Die gotische Schönheit des Plattenbaus

Die gotische Schönheit des Plattenbaus

František Koudelka ist ständig auf der Suche. Inspiration findet er auch an ungewöhnlichen Orten

31. 5. 2016 - Text: Jan NechanickýText und Foto: Jan Nechanický

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Eine kleine Wohnung im zehnten Stock eines Plattenbaus am Prager Stadtrand. Kaum jemand würde hier ein Atelier erwarten. Es ist kein Künstler- und kein Szeneviertel, in dem der Maler František Koudelka seine Ideen­küche eingerichtet hat. Zwei Zimmer, eine kleine Bibliothek; auf dem Tisch liegt Henri ­Bergsons „Materie und Gedächtnis“ – sein Zuhause ist so bescheiden wie Koudelka selbst.

Nicht nur mit der Lage seines Ateliers überrascht der 70-Jährige. Auch dass er überhaupt mit der Malerei begonnen hat, ist ein kleines Wunder. In seiner Familie gab es keine künstlerische Tradition, er hat Malerei weder studiert noch zu seinem Beruf gemacht. Dennoch beschloss er als Erwachsener, sein Leben in den Dienst der bildenden Kunst zu stellen.

Wie so vieles in Tschechien sind auch Koudelkas Anfänge als Künstler mit dem Kneipenmilieu verbunden. Als er 23 Jahre alt war und gerade den Wehrdienst hinter sich gebracht hatte, zog er mit Freunden durch die Prager Lokale. Wo Menschen sich treffen, um ihre Freuden und Leiden zu teilen und zu vergessen, saßen sie stundenlang zusammen und zeichneten Gesichter. Es war ein perfekter Ort, um Menschen zu studieren.
Aus dem Hobby wurde allmählich eine Leidenschaft. Koudelka besuchte bald Kurse an der Volkshochschule, um Akte zu malen. Die Gestalt des menschlichen Körpers habe ihn fasziniert, erzählt er. Vor allem ältere Menschen fand er interes­sant, deren Körper nicht mehr schön waren, aber Geschichten erzählen konnten.

Suche als Programm
Einige seiner Freunde studierten später Kunst. Das konnte sich Koudelka jedoch nicht leisten. Als junger Vater musste er seine Familie versorgen. Seine Leidenschaft gab er deswegen jedoch nicht auf. Er verdiente seinen Lebensunterhalt als Bühnentechniker und verbrachte die Abende in Theatern oder Rundfunk­studios, später auch in der Nationalgalerie. Tagsüber malte er.

Obwohl er kein Student war, durfte er an der Prager Kunstakademie am Unterricht teilnehmen. Einmal pro Woche konnte er dort, wenn er die Assistenten der Professoren mit einer Flasche Wein bestach, vier bis fünf Stunden sitzen und seiner Leidenschaft nachgehen. Mit den Professoren verstand er sich gut und lernte viel von ihnen, obwohl er nicht bei ihnen studierte. Auch außerhalb der Akademie habe er immer wieder jemanden getroffen, der ihm als Lehrer und Kritiker half und ihn weiterbrachte, erinnert sich Koudelka.

Dass er sich nicht als Student einschrieb, hatte noch einen weiteren Grund. Er habe stets gezweifelt, sei ständig auf der Suche gewesen, sagt der Maler. Und er hatte Angst, zu tief in das Künstlermilieu einzudringen und sich von anderen beeinflussen zu lassen. Bis heute ist er ein Mensch, der gerne zweifelt und gerne Neues entdeckt. „Das Suchen verlängert die Jugend, die Jugend ist doch selbst eine ständige Suche“, erklärt der 70-Jährige.

Sein Werk spiegelt diese ständige Suche wider. Alle drei bis fünf Jahre wechselt er seinen Stil und sucht sich ein neues Thema. Bei einem zu bleiben würde ihm, wie er entschieden sagt, „keinen Spaß machen“.

