Die langersehnte Lösung?

Die langersehnte Lösung?

Der Prager Magistrat ersetzt die umstrittene Opencard durch eine neue elektronische Zeitkarte

3. 2. 2016 - Text: Stefan WelzelText: sw/čtk; Foto: APZ

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Die Oberbürgermeisterin lachte zufrieden und erleichtert in die Runde, als würde eine große Last von ihr abfallen. In der Tat geschah am Montag vergangener Woche Historisches, zumindest in der endlos scheinenden Posse um die elektronische Chipkarte für den Prager Nahverkehr. Rathauschefin Adriana Krnáčová (ANO) kündigte das Ende der umstrittenen Opencard an. Sie soll durch eine von der Stadt selbst betriebene, für den Magistrat günstigere Alternative ersetzt werden. Bereits im Februar sollen die Prager Verkehrsbetriebe die neue Karte mit dem Namen „Lítačka“ einführen.

Für die Kunden bleibt fast alles beim Alten. Weder die Preise für Abonnenten noch die Art der Verwendung werden sich ändern. Einzig der Name wird ein anderer sein und die Karte künftig grün statt rot. „Wir haben eine maßgeschneiderte Lösung gefunden. Sie ist billig, zuverlässig und vor allem ist die öffentliche Hand der neue Betreiber des Systems“, erklärte Krnáčová. Man könne enorme Kosten sparen. „Unter anderem fallen nun keine monatlichen Abgaben mehr an einen privaten Betreiber des Systems an.“ Damit spielte Krnáčová auf die Kosten für die Opencard an, die Kritiker in der Vergangenheit häufig als völlig überzogen bezeichnet hatten.

Das umstrittene Projekt wurde vor mehr als zehn Jahren vom damaligen Oberbürgermeister Pavel Bém (ODS) auf den Weg gebracht. Seit der Einführung der Opencard 2007 hat sie die Stadt mehr als 1,7 Milliarden Kronen (63 Millionen Euro) gekostet. Die Chipkarte ist seit längerem auch Gegenstand einer gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Magistrat und dem Rechteinhaber des Zahlungsmittels, der Firma eMoneyServices (EMS). Die Stadt will seit Jahren aus dem teuren Geschäft aussteigen und hat zuletzt mehrere Zahlungen an EMS nicht getätigt. Daraufhin verklagte das Unternehmen die Stadt und forderte 600 Millionen Kronen (22,2 Millionen Euro).

Das zuständige Gericht des ersten Prager Bezirks entschied 2015, dass die Stadt 140 Millionen bezahlen müsse. Doch der Magistrat hatte nicht die Absicht, die Rechnung zu begleichen und ging in Berufung. In der vergangenen Woche setzte das Gericht nun den Zahlungs-Vollstreckungsbeschluss außer Kraft. EMS-Sprecher Martin Opatrný betonte, dass damit aber „das Urteil an sich nicht aufgehoben ist“. Das Unternehmen sieht sich nach wie vor im Recht.

Doch egal wie der Streit am Ende ausgeht und wie lange die Stadt ihren finanziellen Verpflichtungen gegenüber EMS noch nachkommen muss: Für den Magistrat ist klar, dass die Zukunft Lítačka gehört. Die neue Chipkarte wird bereits getestet. „Ab Mitte des Jahres sollen die Prager mit ihr fahren können. Und in absehbarer Zukunft soll sie die Opencard vollständig ersetzen“, so Krnáčová.

Die Kosten für die Entwicklung der neuen Karte veranschlagt die Oberbürgermeisterin bei rund sechs Millionen Kronen (222.000 Euro) einschließlich des Erwerbs der erforderlichen technischen Ausstattung. Auch die jährlichen Betriebskosten sollen „deutlich niedriger ausfallen als zuvor“. Weitere Aufwendungen fallen zum Beispiel für die Ausgabe an die Nutzer an. In der Hauptstadt und Umgebung sind derzeit rund 1,2 Millionen Opencards im Umlauf.

Ein weiterer Streit zeichnet sich unterdessen bereits um die Rechte für die Software der Opencard ab. Die sind in Besitz des Unternehmens EMS – und zwar bis ins Jahr 2055. Dieselbe Software soll nun aber auch bei der neuen Karte zum Einsatz kommen. EMS wird wohl auf seine Rechte pochen. Wie der Konflikt gelöst werden kann, ist noch offen. Es sieht aber ganz danach aus, als müsste die Stadt auch in Zukunft mit dem ungeliebten Partner zusammenarbeiten, wenn sie auf das nun angekündigte System bauen möchte.

Eine Alternative, wenn auch eine altmodische, gibt es seit Mitte des vergangenen Jahres wieder: Im August führten die Verkehrsbetriebe die Monatskarten aus Papier wieder ein. Doch diese sollen nur eine vorübergehende Lösung sein, bis die stadteigene Chipkarte sich endgültig durchgesetzt hat. 


Touristen sollen mehr zahlen
Die Prager Transportbetriebe erwägen, die Preise mancher Tickets zu erhöhen. Davon betroffen wären dem stellvertretenden Oberbürgermeister Petr Dolínek (Sozialdemokraten) zufolge die Ein- und Drei-Tageskarten für den städtischen Nahverkehr. Bisher kosten diese 110 beziehungsweise 310 Kronen. Die Erhöhung zielt vor allem auf auswärtige Kunden wie Touristen ab, während die Preise für Abonnements sowie für Einzelfahrscheine nicht ansteigen sollen. Dolínek rechtfertigt das Vorhaben mit dem verbesserten Angebot (zum Beispiel die neuen U-Bahn-Stationen der Linie A) und der damit einhergehenden Steigerung der Kapazität. Wann und um wie viel die Ein- und Drei-Tageskarten teurer werden, ist noch nicht bekannt. Die letzte Preiserhöhung erfolgte im Sommer 2011. Der Tarif für ein Kurzzeitticket stieg von 18 auf 24 Kronen, ist seither aber 30 anstatt 20 Minuten gültig. Und für 32 anstatt 24 Kronen kann man seit bald fünf Jahren 90 Minuten mit Bus, Bahn oder Metro fahren (davor 75 Minuten). Ein Jahresabonnement kostet aktuell 3.650 Kronen. Die Transportbetriebe nehmen mit dem Ticketverkauf jährlich rund 4,4 Milliarden Kronen (163 Millionen Euro) ein.