Die Chamäleons von nebenan

Die Chamäleons  von nebenan

Mitten in Prag betreiben zwei Brüder eine Reptilienfarm

26. 3. 2014 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Boštík

 

Die Plastikschachtel ist nicht mehr als dreißig mal dreißig Zentimeter groß. Dabei birgt sie so viel Leben: Zwanzig frisch geschlüpfte Chamäleons tummeln sich auf einer Schicht aus Kieselsteinen, zwischen aufgeplatzten, zerknüllten Eierschalen. Vorsichtig hält Matěj Boštík die Schachtel in der Hand, bald wird er die grün schimmernden, daumengroßen Babys in ein Terrarium umbetten. Durch eine Glastür wird er dann beobachten, wie die Winzlinge auf Zweigen herumklettern. Unter ihnen eine Sandschicht, oben eine Lampe, die Wärme spendet.

In zwei Lagerhallen, auf etwa 100 Quadratmetern, haben Matěj und sein Bruder Pepa 300 Terrarien untergebracht. 200 erwachsene Chamäleons leben dort und etwa 100 Jungtiere. Und jede Menge Grillen in weißen Plastikeimern. Die Grillen bestellen die Brüder wöchentlich, in fünf verschiedenen Größen. Mit ihnen füttern sie täglich ihre Zucht. Haben die Reptilien eine bestimmte Größe erreicht, werden sie verkauft. Die lebendige Ware findet weltweit Abnehmer. Bis nach China werden die in Prag gezüchteten Chamäleons exportiert.

Niemand würde die Reptilienfarm hinter dem Hauseingang im Prager Viertel Žižkov vermuten. Die schäbige Glastür, mit Werbezetteln beklebt, ist Teil einer befahrenen Straße, fügt sich unauffällig in eine endlose Häuserreihe. Eine der Klingeln trägt die Aufschrift „Tortuga“, das spanische Wort für „Schildkröte“. Über eine Einfahrt geht es in den Hinterhof. Dort führt eine Treppe hinauf zu einer Stahltür. Wenn Matěj oder Pepa durch sie hindurchgehen, müssen sie aufpassen, dass sie nicht auf eine der entlaufenen Grillen treten. Ein stechender Geruch empfängt sie. In der Lagerhalle ist es warm. 27 Grad. Und feucht. Pepa und Matěj sorgen dafür, dass die Feuchtigkeit erhalten bleibt. Sie lassen Leitungswasser in zwei Gefäße ein, die wie Feuerlöscher aussehen. An einem Schlauch ist eine Sprühdüse befestigt. Die Terrarien werden der Reihe nach geöffnet, der Sprühnebel spendet den Reptilien lebensnotwendiges Wasser.

Chamäleons trinken nicht aus Gefäßen, wie Matěj erklärt, vielmehr lecken sie Tautropfen. Pepa holt aus dem Kühlschrank Kartoffeln, schneidet sie in dicke Scheiben und legt sie in die Eimer mit den Grillen. Dazu schaufelt er Trockennahrung aus der Tüte hinein. Die Eimer bedeckt er anschließend mit Gitterdeckeln. Die Grillen müssen gut genährt werden, das ist wichtig für die Gesundheit der Chamäleons. Bevor Matěj die Grillen verfüttert, füllt er sie portionsweise in Plastikbecher und schüttet Vitaminpulver drauf. Alles gut durchmischen. Die Chamäleon-Mahlzeit ist fertig.

