell – und finanziell – die Gründung und Etablierung einer einzigartigen Institution: die Ukrainische Freie Universität, kurz: UFU. Im Ausland sollte das möglich sein, was den Intellektuellen in ihrer Heimat verwehrt blieb: freie Forschung und Lehre, die sich mit ukrainischer Identität, Geschichte und Kultur auseinandersetzte.

Bis 1945 war die Universität in Prag beheimatet, zunächst in der Štěpánská-Straße, ab 1934 in der heute vom Rotlicht-Milieu geprägten Ve Smečkách unweit des Nationalmuseums. Mit der sowjetischen Besetzung der tschechischen Hauptstadt im Mai 1945 schien, nach mehr als 20 Jahren, das Ende der Institution besiegelt. Die UFU wurde aufgelöst, viele Professoren als Gegner des Sowjet-Systems verhaftet und deportiert. Einer Gruppe um den damaligen Rektor gelang jedoch die Flucht nach München, einem der Zentren der osteuropäischen Emigration dieser Zeit. In der bayerischen Landeshauptstadt wurde bereits im Jahr darauf der Universitätsbetrieb wieder aufgenommen. Bis heute wird dort in ukrainischer Sprache gelehrt und gelernt.

Enttäuschte Hoffnung
Die Geschichte der ungewöhnlichen Lehranstalt beginnt in Galizien, das heute zwischen Polen und der Ukraine aufgeteilt ist. Das westukrainische Lemberg (Lwiw) war, bis zum Zerfall des Habsburger-Imperiums in Folge des Ersten Weltkriegs, Teil der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie. Ukrainische Intellektuelle bemühten sich hier um die Errichtung wissenschaftlicher Zentren, nachdem in den zum russischen Zarenreich gehörenden Gebieten ab den 1860er Jahren die Lehre der ukrainischen Sprache in Schulen sowie die Verbreitung ukrainischer Schriften verboten worden war.

Die Errichtung einer eigenen Universität im überwiegend polnisch geprägten Lemberg war für 1916 geplant – die politischen Entwicklungen verhinderten jedoch den Plan der ambitionierten Wissenschaftler. Während des Krieges wurde die Stadt von der russischen Armee erobert und schließlich im blutigen polnisch-ukrainischen Konflikt „polonisiert“. Die Hoffnungen der Ukrainer auf einen unabhängigen Staat wurden nach 1918 einmal mehr enttäuscht.

Die Gründung einer Universität, an der ein unabhängiges ukrainisches Nationalbewusstsein genährt werden konnte, war unter diesen Umständen nicht zu realisieren. Viele Akademiker gingen ins Exil. Den Traum von einer wissenschaftlichen Institution, an der frei und unabhängig geforscht werden könne, gaben sie nicht auf. 1921 gründeten sie in Wien die Ukrainische Freie Universität. Viele der Gründungsmitglieder hatten bereits persönliche oder berufliche Verbindungen nach Österreich. So war der Sprach- und Literaturwissenschaftler Oleksandr Kolessa, erster Rektor der UFU, in den Jahrzehnten vor der Gründung bereits als Parlamentsabgeordneter in Wien tätig.

In der Metropole des zerfallenen Vielvölkerstaates hatte man zu jener Zeit allerdings andere Prioritäten als die Unterstützung einer Gruppe Akademiker mit der Mission, die ukrainische Forschung, Sprache und Kultur am Leben zu halten und weiterzuentwickeln. Die finanzielle Lage war höchst prekär. Zudem war die Zahl der Studierenden enttäuschend: Gerade einmal 90 Studenten hatten sich nach der Gründung an den beiden Fakultäten eingeschrieben, die sich der Philosophie sowie den Rechts- und Sozialwissenschaften widmeten. Enttäuscht wandte sich das Führungsgremium nach Prag, das schon damals ein Zentrum ukrainischer Emigration war und der Minderheit im Osten des Landes Autonomierechte gewährte. Hier war im Jahr zuvor Tomáš G. Masaryk als Präsident gerade erst wiedergewählt worden. Der charismatische Landesvater machte sich daran, die Tschechoslowakei zu einem modernen demokratischen Staat zu formen.

In der Gunst Masaryks
Masaryk hegte Sympathien für die Freiheitsbestrebungen der Ukrainer. Er genehmigte die Errichtung der UFU in Prag und stattete sie großzügig mit finanziellen Mitteln aus. Das Vorlesungsprogramm, von ministerialer Seite offiziell genehmigt, wurde ein voller Erfolg: 700 Studenten waren 1921 registriert und teilten sich Seminarräume mit Studenten der Karls-Universität. Die Verbindung zur tschechoslowakischen Wissenschaft war eng, bisweilen gab es auch personelle Verflechtungen. Ivan Horbačevskyj war zugleich Rektor der UFU und Präsident der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften. Er war es, der das Überleben der Bildungsstätte in den dreißiger Jahren sicherte, als sich die Beziehungen des Gastlandes zur Sowjetunion normalisierten und die finanzielle Unterstützung ukrainischer Belange deutlich eingeschränkt wurde. Nach der deutschen Okkupation und der Errichtung des „Reichsprotektorats“ wurde die UFU der Deutschen Karls-Universität angegliedert, während auf Tschechisch kein Hochschulunterricht mehr stattfinden konnte. Die Studentenzahlen gingen in dieser Zeit drastisch zurück.

Roman Yaremko, Mitherausgeber eines Sammelbands über die UFU, beurteilt die Zeit in Prag, die 1945 ein drastisches und schnelles Ende fand, wie folgt: „Der Umzug nach Prag und die ganze Prager Periode hat neue Perspektiven eröffnet. In Prag konnte sich die Universität zum wichtigen Zentrum der ukrainischen Bildung entwickeln und entfaltete eine rege Tätigkeit, die ohne Unterstützung der tschechischen Regierung nicht möglich gewesen wäre.“ Für den gebürtigen Lemberger ist die bewegte Geschichte der UFU eine, die Mut macht angesichts der gegenwärtigen Krise. „Ich fühle mich dieser Universität sehr verbunden, sie ist ein anschauliches Beispiel dafür, dass man durchaus vieles überstehen kann, wenn man diesen starken Willen zum Überleben hat“, so Yaremko.

An der Karls-Universität ist die Erinnerung an die ukrainischen Exil-Akademiker bis heute lebendig. Dort wird derzeit eine Ausstellung über die Prager Zeit der UFU vorbereitet, die ab Mai an der Philosophischen Fakultät zu sehen sein wird.



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