Ein Kessel der Superlative

Ein Kessel der Superlative

Der Gaskessel in den stillgelegten Hüttenwerken von Ostrava ist eines von fünf Bauwerken des Jahres 2013

16. 10. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: APZ

Anzeige

Es war eine Premiere nach Maß. Im Mai vergangenen Jahres weihte der Ostrauer Arbeiter-Barde Jaromír Nohavica den umgebauten Gaskessel in den stillgelegten Hüttenwerken Dolní oblast Vítkovice ein. Folk-Legende Nohavica singt „Ostrava černá, děvucha věrna“ („Ostrava, mein wildes Mädchen, schwarz und treu“), begleitet von den Streichern der Janáček-Philharmonie. Hinter den Musikern eröffnet sich die Sicht auf das rostige Rohrgeflecht von Gaskessel Nummer vier. Es ist ein feierlicher Moment für Ostrava, einst das „stählerne Herz der Tschechoslowakei“.

Aus dem jahrelang vernachlässigten Hütten- und Industriekomplex Dolní oblast Vítkovice wird Schritt für Schritt ein Zentrum für Bildung, Kulturschaffende und Zivilgesellschaft, eine Art tschechische Zeche Zollverein. Nichts steht symbolischer für diesen Wandel als der Gaskessel oder die Multifunktionshalle Aula Gong, wie das imposante Bauwerk heute heißt.

Nun wird der gewagte Umbau auch von der Fachwelt geehrt. Der Gaskessel ist zum Bauwerk des Jahres 2013 gekürt worden. Als eines von fünf Bauwerken in der Tschechischen Republik, um genau zu sein. Zudem erhielt der einzigartige Umbau auch den Publikumspreis der jährlichen Preisverleihung. Die renommierte Architektin und Jury-Vorsitzende der Preisverleihung Radomíra Sedláková spricht von der Aula Gong gerne in Superlativen: „Fantastisch“ sei das Bauwerk, es habe eine „riesige Anziehungskraft“, in Tschechien gäbe es momentan nichts vergleichbares.

Gekonnter Umbau
Star-Architekt Josef Pleskot ließ den Gaskessel aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in seiner äußerlichen Gestalt fast unangetastet, den unteren Teil durchbricht eine leichte Glasfassade, an mehreren Stellen wurde der Mantel durchschnitten, um Lichtfenster zu schaffen. Hinter der Bühne kann ein riesiges Fenster geöffnet werden, das den „Hradschin Ostravas“ in einen Rahmen fasst. Innen schafft eine schnörkellose Kombination aus nacktem Beton, Stahl und viel offenem Raum einen luftigen Eingangsbereich. Unterhalb der runden Decke ist der Veranstaltungssaal eingelassen, ein Amphitheater für 1.500 Gäste.

„Der Titel Bauwerk des Jahres 2013 wurde für die Schaffung eines einzigartigen Kulturzentrums in einem einstigen Industriegebiet vergeben, mit einer sichtbar gefühlvollen Verbindung der ursprünglichen und neuen Konstruktion“, begründet die Jury die Ehrung für den Gaskessel. Der Wettbewerb wurde in diesem Jahr zum 21. Mal ausgetragen und wird nicht nur für herausragende architektonische Leistungen ausgeschrieben.

Weitere Kriterien verrät Jury-Vorsitzende Sedláková. Es handle sich um herausragende Investitionen mit großartiger Architektur, um die Umsetzung eines starken, ungewöhnlichen Einfalls. „Alle ausgezeichneten Bauwerke werden von der Öffentlichkeit gut angenommen, von den Nutzern ebenso wie von der Fachwelt“, ergänzt Sedláková.

In der Hauptkategorie wurde auch das Einkaufszentrum Breda & Weinstein im mährischen Opava geehrt – es handelt sich um den gekonnten Umbau einer ausgedienten Brauerei. Außerdem erhielten den Titel „Bauwerk des Jahres“ das moderne Aparthotel Lípa in der historischen Altstadt in Krásná Lípa in der Böhmischen Schweiz, ein Krebsheilzentrum im Prager Stadtteil Libeň sowie ein Stadttunnel in Brünn. Noch bis Ende November finden in den ausgezeichneten Bauwerken Tage der offenen Tür statt.