Eine neue Welt
Literatur

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Markéta Pilátová beleuchtet in ihrem Kurzroman „Der Held von Madrid“ ein wenig beachtetes Kapitel der tschechischen Geschichte

23. 12. 2019 - Text: Friedrich Goedeking

Markéta Pilátová hat mit ihrer 2016 auf Tschechisch und nun auch auf Deutsch erschienener Erzählung ein in Tschechien fast vergessenes Thema aufgegriffen. „Der Held von Madrid“ („Hrdina od Madridu“) handelt von den tschechischen Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg. Etwa 3.000 Tschechen sollen Ende der dreißiger Jahre gegen das Franco-Regime gekämpft haben.

Pilátovás „Held“ heißt František Rek. „Francisco klang viel schöner, damals bei Madrid. Am liebsten hätte ich bis in alle Ewigkeit Francisco geheißen“, gibt der Protagonist auf einer der ersten Seiten offen zu. An seiner Seite sitzt Carmen, eine spanische Studentin, die für ihre Diplomarbeit über den Bürgerkrieg einstige Widerstandskämpfer interviewt. Darunter eben auch František, der inzwischen fast 100 Jahre alt ist.

Als Antifaschist kämpfte er auf der Seite der Spanischen Republik gegen den von Franco angeführten Staatsstreich – und dessen von Hitler und Mussolini unterstützen Verbände. Nach seiner Rückkehr in der von den Deutschen besetzten Tschechoslowakei – und dann auch nach der kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 – hielt František seine Teilnahme am Befreiungskampf geheim. Doch sie wird aufgedeckt: Die Kommunisten verurteilen ihn zusammen mit den übrigen antifaschistischen und kommunistischen Widerstandskämpfern zu einer Gefängnisstrafe. Selbst nach der Samtenen Revolution wartete František vergeblich auf Anerkennung für seinen Einsatz gegen das Franco-Regime. Dass man ihm seinen Kampf in Spanien als eine „Torheit“ ankreidet, schmerzt ihn zutiefst.

Die deutsche „Legion Condor“ kämpfte auf der Seite der Putschisten. | © Bundesarchiv, Bild 183-E20569-21 / CC-BY-SA 3.0

Auf Carmens Fragen nach seinen Erinnerungen antwortet František zunächst nur zögerlich. Ihn trieb nicht so sehr soldatische Tapferkeit, sondern eher die Aussicht, Abenteuer zu erleben und das langweilige Leben in České Budějovice (Budweis) hinter sich zu lassen. Anfangs fühlte er sich als ein Kerl voller Kraft und Wut auf die Diktatur. Dazu trieb ihn die Lust auf die schönen spanischen Mädchen. Er gesteht Carmen, dass er sich während der Jahre in Spanien bei Zigeunern am wohlsten gefühlt habe. In der Nähe von Granada gewährten sie einigen Kämpfern aus der Tschechoslowakei Unterschlupf.

Dort erlebte František mit Delia, der Tochter des „Zigeunerkönigs“, eine berauschende Liebe. Als die Kameraden nach vielen oft vergeblichen Schlachten und blutigen Gemetzeln kriegsmüde wieder nach Hause wollten, gelang es ihm, die Soldaten mit einer flammenden Rede zum Bleiben zu überzeugen. In Wirklichkeit war es für ihn nicht der Kampf für eine gerechte Sache, die ihn antrieb. Er fürchtete nicht so sehr den Krieg, sondern eher den kalten Winter in der Tschechoslowakei, seine langweilige Arbeit in einer Brauerei und das Geschwätz im Wirtshaus. Am liebsten wollte er seiner Heimat, dem „dem fernen, kleinen, ewig hasenfüßigen Land für immer Adieu sagen“.

Carmen ist angetan von der Offenheit, mit der František – im Unterschied zu anderen Interviewten – über seine Gefühle redet. Der „Held von Madrid“ zeigt sich ihr gegenüber eher als Antiheld. Sie bedauert, dass ihre Dozenten Františeks Ausführungen als Belletristik ohne wissenschaftlichen Wert ablehnen. Die junge Spanierin erlebt, wie ihr die Erzählungen von František ein neues Lebensgefühl vermitteln: „Man kann nicht das ganze Leben auf seinem Hintern sitzen und herumglotzen“. Die Devise des alten Mannes verändert ihr Leben: Bisher war sie eine gute Schülerin. Ihr Lebenssinn war „ein anständiges Gehalt, ein anständiger Mann, zwei oder drei anständige Kinder, eine anständige Rente, ein anständiger Tod.“

Carmen überrascht František mit der Botschaft, dass es ihr gelungen sei, dass er vom spanischen König für seine Verdienste eine Medaille verliehen und dazu eine Rente bekomme. „Vielleicht entschließt Du Dich ja, in Spanien zu bleiben.“ Und tatsächlich: František entscheidet sich für Spanien. „Ich will nicht in Tschechien sterben. In einem Land, das Zeit meines Lebens nur auf mich gepfiffen hat.“

Markéta Pilátová | © David Konečný, CC BY-NC-ND 4.0

Mit viel Feingefühl und literarischem Können hat Markéta Pilátová (die heute 46-Jährige lebte selbst einige Jahre in Spanien, Argentinien und Brasilien) eine niveauvolle Novelle geschaffen. Die fiktive Begegnung zwischen dem „hutzligem Alten“ und der bildhübschen Studentin aus Spanien erscheint zunächst unwirklich. Was soll sie schon miteinander verbinden? Die Gegensätze zwischen beiden scheinen unüberwindbar.

Für Carmen ist František zunächst allenfalls ein wichtiger Zeitzeuge für ihre wissenschaftliche Arbeit. Doch je intensiver ihre Gespräche werden, umso mehr verändern sich ihre Lebensperspektiven: Der Studentin gelingt es, den alten Mann für den Rest seines Lebens von seiner fast lebenslangen Verbitterung und Enttäuschung zu befreien. František wiederum öffnet Carmen die Augen dafür, dass das Leben sich nicht in bürgerlicher Anständigkeit erschöpft, sondern durch wagemutige Entscheidungen und dem Mut zum Abenteuer Lebensfreude ermöglichen kann. Letzten Endes wird František nicht durch die Kriegserlebnisse zu einem Helden, sondern weil er für Carmen eine neue Welt eröffnet.

Markéta Pilátová: Der Held von Madrid. Aus dem Tschechischen übersetzt von Sophia Marzolff, Wieser Verlag, Klagenfurt 2019, 92 Seiten, 17,90 Euro



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