Der vergessene Reformator

Der vergessene Reformator

Hieronymus von Prag wird zum ersten Mal in einer deutschsprachigen Monografie gewürdigt

14. 9. 2016 - Text: Friedrich GoedekingText: Friedrich Goedeking; Foto: APZ

 

Der Philosoph Hieronymus von Prag starb 1416 in Konstanz auf dem Scheiterhaufen. Seitdem sind 600 Jahre vergangen, und so lange hat es auch gedauert, bis in Deutschland die erste Monographie über den Mitstreiter von Jan Hus erschienen ist. Bis heute steht der Laientheologe Hierony­mus von Prag im Schatten des weit bekannteren böhmischen Reformators Hus – zu Unrecht, wie Jürgen Hoeren und Winfried Humpert feststellen.

In ihrem Buch „Hieronymus von Prag“ vertreten die Autoren die These, dass die böhmische Reformation im 15. Jahrhundert vor allem drei Denkern zu verdanken ist, nämlich neben Jan Hus dem englischen Theologen John Wyclif (etwa 1320–1384) und dem Philosophen Hieronymus von Prag, der um 1380 geboren wurde. Die entscheidenden Impulse erhielt die böhmische Reformation laut Hoeren und Humpert vom radikalen Kirchen­kritiker John Wyclif. Er lehnte die Heiligenverehrung, den kirchlichen Ablass, die Institution des Papsttums und den Reichtum der Kirche ab und berief sich dabei auf die Bibel.

Als Hieronymus von Prag mit 18 Jahren als Student in Oxford die Schriften von John Wyclif entdeckte, erkannte er, welch brisanten kirchenpolitischen Sprengstoff sie enthielten. Er kopierte in den zwei Jahren seines Aufenthaltes in Oxford handschriftlich Auszüge aus den Werken Wyclifs und brachte sie nach Prag. Dort bildeten sie für Jan Hus die Grundlage seiner Forderungen nach einer Reform der Kirche.

Zum Glauben durch Vernunft
Hoeren und Humpert schildern Hieronymus als einen Reformer, der radikaler als Hus war, so zum Beispiel in der Frage des Laien­kelchs, der zum Symbol der hussitischen Bewegung wurde. Während Hus seiner Einführung nur zögerlich zustimmte, zählte Hieronymus zu den entschie­denen Befürwortern. Die Praxis der Kelchkommunion für Laien hatte er bei seinen Reisen nach Litauen und Weißrussland in der orthodoxen Kirche kennengelernt. Im Unterschied zu Hus lehnte er auch die Lehre von der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi bei der Messe ab. Als Philosoph vertrat er die These, dass neben der Bibel und der Offenbarung auch die Vernunft dem Menschen den Zugang zum Glauben an Gott ermögliche.

Hus versuchte, mit der Predigt in der Prager Bethlehemskapelle tausende Zuhörer für eine Erneuerung der Kirche zu gewinnen. Hieronymus setze dagegen auf den Disput mit Gelehrten an europäischen Universitäten, die er mit seinem scharfen Intellekt in die Enge zu treiben verstand. Er liebte die Provokation. So organisierte er zum Beispiel in Prag einen Straßenumzug, bei dem eine Prostituierte, die die geldgierige Kirche darstellen sollte, auf einem Wagen durch die Stadt gefahren wurde.

Während Hus bis auf die Zeit seiner Verbannung ausschließlich in Prag wirkte, absolvierte Hieronymus ein für die damalige Zeit unglaubliches Reise­programm. Er trat an Universitäten in Paris, Köln, Heidelberg und Wien auf, suchte den Kontakt mit der orthodoxen Kirche und unternahm eine Reise nach Jerusalem. Oft musste er die Orte fluchtartig verlassen, weil er mit seiner harten Kritik an der Kirche Gefahr lief, als Ketzer angeklagt zu werden.

Geniale Rhetorik
Ein Jahr nach dem Feuertod seines Freundes Jan Hus in Konstanz wurde Hieronymus an gleicher Stelle als Ketzer verurteilt und verbrannt. Die Autoren Humpert und Hoeren geben seine letzte Verteidigungsrede vor dem Konzil in vollem Wortlaut wieder, weil sie eindrücklich die geniale Rhetorik und das hohe Niveau der theologischen Argumentation des böhmischen Gelehrten dokumentiert. Die Rede überlieferte der päpstliche Sekretär und Humanist Poggius Florentinus, der bekannte, „bisher nie einen Menschen gesehen zu haben, der in einer mündlichen Verhandlung mit solch einer Kunstfertigkeit, Argumentation und Gedächtnisleistung seine Meinung vertreten hat“.

Die Monographie ist reich bebildert und macht auch dem Nichthistoriker die Ideen und die Eigenständigkeit dieses philosophischen Querdenkers verständlich. Sie trägt dazu bei, dass Hieronymus von Prag endlich seinen gebührenden Platz in der Geschichte der böhmischen Reformation erhält.

Winfried Humpert, Jürgen Hoeren: Hieronymus von Prag. Der Philosoph im Schatten von Jan Hus. Mit einer Einführung von Eugen Drewermann. Südverlag, Konstanz 2016, 112 Seiten, 16 Euro, ISBN: 9783878001003

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