Die Grenzen des Sichtbaren

Die Grenzen des Sichtbaren

Haus der Fotografie zeigt medienkritische Arbeiten von Andreas Müller-Pohle

7. 8. 2014 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Andreas Müller-Pohle

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„Was ich nicht sehe, fotografiere ich“, hat Andreas Müller-Pohle seine Maxime vor vielen Jahren auf den Punkt gebracht. Seinem Prinzip ist der Berliner Fotograf bis heute treu geblieben. Wer seine Bilder betrachtet, ist oft verwirrt: Was sich darauf zeigt, ist ganz offenkundig nicht das Abbild einer bekannten Wirklichkeit.

Eine Auswahl der stark theoretischen Werke Müller-Pohles, der sich immer auch reflexiv mit dem Medium Fotografie auseinandersetzt, präsentiert nun die Galerie der Hauptstadt Prag im Haus der Fotografie. Die Ausstellung „Koinzidenz. Ausgewählte Retrospektive“ umfasst 18 Bildzyklen und Videoprojekte, die den Übergang von analoger zu digitaler Fotografie, die Bildmanipulation, aber auch die schwierige Lesbarkeit dieser Bilder thematisieren.

Andreas Müller-Pohle kam 1951 in Braunschweig zur Welt, in Hannover und Göttingen studierte er Wirtschafts- und Kommunikationswissenschaften. 1980 gründete er die Zeitschrift „European Photography“, die er bis heute herausgibt. Der Medienkünstler setzt sich seit den Achtzigern mit dem Werk des Prager Kommunikations- und Medienphilosophen Vilém Flusser (1920–1991) auseinander. In der „Edition Flusser“ veröffentlichte Müller-Pohle die in den achtziger Jahren entstandenen Hauptwerke sowie Nachlassdokumente des Philosophen. Gegenwärtig lebt und arbeitet Müller-Pohle in Berlin. Mit seinem fotografischen Werk zählt er zu den bedeutendsten Vertretern des Visualismus, einer Art des Sehens, das durch Abweichung und Verfremdung die sichtbare Wirklichkeit aufzeigen will.

Verfremdung spielt auch in der Prager Retrospektive eine wesentliche Rolle. Sie zeigt unter anderem Bilder, denen die klassische Fotografie vollkommen abhandengekommen ist. Stattdessen übersetzte Müller-Pohle die analogen Aufnahmen in andere Codesysteme wie die Braille­schrift oder den genetischen Code. Für die Serie „Digitale Partituren“ beispielsweise digitalisierte Müller-Pohle die älteste heute erhaltene Fotografie aus dem Jahr 1826 und übertrug sie in alphanumerische Zeichen, die er auf mehrere Bildtafeln verteilte. Für unseren Blick ist das Ergebnis unlesbar und enthält dennoch die vollständige Bildinformation.

Die Verbindung von Schrift und Bild spiegelt sich auch im Zyklus „Danube River Project“ wider. Für die Serie folgte der Künstler dem Flusslauf der Donau von ihrem Ursprung im Schwarzwald bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Aus der Perspektive des Flusses fing er wichtige Stationen halb unter, halb über Wasser ein und ergänzte sie durch die Analyse der Wasserproben am entsprechenden Ort.

Traditionelle Landschafts­fotografie führt Müller-Pohle mit seiner Serie „Albufera“ ad absurdum. Indem er die Negative der Aufnahmen des Naturparks bei Valencia zerriss und zu einem neuen Bild aneinanderfügte, brachte Müller-Pohle zusammen, was Menschen nicht wahrnehmen: Verschiedene Zeiten und Weltausschnitte verschmelzen zu einem Gebilde jenseits unserer Wahrnehmung.

Andreas Müller-Pohle: Koinzidenz. Ausgewählte Retrospektive. Dům fotografie (Revoluční 5, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), bis 28. September, www.ghmp.cz