„Die Schlange auf der Warteliste wächst nicht mehr“

„Die Schlange auf der Warteliste wächst nicht mehr“

Noch nie wurden in Tschechien so viele Organe gespendet wie im vergangenen Jahr

26. 2. 2015 - Text: Maria Sileny

Der Chirurg Miloš Adamec leitet das Tschechische Koordinationszentrum für Transplantationen, dessen Aufgabe es ist, die landesweite Warteliste zu verwalten und Spenderorgane an geeignete Empfänger zu verteilen. Er selbst hat 30 Jahre lang als Transplantationschirurg gearbeitet und über 1.000 Transplantationen durchgeführt.

Letztes Jahr ist die Zahl der Organspender in Tschechien gestiegen. Wie werten Sie das Ergebnis?

Miloš Adamec: Jedes Jahr kommen etwa 800 potentielle Organempfänger neu auf die nationale Warteliste. Letztes Jahr wurden mehr Kranke transplantiert als neu dazu kamen. Das heißt: Die Schlange auf der Warteliste ist nicht angewachsen. Das ist ein Erfolg. Doch weiterhin gibt es nicht genug Organe, deswegen wächst auch die Zahl lebender Spender, die eigenen Familienmitgliedern zum Beispiel ihre Niere überlassen. Aktuell warten in Tschechien mehr als 1.000 Menschen auf eine Transplantation.

Worauf führen Sie das gute Ergebnis vom letzen Jahr zurück?

Adamec: Das tschechische Gesundheitswesen hat sich 2014 finanziell stabilisiert. Das hängt mit dem Regierungswechsel und stabileren politischen Verhältnissen im Land zusammen. Die Ärzte protestieren nicht mehr gegen finanzielle Engpässe. Die Stimmung hat sich beruhigt. So sind auch Intensivmediziner eher bereit, den Transplantationszentren potenzielle Organspender zu melden und die zusätzliche Arbeit, die damit zusammenhängt, auf sich zu nehmen. Der zweite Grund ist die Novelle des Transplantationsgesetzes, die 2013 in Kraft getreten ist. Dort ist neu geregelt, dass der Staat Begräbnisse verstorbener Organspender bezuschusst und lebenden Spendern ihr entgangenes Gehalt ersetzt.

Das Gesetz regelt auch die Situation der Ausländer neu. Was hat sich geändert?

Adamec: Es ist nun möglich, dass Ausländern, die in der Tschechischen Republik sterben, hierzulande Organe entnommen werden können. Dazu braucht es allerdings die Zustimmung aus dem jeweiligen Heimatland binnen 72 Stunden. Handelt es sich zum Beispiel um einen Slowaken, wird überprüft, ob der Verstorbene in der Slowakei als Verweigerer registriert ist. Im letzten Jahr hatten wir es außerdem mit potenziellen Organspendern aus der Ukraine und aus Norwegen zu tun. Es handelte sich insgesamt um zehn Menschen. In der Hälfte der Fälle haben wir jedoch eine Absage aus dem Heimatland erhalten.

Können auch Organe von Ausländern in Tschechien transplantiert werden?

Adamec: Ja, aber nur unter den Umständen, dass sie sich dauerhaft im Land aufhalten, hier arbeiten und hier krankenversichert sind. Eine Ausnahme gilt für Slowaken. Weil wir mit den slowakischen Ärzten traditionell eng zusammenarbeiten. Wir tauschen zum Beispiel Organe aus, für die sich im jeweiligen Land kein geeigneter Empfänger findet. In dieser Hinsicht ist die ehemalige Tschechoslowakei noch lebendig.

Ist Tschechien hinsichtlich Organspende international organisiert?

Adamec: Wir gehören keiner internationalen Organisation an. Um uns herum bildet sich Eurotransplant, in der Deutschland, Österreich, Belgien, die Niederlande, Ungarn und andere Länder verbunden sind. Andererseits bleiben die Schweiz, Frankreich, Italien und England selbstständig. Auch wir haben uns für Selbstständigkeit entschieden. Unter anderem auch deswegen, weil es teuer ist, einen Patienten auf die Warteliste von Eurotransplant zu stellen.

Sie sind Transplantationschirurg. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie mit Transplantationen?

Adamec: Ich habe 30 Jahre lang transplantiert. Insgesamt habe ich 1.000 Transplantationen gemacht. In den meisten Fällen waren es Nieren, aber auch hunderte Lebern und Bauchspeicheldrüsen waren darunter. Transplantationschirurg zu sein ist eine wundervolle Aufgabe, denn es heißt Leben zu schenken. Ein besonders schöner Moment ist, wenn in ein eben angenähtes Organ Blut hineingelassen wird. Das ist wie eine Geburt. Menschen, die vorher am Rande des Todes waren, leben nach der Transplantation auf. Es macht Freude, das zu erleben.

Die Fragen stellte Maria Sileny.



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