Ein früher „Influencer“
Kunst

Ein früher „Influencer“

Adolf Hölzel gilt als führender Wegbereiter für moderne Kunst. Oft wurde er mit berühmten Schülern ausgestellt. Nun widmet sich eine Werkschau ausschließlich dem Maler aus Mähren

2. 3. 2019 - Text: Klaus Hanisch, Titelbild: Adolf Hölzel - Große Anbetung, Pastell, um 1927, Privatbesitz

Adolf wer? Beim großen Publikum ist Hölzel, der „forschende“ Maler und einflussreiche Kunstpädagoge, heute kein Mann von Rang und Namen mehr. Daran trägt er selbst Schuld. Früh in seinem Leben bekam der Künstler panische Angst vor der Öffentlichkeit. Anstatt sich und seine Werke offensiv zu vermarkten, versteckte sich Adolf Hölzel – und geriet deshalb immer stärker in Vergessenheit.

Ganz im Gegensatz zu einer Reihe von Schülern, denen er zeitweise sogar seine Aufträge überließ. Die Bekanntesten unter ihnen – Johannes Itten und Oskar Schlemmer – sind gerade in vieler Munde. Denn beide waren nach ihrer Zeit bei Hölzel bedeutende Meister am Bauhaus, dessen 100-jähriges Jubiläum derzeit gefeiert wird. Über sie wurde Adolf Hölzel – auf Neudeutsch – zu einem „Influencer“ der wichtigen Kunstschule.

Und nicht nur dort. „Hölzel hat unglaublich viele Ideen umgesetzt, er war ein Brückenbauer vom 19. Jahrhundert in die Moderne“, erläutert Dr. Wolf Eiermann, Direktor des Georg-Schäfer-Museums in Schweinfurt. Seine Einrichtung genießt bundesweit einen hervorragenden Ruf für deutsche Kunst vom Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts und beherbergt die größte Spitzweg-Sammlung der Welt.

Adolf Hölzel (Mitte vorn) und seine Schüler an der „Königlichen Akademie der bildenden Künste“ in Stuttgart (um 1914)

Nun ruft der Museumsleiter das vielfältige Wirken von Adolf Hölzel mit einer umfassenden Ausstellung in Erinnerung. Wobei er diesen Avantgardisten endlich mal nicht mit seinen Schülern präsentiert, wie bereits 1917 in Stuttgart geschehen, wo Hölzel gemeinsam mit Itten, Schlemmer, Willi Baumeister oder Ida Kerkovius unter dem Titel „Hölzel und sein Kreis“ vorgestellt wurde. Stattdessen: Hölzel pur!

Und: 100 Mal Hölzel. So viele Arbeiten zeigt das Museum im fränkischen Schweinfurt bis Ende April. Darunter sind Gemälde, Zeichnungen, Fotos, Pastelle, Skizzen, Collagen. Mehr als ein Viertel wird erstmals öffentlich präsentiert (> zur Museumsseite)

Geburtshaus am Oberring in Olmütz (Horní náměstí, Olomouc)

Geboren wurde Adolf Hölzel im Mai 1853 in Olmütz. Er hatte acht Geschwister, von denen viele jung starben. Die Familie war wohlhabend, Vater Eduard hatte Erfolg mit seinem 1844 gegründeten Handelsgeschäft für Bücher, Kunst und Musikalien. Zudem betrieb er Filialen und ab 1861 auch eine Lithographische Anstalt in Wien. Adolf Hölzels Großvater war Kaufmann in Prag und ein Freund von Alois Senefelder, dem Erfinder der Lithographie. Der Vater seiner Mutter diente als Hauptmann in der Habsburger Armee.

Sohn Adolf sollte später den Betrieb übernehmen und half frühzeitig dort mit. Als 15-Jähriger absolvierte er jedoch auf Wunsch seines Vaters zunächst eine Lehre als Schriftsetzer in Gotha. 1871 übersiedelte die Familie nach Wien, wo er an der Kunstakademie studierte, unter anderem bei Christian Griepenkerl, einem Lehrer von Egon Schiele. Dort leistete Hölzel auch den einjährigen freiwilligen Dienst im Heer ab, einschließlich einer Offiziersprüfung.

