Ein wunderbarer Präsident

Ein wunderbarer Präsident

Staatsmann mit verschmitztem Blick: Das Kunstzentrum DOX zeigt Bilder aus dem Leben von Václav Havel

3. 11. 2016 - Text: Franziska Neudert, Fotos: Tomki Němec, Bohdan Holomíček

Es sei wie Wellenreiten gewesen. „Ein Jahr voller Euphorie, immer mit Volldampf voraus und wirklich außergewöhnlich“, sagte Tomki Němec rückblickend. Als er 26 Jahre alt war, machte ihn Václav Havel zu seinem offiziellen Fotografen. Der Prager erlebte ganz nah, wie der ehemalige Dissident im Dezember 1989 zum Präsidenten gewählt wurde.

Wenige Monate zuvor hatte Havel noch im Gefängnis gesessen, plötzlich forderten Tausende „Havel na hrad!“ – „Havel auf die Burg!“. Němec begleitete Havel auf Dienstreisen um die ganze Welt, nahm an offiziellen Anlässen teil und hielt auch private Momente des Staatsmannes fest. Anlässlich Havels 80. Geburtstag sind die Bilder des Fotografen im Kunstzentrum DOX in Holešovice zu sehen. Die Aufnahmen zeigen einen mutigen Mann, aus dessen Augen immer wieder das verschmitzte Kind blickt, und einen erschöpften und verletzlichen Menschen.

Stiller Moment am Strand in Portugal

Die Aufnahmen im zweiten Teil der Ausstellung machte der Fotograf Bohdan Holomíček. Er begleitete Havel und dessen Frau Olga bereits in den siebziger Jahren. Er lichtete das Paar im ostböhmischen Landhaus ab, bei der Gartenarbeit, beim Grillen und beim Feiern mit Freunden. Bisher unveröffentlichte Videoaufnahmen sind den letzten beiden Lebensjahren Havels gewidmet; sie sind im dritten Teil der Schau zu sehen.

Es gibt wohl wenige Präsidenten, die dem Volk so nahe waren wie Havel. Das belegen die Fotos von Němec: Ein kleiner Mann fährt in seinem großen BMW durch das Land. Am Straßenrand stehen Menschen und winken ihm zu. Das Fenster seines Wagens ist heruntergekurbelt, heraus ragt eine Hand und grüßt die Menge. Ein anderes Bild zeigt Havel im Schlafanzug am Frühstückstisch, das Haar zerzaust, den Schlaf noch in den Augen.

„Václav Havel gehört uns“: Prager Straßenbahn im Dezember 1989

Mit Němec und Havel reist der Betrachter um die Welt. Er trifft auf George W. Bush und Boris Jelzin, auf den Palästinenser­führer Jassir Arafat, Papst Johannes ­Paul II. und den Dalai Lama. Er sitzt mit im Flugzeug, wenn Havel in der Luft noch an einer Rede schreibt, die er kurz darauf vor dem US-Kongress halten wird. Und er versteckt sich mit Havel hinter der Gardine, während dem Präsidenten draußen Tausende zujubeln. Er sieht, wie Havel die Wahl seines Nachfolgers im Fernsehen verfolgt. Und wie er lächelnd eine Erklärung in die Kamera hält: Am 20. Juli 1992 um 18 Uhr scheidet Havel aus dem Amt des tschecho­slowakischen Präsidenten.

Die Ausstellung zeigt Havel als nachdenklichen Menschen, als ernsten, aber auch als ausge­lassenen Staatsmann und als eine Person, die ihren Humor nie verlor. Das weiß auch Němec zu erzählen. Wenn Havel es vor einem Termin nicht schaffte, seine Zigarette ganz zu rauchen, dann drückte er den Rest seinem Fotografen in die Hand, mit der Bitte: „Tomki, ich habe ein wichtiges Staatsgeschäft zu erledigen. Bitte halte diese Zigarette für mich!“

Im Jahr 1975 lud Havel zum Schriftstellertreffen in sein Landhaus in Hrádeček.

Dass die Jahre mit Havel etwas Besonderes waren, hat Němec erst im Nachhinein begriffen. „Erst später, wenn man zurückblickt, erkennt man, dass man so etwas wie ein Wunder erlebt hat“, steht an der Wand zwischen seinen Fotos geschrieben.

Havel. DOX (Poupětova 1, Prag 7), geöffnet: Sa.–Mo. 10 bis 18 Uhr, Mi. & Fr. 11 bis 19 Uhr, Do. 11 bis 21 Uhr, dienstags geschlossen, Eintritt: 180 CZK (ermäßigt 90 CZK), bis 13. Februar, www.dox.cz

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