Eine außerordentliche Freundschaft

Eine außerordentliche Freundschaft

Der Schweizer Botschafter über die besonderen Beziehungen zwischen der Eidgenossenschaft und der Tschechischen Republik

7. 10. 2015 - Text: Stefan WelzelInterview und Foto: Stefan Welzel

Bevor Markus-Alexander Antonietti 2013 seinen Posten als Botschafter der Schweiz in Tschechien antrat, repräsentierte er sein Land in Lateinamerika und Afrika. Für den 57-Jährigen aus dem Kanton Wallis kommt der Wechsel nach Ostmitteleuropa einem positiven Kulturschock gleich, erweisen sich die Lebensverhältnisse in Prag doch als ungleich entspannter als in Venezuela oder im Kongo. Im Gespräch mit PZ-Redakteur Stefan Welzel gewährt Antonietti einen Einblick in seinen Alltag und reflektiert die speziellen historischen Beziehungen zwischen der Eidgenossenschaft und Tschechien, die aktuelle Flüchtlingsproblematik sowie die weit verbreitete Politikverdrossenheit der Europäer.

Herr Antonietti, erzählen Sie uns von Ihren ersten Eindrücken, als Sie vor zwei Jahren in Tschechien angekommen sind.

Markus-Alexander Antonietti: Es ist mein erster Posten als diplomatischer Vertreter in Europa. Davor war ich im Kongo, in Guatemala, Südafrika, Ecuador und Venezuela tätig. Nach vielen Jahren in Übersee muss ich zugeben, dass es angenehm war, wieder nach Europa zurückzukehren. Prag ist eine wunderschöne Stadt. Nach vielen schwierigen Posten nun hier leben und arbeiten zu dürfen, schätze ich sehr.  

Der Kontrast zu Ländern wie Guatemala oder Kongo könnte – vor allem in Sachen Sicherheit – kaum größer sein …

Antonietti: Der ist sogar riesig. Viele Bekannte fragen mich, was mir hier in Prag besonders gefällt. Als Antwort gebe ich immer folgendes Beispiel: Ich kann ohne Bedenken mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins Stadtzentrum fahren. Ich bin viel mit Bus, Tram oder U-Bahn unterwegs, auch wenn ich eigentlich über einen Chauffeur verfüge. Ich muss nichts organisieren, brauche keine Sicherheitsvorkehrungen. Es ist toll, diese persönlichen Freiheiten zu genießen. Das ist Lebensqualität – und Prag hat sehr viel davon, ist sicher, sauber und ordentlich.  

In Westeuropa herrschen gegenüber den ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten immer noch zahlreiche Stereotypen aus der Zeit des Kalten Krieges vor – Rückständigkeit, Korruptionsprobleme, Industrieruinen. Wie nimmt man die Tschechische Republik in der Schweiz heute wahr?

Antonietti: Vorgefasste Meinungen bestehen dann, wenn man etwas nicht kennt. Um etwas gut beurteilen oder gar kritisieren zu können, muss man sich damit auch eingehend befassen. Auf Ansichten, die auf Vorurteilen beruhen, sollte man nicht allzu viel geben. Doch die Tschechen und somit auch ihre Heimat genießen bei uns einen guten Ruf, auch aufgrund der relativ großen Diaspora, die nach 1968 in die Schweiz kam.

Damals flüchteten zahlreiche tschechoslowakische Intellektuelle, Politiker und andere Führungskräfte in die Schweiz. So zum Beispiel der ehemalige Wirtschaftsreformer der ČSSR Ota Šik. Dennoch war deren erfolgreiche Integration in die Schweizer Gesellschaft nie ein großes Thema in Ihrem Land. Warum?

Antonietti: Ich würde das nicht so sehen. Es gibt seit 1968 viele Beziehungen auf zwischenmenschlicher Ebene. Diese waren und sind vielleicht nicht so prominent präsent in der Schweizer Öffentlichkeit, doch sie sind da. Und oft höre ich bei Gesprächen mit eingewanderten Tschechoslowaken und ihren Nachkommen viel Dankbarkeit heraus. Aber in der Tat fehlt in der Schweiz eine breite öffentliche Aufarbeitung dieser erfolgreichen Immigrationsgeschichte.

Zur aktuellen Immigrationswelle in Europa: Die Eidgenossenschaft pocht seit ihrer Gründung auf neutrale Selbstbestimmung und ist nicht Teil der EU. Kann man deshalb die tschechische Haltung in der aktuellen Flüchtlingsproblematik und die Ablehnung fester Quoten besser verstehen als in manch anderem westeuropäischen Land?

Antonietti: Die Schweiz respektiert Tschechiens Haltung als ein Votum eines demokratischen, autonomen Staates, hält aber einen Verteilschlüssel für den besseren Weg, um der aktuellen Lage Herr zu werden. Mit Blick auf die jüngere Geschichte Tschechiens kann ich jedoch nachvollziehen, warum sich das Land gegen eine Quote wehrt. Die Frage ist: Was kommt auf Europa zu? Es ist eine sehr komplexe und schwierige Situation und ich erlaube mir nicht, ein abschließendes Urteil zu fällen. Man sollte sich jetzt nicht gegenseitig verurteilen, sondern gemeinsam Lösungen suchen.

Was meinen Sie mit Blick auf die jüngere Geschichte?

Antonietti: Die Geschichte, die geografische Lage und die Kultur beeinflussen nun mal das Denken der Menschen. Das kann man nicht einfach so wegwischen. Die Tschechen hatten es nicht leicht im 20. Jahrhundert, waren oft fremden Mächten ausgesetzt. Und 40 Jahre lang war man stark isoliert.  