Ein Teil seines Werks entstand zum Beispiel, weil ihn gotische Architektur faszinierte. Vor allem Kathedralen inspirierten ihn. Koudelka schuf große Bilder, die Domfenster oder die Kuppel einer Basilika in stilisiert geometrischen Kurven darstellen. Ideen sammelte er unter anderem in der Prager Altstadt, etwa in der Altneu-Synagoge und in der Sankt-Ludmilla-Kirche in Vinohrady. Zu anderen Bildern regte ihn die Architektur der Prager Plattenbausiedlungen an. Deren Monumentalität erinnert Koudelka ebenfalls an gotische Architektur.

Im Himmel schweben
Neben sakraler Architektur findet man auf Koudelkas Bildern auch einige Figuren. Sie sind den gotischen Bauten nicht unähnlich. Die Figuren sind langgezogen, ragen mit ihrem Kopf in den Himmel. Diese Gemälde entstanden vor allem in den Achtzigerjahren. „In dieser Zeit konnte man einfach nicht am Boden bleiben, das hätte man nicht ausgehalten. Wir sind damals alle ein bisschen geschwebt“, erklärt er und lächelt traurig.
Vielleicht ebnete das Schweben seinen Weg zur abstrakten Malerei und zu abstrakten Themen. Auch vor philosophischen Fragen schreckt Koudelka nicht zurück. Er setzt sich zum Beispiel mit der Beziehung von Zeit und Bewegung auseinander. „Die Zeit der Bewegung und die Bewegung der Zeit“ heißt eines dieser Bilder. Kleinere und größere Fleckchen schimmern auf einem hellblauen Hintergrund. „Die Zeit verdichtet sich an manchen Stellen, sie ist nichts Konstantes. Wenn es keine Uhren gäbe, hätte jeder von uns seine persönliche Zeit“, sagt der Maler. Deswegen habe er die Zeit als Punkte dargestellt. Bewegung dagegen sei „ein ewiger Strom“, der nie anhält. Die Uhr – also die Bewegung – bestimme unsere Zeit.

Koudelka kann zwar abstrakt sein, er zeichnet aber nach wie vor auch ganz konkrete Menschen. Eine seiner Porträt-Reihen zeigt Milan Knížák. Dieser war bis 2011 Leiter der Nationalgalerie in Prag und ist zugleich einer der bekanntesten Aktionskünstler Tschechiens. Dass ihn das oft in Interessenskonflikte brachte, hat Koudelka zu einem Gemälde inspiriert. Knížák steht auf einem roten Teppich, sein Gesicht teilt ein schwarzer Strich. Das Gemälde trägt den Titel „Konformist“.

Sich selbst treu bleiben
Koudelka jedenfalls ist kein Konformist geworden. Er male, weil er dabei frei sei, sagt er. „Ich kann alles machen, was ich will, mit minimalen Mitteln. Und im Unterschied zur Literatur etwa, kann ich es viel einfacher nur für mich machen, für die Schublade sozusagen. Das geht bei Literatur nicht so einfach. Dafür ist sie zu anstrengend, zu sehr auf das Publikum angewiesen.“

Man hat das Gefühl, dass es Koudelka nie so sehr ums Publi­kum ging, obwohl er fast 40 Ausstellungen vorweisen kann – in Prag und anderen Teilen des Landes, aber auch in Italien und Großbritannien.

Von Erfolg spricht er kaum. Vielleicht weil er ihn – zumindest am finanziellen Ertrag gemessen – nie wirklich erreicht hat. Aber vielleicht auch eher deswegen, weil er ihm nie wichtig war. Es ging ihm immer darum, seine Leidenschaft zu leben und sich selbst treu zu bleiben, offen zu sein und Neues zu entdecken. Denn er ist überzeugt: „Jeder sollte seinen eigenen Weg finden, sich auszudrücken, seine eigene Welt finden. Es ist schön, etwas zu schaffen.“

František Koudelka: Reminiscence. Galerie Chodovská tvrz – Ledvinova 9/86, Prag 4, bis 17. Juni