Terrarien im Kinderzimmer
Der 31-jährige Pepa und sein drei Jahre jüngerer Bruder Matěj kommen täglich nach der Arbeit in die Lagerräume. Bei der Tierpflege erholten sie sich genauso gut wie andere in der Kneipe, sagen sie. Pepa arbeitet tagsüber bei einer Versicherung und nebenbei an seinem Doktorat in Kernphysik. Matěj ist Bauingenieur. Beide wissen ganz genau, was Reptilien brauchen. Denn Chamäleons, Eidechsen, Schildkröten und Schlangen sind seit der Kindheit ihre Leidenschaft. Ihr Vater, ein Biologe, hat seine vier Kinder früh mit der Welt der Kriechtiere bekanntgemacht. „Schon als Neunjähriger war ich völlig begeistert“, erzählt Matěj. Er erinnert sich, wie er damals gemeinsam mit einem Freund durch die Prager Börsen für Aquariumfische und Terrariumtiere zog. Bald hatte er im Kinderzimmer der Prager Wohnung zwei Terrarien mit Tag­geckos aus Madagaskar. Mit den Jahren wuchs die Sammlung.

In der Vier-Zimmer-Wohnung nahe der Moldau waren Terrarien verteilt: da ein Krebs, dort eine Natter, Eidechsen… Bis die beiden Brüder irgendwann 35 Terrarien in ihrem Zimmer hatten. Vom Fußboden bis zur Decke waren die Wände voll davon, dazwischen stand etwas verloren das Etagenbett der beiden Tierhalter. Schließlich zog Pepa mangels Platz ins Gästezimmer um, aber auch dort war er bald umgeben von weiteren Exemplaren der lebendigen Sammlung. Zu dem Zeitpunkt teilten die restlichen vier Mitglieder der Familie Boštík die Reptilien-Begeisterung von Matěj und Pepa immer weniger: Die Wohnung im zweiten Stock eines Prager Mietshauses roch zunehmend nach einem Tierpark. Auf Teppichen in den Zimmern, auf den Fliesen in der Küche kroch das entlaufene Futter der Chamäleons. Das Zusammenleben von Stadtmenschen und Reptilien wurde unerträglich. Wollten Pepa und Matěj ihre Sammlung nicht auflösen, mussten sie ihre Terrarien in eigens dafür angemietete Räume umsiedeln.

Dort war auf einmal Platz genug, weitere Exemplare anzuschaffen. Das langjährige Hobby entwickelte sich zum Geschäft, nach und nach spezialisierten sich die Brüder auf Chamäleons. In den zwei Lagerhallen leben aber auch andere Tiere: Schildkröten, Eidechsen, der gelb-braun gemusterte Leopardgecko und nicht zuletzt zwei Taggeckos, die aus ihren Terrarien entlaufen sind. Sie kleben mal da, mal dort an der Wand und jagen nach ebenfalls entlaufenen Grillen. Doch die Chamäleons sind ihre Favoriten, wie Pepa und Matěj erklären: weil sie schön sind, weil sie zu den ältesten Tieren der Erde gehören, weil es so viele verschiedene Arten gibt und weil Kunden nach ihnen fragen.

Matěj zeigt das prächtige Pantherchamäleon aus Madagaskar. Es schillert in grün, rot, gelb, türkis, sieht aus wie ein kleiner bunter Drache. Eine Augenweide. Chamäleons können binnen Sekunden ihre Farben verändern. Das tun sie nicht etwa, um sich zu tarnen, sondern um Stimmungen mitzuteilen. Denn Chamäleons sind stumme Tiere. Sie haben auch keine Ohren. Die Männchen sind Einzelgänger, die ihr Revier verteidigen. Deswegen braucht jedes Exemplar sein eigenes Terrarium. Von Zeit zu Zeit packen Matěj und Pepa ausgesuchte Tiere in Plastikboxen, laden sie ins Auto und fahren mit ihnen ins nordrhein-westfälische Hamm. Dort findet viermal im Jahr eine der größten Reptilienmessen Europas statt, mit etwa 10.000 Teilnehmern. Schlangen, Kriechtiere, Amphibien und Insekten werden dort ausgestellt, gehandelt, bestaunt. Züchter tauschen untereinander ihre Erfahrungen aus. Dort können die Brüder nicht nur ihre eigenen Tiere feilbieten, sondern auch ihre Sammlung immer wieder mal erweitern um neue, interessante Arten.

Weitere Artikel

... von Maria Sileny
... aus dem Bereich Prag

Abonniere unseren Newsletter