Zum Entsetzen seines Vaters setzte er auch danach seine Studien fort, ab 1876 in München. Mehrfach forderte er Adolf auf, nach Wien zurückzukehren. Doch Hölzel begann nun selbst zu malen. Er schuf Figurenbilder und Landschaften, wobei seine Arbeiten anfangs traditionell und typisch für das 19. Jahrhundert erschienen. Dies zeigt das in Schweinfurt ausgestellte Porträt seiner Frau Emilie von Karlowa, einer Konzertpianistin, die er 1882 heiratete.

Porträt Emmy Hölzel, Öl auf Leinwand | © Adolf-Hölzel-Stiftung

Man ordnete ihn in seinen frühen Künstlerjahren gleichermaßen den Neoimpressionisten wie dem Stil von Max Liebermann oder Wilhelm Leibl zu, dem bedeutenden deutschen Maler des Realismus. Hölzels „Bauernküche“ von 1880, ebenfalls im Schäfer-Museum zu sehen, könnte auch aus der Hand von Leibl stammen.

Zuweilen vermittelt die Werkschau daher den Eindruck, als ob eine Reihe von Malern für all die Bilder verantwortlich sei und nicht Hölzel allein. Tatsächlich war er „lange ein Suchender“, wie Dr. Eiermann unterstreicht. Adolf Hölzel hatte mit seinen frühen Arbeiten Erfolg, sie verkauften sich gut. Doch der Maler machte schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen. „Er wurde vom Publikum ausgelacht, zog sich immer mehr zurück und führte seine Bilder nur in einem kleinen Kreis oder vor Fachpublikum vor“, blickt Wolf Eiermann zurück, „zudem zeigte er nur noch Bilder, die schon zehn oder 15 Jahre vorher entstanden waren und nicht mehr seine aktuellen.“

Nachdem der väterliche Betrieb in Wien 1891 bankrottgegangen war und Hölzel seinen Anteil am Vermögen verloren hatte, versuchte er nicht länger, seine Arbeiten zu veräußern, sondern gründete eine Malerschule in Dachau bei München. Dort wurde er zum Kopf der Künstlergemeinschaft „Neu-Dachau“ und unterrichtete auch den berühmten deutschen Expressionisten Emil Nolde.

Weiblicher Akt, Öl auf Pappe (um 1912) | © Privatbesitz

Zugleich beobachtete er genau den Kunstbetrieb und zählte zu den Mitgründern der Münchner (1892) wie der Wiener (1897) Sezession. Beide Künstlergruppen wollten sich von überkommenen akademischen Traditionen lösen. Da Hölzel bestrebt blieb, für sich immer neue Facetten zu erschließen, kam es zum Bruch mit den Sezessionisten. Im Jahr 1901 machte er sich in einem Beitrag für die Wiener Jugendstil-Zeitschrift „Ver Sacrum“ bereits Gedanken über „Formen- und Massenvertheilung im Bilde“ und analysierte darin Grundelemente der Malerei.

Auch in der Fremde blieb der Künstler seiner mährischen Heimat verbunden, die damals Teil der Habsburger Monarchie war. „Hölzel war ein Seismograph aller künstlerischen Strömungen“, urteilt Kunstexperte Dr. Eiermann. So habe er selbstverständlich „auch in Wien mitbekommen, was in Mähren und Prag an Innovationen aufkam und dass von Prag aus gleichzeitig Impulse ausgesandt wurden“. Etwa durch den tschechischen Maler František Kupka, der 1871 im ostböhmischen Opočno geboren wurde und einen festen Platz in der abstrakten Malerei einnimmt.

Adolf Hölzel im Alter von 26 Jahren | © Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Alois Erdtelt, 1879

Genau wie Adolf Hölzel. Schon 1898 nannten ihn Kritiker einen „Propheten der Abstraktion“, als die „Neu-Dachauer“ Maler in Berlin ausstellten. Hölzel zähle fraglos zu deren Begründern, betont Dr. Eiermann. Andere Forscher sehen in ihm gar den „Vater der abstrakten Malerei“, noch vor dem russischen Maler Wassily Kandinsky, der statt Hölzel zum Wortführer der Avantgarde wurde. Hölzels Bild „Anbetung der Könige“ von 1908, ebenfalls im Schäfer-Museum zu sehen, wird zuweilen als erstes abstraktes Gemälde weltweit bezeichnet. In diesem Punkt widerspricht Dr. Eiermann, er sieht darin eher gegenständliche Malerei.

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