Ein früher „Influencer“
Kunst

Ein früher „Influencer“

Ab 1905 untermauerte Adolf Hölzel seine Annäherung an die Abstraktion auch theoretisch. Genau dann, als er eine Professur an der Kunstakademie in Stuttgart antrat und dort seinen schon in Dachau erworbenen Ruf als Kunsttheoretiker und -pädagoge ausbaute. Die Anstellung in Stuttgart musste er 14 Jahre später aufgeben, als ihn der nicht weniger vielseitige Maler Paul Klee ablöste.

Hölzel arbeitete fortan als „freier“ Künstler, in den 1920er Jahren vor allem mit Pastell. Aber auch mit Glas. Daraus entstanden Glasfenster für einen Sitzungssaal des Keksfabrikanten Bahlsen in Hannover. Und 1927 für das Treppenhaus im Stuttgarter Rathaus, in Schweinfurt erstmals außerhalb der Landeshauptstadt vorgeführt.

Ab 1933 wurden seine späten Arbeiten als „entartet“ eingestuft und aus öffentlichen Sammlungen und Gebäuden entfernt. Dies erlebte Adolf Hölzel noch mit, bevor er im Oktober 1934 mit 81 Jahren an einem Schlaganfall in Stuttgart starb. Große künstlerische Anerkennung erhielt er während seines Lebens nicht. Stattdessen verbreitete sich nach dem Krieg lediglich sein Ruf als wohl berühmtester Lehrer berühmter Schüler.

„Dabei nahm er viele Neuerungen vorweg, die andere erst zwei Generationen später verwirklichten“, fasst Wolf Eiermann dessen Stellenwert zusammen. „Viele Künstler nach dem Zweiten Weltkrieg sind auf Hölzel zurückführen.“ Mit seiner Ausstellung will er nun aufzeigen, welcher Rang dem Maler in der Kunstwelt tatsächlich gebühre.

Hölzel beim Malen im Moos (um 1895) | © Adolf-Hölzel-Stiftung

Adolf Hölzel war für Eiermann „ein künstlerisches Chamäleon“. Schon um 1900 beschäftigte er sich mit Ornamenten und der expressiven Kraft von Kalligraphien, woraus bereits gegenstandslose Zeichnungen resultierten. Er probierte ovale und geometrische Formen aus, „komponierte“ gleichsam Bilder, denen er oft keine Titel gab. Denn Hölzel ging davon aus, dass „Gegenstand im Kunstwerk nicht harmoniebildend (…) und keine Notwendigkeit“ sei.

Doch selbst dieses Ungegenständliche war für ihn nur ein Zwischenschritt und Mittel zum Zweck. In erster Linie suchte Adolf Hölzel nach einer perfekten Harmonielehre von Farben. Dafür experimentierte er mit Farben, kreierte Farbkreise, reihte Farbübungen aneinander. Seine „Anbetung der Könige“ ist geradezu ein „Rausch in Rot“. Wie auch „Die Bergpredigt“ von 1913.

Komposition in Rot, Öl auf Leinwand (1905) | © Sprengel Museum

Wichtig war für ihn zudem die „Empfindung“, die er in seinen Bildern so gut wie möglich umsetzen wollte. Dafür arbeitete Adolf Hölzel nach dem Erwachen eine Zeit lang mit geschlossenen Augen. Ein Jahrzehnt später nutzten Surrealisten wie André Breton solche Methoden. Heute wird Hölzel attestiert, als einer der ersten Künstler, das Unbewusste als Potenzial für die bildende Kunst entdeckt zu haben.

„Farbharmonie als Ziel“ lautet daher der Titel der Ausstellung. Wie sehr sie erreicht wurde, wird dem Besucher gleich im ersten Saal vor Augen geführt. Denn die Schau ist nicht chronologisch aufgebaut, sondern beginnt sofort mit dem Ergebnis aller Mühen, bevor die Schritte seiner Entwicklung und Hölzels künstlerische Vielfalt aufgezeigt werden.

Dass die große Werkschau erst 85 Jahre nach Hölzels Tod erfolgt, hat mehrere Gründe. Zum einen bedürfe es dafür eines Museums mit vielen großen Räumen. Wie in Schweinfurt. Zum anderen „ist der Bestand erst jetzt vollständig aufgearbeitet“, wie Dr. Eiermann erläutert, der auch dem Wissenschaftlichen Beirat der Hölzel-Stiftung angehört. Die 100 Werke sind Leihgaben der Stuttgarter Stiftung sowie von bedeutenden Privatsammlern. In mancher Familie wurde Hölzel bereits in die dritte Generation vererbt.

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