Die Kamera als Augenzeuge

Die Kamera als Augenzeuge

Barbara Probsts „Total Uncertainty“ in der Galerie Rudolfinum

29. 4. 2014 - Text: Franziska BenkelText: Franziska Benkel; Foto: Galerie Rudolfinum

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„In meiner Arbeit geht es eher darum, wie wir sehen und nicht so sehr darum, was wir sehen.“ Mit diesen Worten beschreibt Barbara Probst ihr Schaffen. In der Galerie des Rudolfinums sind zur Zeit zahlreiche Beispiele der Probstschen Sichtweise auf die Dinge unter dem eigenwilligen Titel „Total Uncertainty“ („Totale Unsicherheit“) zu sehen. Den Kern der Schau bilden 25 Fotografien aus der Reihe „Exposures“ (in etwa „Entlarvung“). Gezeigt wird außerdem die Installation „Was wirklich geschah“, bei der es sich um eine Bildstrecke von 80 im Drei-Sekunden-Takt projizierte Dias handelt.

Die gebürtige Münchnerin produziert mit großem Aufwand Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografien. Dabei arbeitet sie mit einer ganz eigenen Technik. Indem sie zwischen zwei bis 13 Kameras gleichzeitig auslöst, gelingt es ihr, ein und dieselbe Szene aus mehreren Blickwinkeln gleichzeitig abzulichten.

Ihre Motive sind meist Menschen und deren eindringliche Blicke. Jedes Bild spricht und steht für sich selbst, ist aber stets Teil einer Reihe, sei es auch nur eine, die aus zwei Exemplaren besteht. Probst setzt ihre Fotografien zu Kompositionen zusammen. Durch dieses Aneinanderreihen entsteht eine nahezu filmische Ästhetik, die dem Beobachter eine Art lineare Erzählstruktur suggeriert.

Auf einem der Schwarz-Weiß-Bilder ist eine junge Frau zu sehen, die seitlich am Betrachter vorbei schaut. Der junge Mann neben ihr starrt geradeaus. Auf dem folgenden Bild blickt die Frau direkt in die Augen des Betrachters. Der junge Mann wiederum zur Seite. Durch die Fokus-Verschiebung verändert sich auch die Stimmung des Bildes. Die Gesichter wirken abwesend und verstörend. Trotzdem könnte man fast von einem performativen Moment sprechen, da es zu einer impulsiven Interaktion zwischen dem Rezipienten und der Fotografie kommt. Durch die vielseitigen Kamera­positionierungen wirken die Szenerien geisterhaft, fast entrückt. Es scheint, als würden die einzelnen Momente eingefroren und jeglicher Zeit beraubt.

Einige der großformatigen Hochglanzaufnahmen sind in weiten Abständen und 13er-Gruppen aufgereiht. Dadurch ist der Besucher gezwungen, die Bilderfolgen abzulaufen. Die Herausforderung besteht darin, das Werk durch steten Positionswechsel immer wieder neu zu erfassen – ein dauerhaftes Spiel mit der Perspektive. Oft bleibt dabei unklar, wo eine Bilderreihe anfängt und wann sie aufhört. Zwar beginnt man automatisch von links nach rechts zu „lesen“, doch scheint es, als komme man zu keinem schlüssigen Punkt. Der Betrachter versucht einen klassisch-linearen Erzählstrang zu konstruieren. Doch je mehr Perspektiven Probst entstehen lässt, desto schwieriger wird es für den Zuschauer, die Verbindungen nachzuvollziehen.

Genau darin besteht wohl die Essenz von Probsts Intention: Sie stellt das „Wie“ des Sehens in den Fokus. Es geht nicht in erster Linie um eine sinnvolle inhaltliche Interpretation des Dargestellten. „Eine bloße Fotografie beinhaltet keine Erzählung, erst durch die Gedanken des Beobachters entsteht sie“, so Probst.

Barbara Probst: Total Uncertainty. Galerie Rudolfinum (Alšovo nábřeží 12, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (donnerstags bis 20 Uhr), Eintritt: 130 CZK (ermäßigt 80 CZK), www.galerierudolfinum.cz, bis 6. Juli