Die Suche nach der Essenz

Die Suche nach der Essenz

Die stählerne Krippe der Bildhauerin Christine Habermann von Hoch verbindet Abstraktion mit sakraler Kunst

15. 1. 2015 - Text: Veronika OpletalováText: Veronika Opletalová; Foto: privat

Christine Habermann von Hoch, eine deutsch-tschechische Bildhauerin, hat für das Augustiner Chorherrenstift Neustift bei Brixen in Südtirol eine monumentale Stahlkrippe geschaffen. Die bisher größte Skulpturengruppe der 34-jährigen Künstlerin mit dem Titel „Die Anbetung der Könige“ wurde im Dezember eingeweiht. Von nun an soll sie jährlich zwischen Weihnachten und Mariä Lichtmess am 2. Februar auf dem Stiftsplatz stehen. Während des restlichen Jahres wartet die Heilige Familie – Gottesmutter mit Jesuskind und Josef – vor dem Eingang des Klosters; die drei Könige werden auf dem umliegenden Weinberg positioniert.

Die Installation der minimalistischen Skulpturengruppe entspringt einer mutigen Gestaltung. Die stählernen Figuren sind knapp vier Meter groß, jede einzelne wiegt etwa eine Tonne. Das Werk hebt sich nicht allein durch seine Größe und das unkonventionelle Material von traditionellen Krippen ab – nur das Blattgold, das für die Gloriolen sowie für die Figur Christi reserviert worden ist, erinnert an sie. Vor allem die radikale Stilisierung wirkt überraschend. Die schlichte Linienführung betont die Körperhaltung der Figuren. Es scheint, als sei die ganze Skulpturengruppe auf Körperhaltung reduziert. Gerade diese bleibt der ikonografischen Tradition aber stark verpflichtet – man denke beispielsweise  an Albrecht Dürers „Anbetung der Heiligen drei Könige“ – und erinnert den Betrachter schließlich doch an das Krippenmotiv. Eindeutig sind ein kniender und ein sich vorbeugender König zu erkennen, ebenso die heilige Maria mit dem Jesuskind, das aus dem mütterlichen Leib hervortritt. Die mantelartig geöffnete Gestalt Josefs ist als Beschützer der Heiligen Familie dargestellt. Die vergoldeten Gloriolen kennzeichnen das heilige Paar und trennen es von den anbetenden Zuschauern.

„Mein Grundgedanke basiert auf der Vorstellung, die drei Könige in der heutigen Zeit als Symbol für die drei Weltreligionen – Christentum, Judentum und Islam – zu sehen, die auf verschiedenen Wegen den gleichen Gott suchen“, so die Künstlerin über ihre Arbeit.

Christine Habermann von Hoch hat bildende Kunst und Germanistik an der Palacký-Universität in Olomouc (Olmütz) studiert. Als Tochter des aus Jihlava (Iglau) stammenden Bildhauers und Kunstschmiedes Alfred Habermann (1930–2008), genoss sie von Kindesbeinen an künstlerische Bildung. Ihr Vater, der seit der achtziger Jahre in Deutschland, Italien und Österreich lebte, hinterließ auch in Tschechien seine Spuren – zum Beispiel im mährischen Lipník nad Bečvou (Leipnik) oder in Olomouc, wo er den Himmlischen Globus im Hof des jesuitischen Konvikts (heute Kunstzentrum der Palacký-Universität) schuf.

Auch seine Tochter hat in den vergangenen Jahren mehrere bedeutende Werke in Tschechien, Deutschland und Österreich realisiert. Inhaltlich setzen sich ihren Arbeiten, ähnlich wie die moderne Krippe, mit der Suche nach einer Essenz auseinander, formal kreisen sie um die Reduktion auf das Wesentliche. Christine Habermann von Hoch arbeitet als freischaffende Künstlerin. Zu ihren Werken zählen unter anderem das Kerzenwandportal in der Lorenzkirche in Nürnberg und das Schmetterlingskreuz in Enns. Ihre Werke sind auch in zahlreichen  privaten Sammlungen vertreten.



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