Ein Sympathisant des tschechischen Volkes

Ein Sympathisant des tschechischen Volkes

Der Franzose Louis Léger reiste mehrmals nach Prag. Dort prangerte er die „Unterdrückung der slawischen Kultur“ an

15. 6. 2016 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Fotos: Milena Fritzsche, APZ

Die Legerova ist eine der verkehrsreichsten Straßen in Prag. Als Teil der Stadtautobahn führt sie von der Nusle-Brücke vorbei am Nationalmuseum bis zum Hauptbahnhof. Ursprünglich trug sie den Namen Tábor-Straße, bis sie 1919 in Legerova umbenannt wurde. Damit würdigte die Stadt den Franzosen Louis Léger (1843–1923), der als einer der Begründer der wissenschaftlichen Slawistik gilt.

Léger war mit František Palacký, František Rieger und dem südslawischen Nationalpolitiker Josip Juraj Strossmayer befreundet, der sich für den Panslawismus und für einen von Habsburg unabhängigen böhmischen Staat einsetzte. Der Franzose wurde von der Stadt Prag bereits 1913, anlässlich seines 70. Geburtstags, für seine Verdienste als Wissenschaftler geehrt. Mit seiner Arbeit soll er dazu beigetragen haben, das tschechische Nationalbewusstsein zu fördern.

Léger begeisterte sich für die polnische Freiheitsbewegung gegen die russische Fremdherrschaft. Er gab sein Jurastudium in Paris auf und begann mit dem Studium der slawischen Sprachen. 1867 promovierte er an der Sorbonne mit einer Arbeit über die Missionare der Slawenapostel Kyrill und Method.

Louis Léger

In den Jahren 1862 und 1864 besuchte der Wissenschaftler Prag und beteiligte sich durch seine Publikationen über die Geschichte Böhmens und die Stadt Prag an der tschechischen Nationalbewegung. Weil er die Habsburger Herrschaft kritisierte und die „Unterdrückung der slawischen Kultur“ anprangerte, wurden Légers Schriften von der Wiener Regierung verboten.

Ein weiteres Mal reiste er 1872 nach Prag. National gesinnte Tschechen hatten ihn eingeladen und ernannten ihn zum Redakteur der Zeitschrift „Slawische Korrespondenz“. Léger sorgte mit seiner Sammlung slawischer Lieder dafür, dass das Liedgut der Slawen auch in Frankreich bekannt wurde. Er machte sich zudem einen Namen als Erforscher der slawischen Mythologie. Als Kenner der böhmisch-mährischen Sagenwelt erinnerte er die Tschechen an den Kriegsgott Radegast.

Mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten unterstützte Léger die Idee einer Vereinigung aller Slawen, wobei für den Franzosen auch die Notwendigkeit eines Gegengewichts gegenüber Deutschland eine Rolle spielte. Nach der Niederlage Frankreichs gegen Preußen im Jahr 1871 war die französische Regierung daran interessiert, die Beziehungen zu Russland zu verbessern. Ein Jahr später beauftragte sie Léger, die Möglichkeit auszuloten, Russland als Verbündeten gegenüber dem vereinten Deutschen Reich zu gewinnen.

In seiner Analyse des zaristischen Russlands warb der Slawist für eine Öffnung der Franzosen gegenüber Russland. Er verschwieg aber nicht die Notwendigkeit, dass die Mittelklasse mehr Einfluss in Russland gewinnen müsste, um der Gefahr von Despotie und Anarchismus zu begegnen. Mit seinen Publikationen – zum Beispiel einer russischen Grammatik, einer Veröffentlichung über Gogol, und einem Buch über Moskau – versuchte Léger das Interesse der westlichen Öffentlichkeit an der russischen Geschichte und Kultur zu wecken. 1880 lud ihn der russische Dichter Iwan Turgenew zur Einweihung des Puschkin-Denkmals nach Moskau ein. Im Jahr 1885 übernahm Léger in Paris den Lehrstuhl für Slawische Sprachen und  Literatur, den der bedeutende polnische Dichter und Vorkämpfer für ein unabhängiges Polen Adam Mickiewicz in seinem französischen Exil gegründet hatte.

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