Also können Sie den tschechischen Protektionismus verstehen?

Antonietti: Was mir in Tschechien auffällt: Mit Ausnahme der Hauptstadt sieht man in diesem Land kaum Ausländer. In der Schweiz ist das ganz anders. Schlendern sie dort in einer Großstadt wie Bern oder auch in einer Kleinstadt wie Brig im Wallis durch die Straßen: Dann wissen sie, was es bedeutet, mit Leuten aus fremden Kulturen zusammenzuleben (der Ausländeranteil in der Schweiz beträgt nahezu 25 Prozent, Anm.d.Red.). Es benötigt von allen Mitgliedern einer Gesellschaft die Fähigkeit zur Anpassung und zum Kompromiss. Dabei spielt Toleranz eine große Rolle, aber auch die Akzeptanz von Regeln.

Was könnte Tschechien vom „Einwanderungsland“ Schweiz im Umgang mit Immigranten lernen?

Antonietti: Es geht nicht darum, wer was von wem lernen kann. Ich bin skeptisch, wenn es darum geht, anderen gegenüber belehrend aufzutreten. Solche Fragen muss die Gesellschaft eines Staates aus sich selbst heraus beantworten. Wenn es aber etwas gibt, was hilft, dann ist es das bereits Erwähnte: Sich auf den anderen einlassen, den Dialog suchen und zu Kompromissen bereit sein. Die Schweiz hat oft gezeigt, dass sie in der Lage und willens ist, Flüchtlinge aufzunehmen. Seien es Kriegsflüchtlinge wie beim jugoslawischen Konflikt in den neunziger Jahren oder auch politisch Verfolgte aus Ungarn 1956 oder eben aus der Tschechoslowakei nach 1968. Die Schweiz nahm damals über 12.000 Flüchtlinge aus der ČSSR auf. Wir wussten nicht, wer da kam. Auffallend war aber, wie schnell sich die Tschechen bei uns integriert haben, was uns auch ihre Aufnahme erleichtert hat. Der Wille, sich gut zu integrieren, war groß. Außerdem waren es gut ausgebildete Menschen, die das gesellschaftliche Leben bereicherten. Beide Seiten haben profitiert. Es war der Beginn einer außerordentlichen Freundschaft.

Tschechen äußern sich oft enttäuscht über den hiesigen Politbetrieb und fordern mehr Mitspracherecht der Bürger. In diesem Zusammenhang wird auch gerne die Schweiz mit ihrer direkten Demokratie zitiert. Wie stark nehmen Sie das Interesse der Tschechen am Schweizer System wahr?

Antonietti: Im Prinzip ist es groß. Aber mir fällt dabei auf, wie gering die Kenntnisse über unsere Demokratieform eigentlich sind. Ein erfolgreicher politischer Wechsel vom Sozialismus zur Demokratie und zur breiten Verankerung von demokratischen Werten in der Bevölkerung benötigt einfach eine bestimmte Zeit. Aber es ist schon erstaunlich, wie niedrig die Wahlbeteiligung ist. Doch wer nicht wählen geht, darf sich später auch nicht über die Zustände beschweren. Übrigens: Ich habe vergangenes Jahr einen Diskussionszyklus in den Stadtbibliotheken von Prag, Pilsen und Brünn ins Leben gerufen, der die direkte Demokratie zum Thema hatte. Und am 13. Oktober wird im Karolinum eine Diskussion über die Formen der direkten politischen Anteilnahme stattfinden. Anwesend werden unter anderem Tschechiens Menschenrechtsminister Jiří Dienstbier, der Parlamentarier Andreas Groß aus der Schweiz und der dänische Botschafter sein.

Auch wenn dort einige interessierte Besucher erwartet werden, warum sind so viele Tschechen derart desillusioniert von der Politik?

Antonietti: Das ist ja kein tschechisches Phänomen, sondern eines, das überall zu beobachten ist. In Frankreich, England, Holland oder Griechenland wählen auffällig viele Politikverdrossene gar nicht oder Parteien am Rand des politischen Spektrums mit – sagen wir es diplomatisch – speziellen Prioritäten in ihrem Programm. Aber noch etwas zur Beteiligung bei Wahlen und Abstimmungen: Die ist auch in der Schweiz nicht immer sehr hoch.

Wo sehen Sie die Gemeinsamkeiten in der Mentalität von Schweizern und Tschechen?

Antonietti: Wir beide erledigen die Dinge gerne ordentlich und genau. Das kann man in der Kunst genauso gut beobachten wie anhand der Produkte, die die Länder hervorbringen. Die Maschinenindustrie Tschechiens ist hervorragend. Und Tschechen wie Schweizer sind keine Blender. Große Redner findet man in Europa viele, sie kommen aber eher selten aus unseren beiden Ländern. Man gibt sich zurückhaltend und bescheiden, lässt Fakten für sich sprechen. Und Tschechen wie Schweizer lieben es, in die Natur zu gehen. Auf der negativen Seite könnte man sagen, dass beide Völker etwas zu introvertiert, zu zurückhaltend und ruhig sind. Wenn einem Passagier in einer vollbesetzten Straßenbahn in Prag eine Krone aus der Tasche fällt, hört das jeder.

Zum Abschluss noch eine Frage, die wir bisher allen Botschaftern gestellt haben: Welches sind Ihre persönlichen Lieblingsorte in Prag?

Antonietti: Ich mag das Viertel Holešovice. Von Dejvice aus bin ich mit dem ÖV schnell bei der Metrostation Hradčanská oder beim Strossmayerovo náměstí. Ich genieße die Stimmung dort. Die Gegend vermittelt ein authentisches Stück Prager Leben abseits der Touristenströme. 



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