Die Wagnerstadt

Die Wagnerstadt

Richard Wagner schwärmte von Prag. Ausgerechnet der wegen antisemitischer Thesen umstrittene Komponist war einmal der Liebling des Prager deutsch-jüdischen Opernpublikums. Am 13. Februar jährt sich sein Todestag

6. 2. 2013 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: APZ

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Dreizehn Jahre ist Richard Wagner alt, als er zum ersten Mal nach Prag kommt. Es ist das Jahr 1826 und er besucht seine Familie. Seine beiden Schwestern hatten am Prager Theater eine Anstellung bekommen, und so war die verwitwete Mutter mit ihnen dorthin gezogen, während Richard als Schüler des Kreuzchores in Dresden geblieben war. In seinen Lebenserinnerungen spricht Wagner davon, dass Böhmen und vor allem Prag auf ihn einen „völlig poetischen Zauber“ ausüben würden. „Die fremdartige Nationalität, das gebrochene Deutsch der Bevölkerung, gewisse Kopftrachten der Frauen, der heimische Wein, die Harfenmädchen und Musikanten, endlich die überall wahrnehmbaren Merkmale des Katholizismus, die vielen Kapellen und Heiligenbilder, machten mir stets einen seltsam berauschenden Eindruck…Vor allem übte die altertümliche Pracht und Schönheit der unvergleichlichen Stadt Prag auf meine Phantasie einen unverlöschlichen Eindruck.“

Ein Jahr später zieht es Wagner wieder nach Prag. Diesmal geht er zu Fuß – zusammen mit einem Freund legt er die 120 Kilometer lange Strecke von Dresden nach Prag zurück. Halb verhungert bettelt er vornehme Reisende um Geld an. Erschöpft und mit von der sengenden Sonne verbrannter Haut kommt er an. Die Mutter versucht zwei Tage lang, den Sonnenbrand mit Petersilienumschlägen zu lindern. Als er auf dem Rückweg von einer Anhöhe ein letztes Mal auf Prag zurückschaut, da – so schreibt er – „ zerfloß ich in Tränen, warf mich zur Erde und war von meinem staunenden Freunde lange nicht zum Weiterwandern zu bewegen.“

Wagner spielt Gespenst
Böhmen nennt Wagner sein „altes Wunderland“. Seine Opern entstehen teilweise bei Aufenthalten in den böhmischen Bädern: In Teplitz (Teplice) skizziert er 1834 den Entwurf zur Oper „Das Liebesverbot“, 1843 arbeitet er dort am „Tannhäuser“ und 1845 am „Ring des Nibelungen“. Während er in Marienbad weilt, beginnt Wagner mit den „Meistersingern“ und dem „Lohengrin“. 1842 besucht Wagner die Burg Schreckenstein (Střekov) bei Aussig (Ústí nad Labem), wenige Jahre nachdem Ludwig Richter sein Bild „Die Überfahrt am Schreckenstein“ gemalt hatte. Wagner macht sich einen Spaß daraus, mit einem weißen Betttuch bekleidet in der Nacht in den Burgmauern ein Schlossgespenst zu spielen. Die Burg inspiriert ihn zu seiner Oper „Der Tannhäuser“ mit der Gralsburg.

Noch zu seinen Lebzeiten wird Prag zur Wagnerstadt. 1854 findet mit dem „Tannhäuser“ die erste vollständige Aufführung einer Wagner-Oper im Ständetheater statt. 1856 folgen „Lohengrin“ und „Der fliegende Holländer“. Wagner besucht Premieren und dirigiert selbst eigene Stücke in Prag. 1885, zwei Jahre nach Wagners Tod, wird Angelo Neumann Theaterdirektor an der Moldau. Vor seiner Ernennung hat Neumann mit einem Opern­ensemble anderthalb Jahre in europäischen Großstädten für Wagners Musik geworben. 135 Mal wurde unter Neumanns Leitung „Der Ring des Nibelungen“ aufgeführt.

Dass Wagner im deutschen Prager Musikleben eine herausragende Rolle spielt, unterstreicht Neumann dadurch, dass er zur Eröffnung des Neuen Deutschen Theaters in Prag 1888 „Die Meistersinger von Nürnberg“ auswählt. Mit Neumann beginnt eine 25-jährige glanzvolle Ära von Wagner-Inszenierungen, bei der in Prag häufiger als in Wien oder in deutschen Städten Wagner-Opern aufgeführt werden. Dabei wird Wagner populär bei einem Publikum, das deutschsprachig, gebildet und meist jüdisch ist.

Prag verteidigt ihn
Bis heute ist kein anderer deutscher Komponist so umstritten wie Richard Wagner. Verehrer und Gegner streiten sich: War Wagner, der Verfasser der Schrift „Die Juden und die Musik“, ein Antisemit oder – wie seine Freundschaft mit Angelo Neumann zeigt – ein Judenfreund? War er, der 1848 aktiv die Revolution unterstützte, ein Demokrat oder mit seiner Verehrung für den Bayernkönig Ludwig II. ein Monarchist? In Prag registriert man frühzeitig, wie sich in Bayreuth der Wagner-Kult immer stärker mit nationalistischer und antisemitischer Propaganda verbindet.

Ein Redakteur des „Prager Tagblatts“ berichtet 1928 über Wagners Besuch in Bayreuth: „Unglaubliches ist geschehen! Das politisch rechts stehende Bildungspublikum hat seit dem Krieg Richard Wagner zu seinem speziellen Kunst- und Kulturgott erhoben.“ Schwarz-weiß-rote Fahnen schmückten Wagners Grab, schreibt der Autor. Die Reaktionäre würden verschweigen, dass Wagner auch ein liberaler Denker war, der 1848 auf den Barrikaden für die Demokratie kämpfte und dafür ins Exil gehen musste. Der mit den „Meistersingern“ eine von demokratischem Geist erfüllte Oper schuf, und der mit seinen Kompositionen revolutionär wirkte, indem er die traditionelle Harmonielehre außer Kraft setzte.

Auch die 1992 gegründete Prager Wagner-Gesellschaft verteidigt Wagner gegen den Vorwurf, er sei ein Vorläufer des Nationalsozialismus gewesen. Es seien vielmehr seine Nachkommen gewesen, die schon in den zwanziger Jahren als fanatische Anhänger des Nationalsozialismus bei Hitler Begeisterung für den Komponisten geweckt und bereits 1925 den Plan entwickelt hätten, den Wagner-Kult mit der nationalsozialistischen Ideologie zu verbinden. Bis heute würden in Film und Fernsehen Auftritte von Nazi-Größen mit bombastischer Wagner-Musik untermalt und damit das Klischee am Leben erhalten, dass dessen Musik und die nationalsozialistische Weltanschauung eine Einheit bilden würden.

Nur eine Büste
Die Gesellschaft kämpft darum, Richard Wagner seinen früheren Rang im Prager Musikleben zurückzugeben. Man fördert Aufführungen auf tschechischen Bühnen und organisiert Theaterreisen zu Wagner-Opernaufführungen in Wien, München, Dresden, Nürnberg, vor allem aber in Bayreuth. 2010 wurde im Foyer der Staatsoper eine Büste eingeweiht. „Wir fordern, dass Wagners Werk in Prag wenigstens genau so viel Beachtung findet wie Giuseppe Verdi, der im Unterschied zu Wagner fast keine Beziehung zu Tschechien und Prag hat“, erklärt der Verein. Verdi dominiert das Programm der Prager Bühnen. Auch Wagners 130. Todestag findet derzeit keinen musikalischen Widerhall.