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Der Traum vom Meer

Der Traum vom Meer

Ein Deutscher, ein Österreicher und ein Australier stellen in Prag original tschechische Seesäcke her – und spinnen dazu ein wenig Seemannsgarn

8. 12. 2016 - Text: Katharina Wiegmann, Foto: K. Kalina

500 Kilometer bis an die Ostsee, 650 Kilometer bis zur Adria­küste. Prag ist ziemlich weit weg vom Meer. Trotzdem treffen die drei Freunde Dominik, Chris und Callum eines Abends einen echten Matrosen in einer Prager Kneipe – so will es zumindest der Gründungsmythos der „Krymská Manufaktura“. Valentýn erzählt den Jungs von seiner unersättlichen Leidenschaft für den Ozean. Von Abenteuern und den Geheimnissen ferner Strände. Sein Lebensziel: die mutigen Seelen, die sich hinaus ins Unbekannte wagen, mit hochwertiger Seefahrer­ausrüstung ausstatten.

Die Freunde sind inspiriert, der Gründergeist ist geweckt. „Krymská Manufaktura“ heißt das Label, mit dem sie seit rund einem Jahr Taschen mit einem kleinen aufgestickten Wanderer verkaufen. Mehr Produkte sind im Online-Shop der Firma noch nicht erhältlich. Stattdessen gibt es in den sozialen Netzwerken Lebens- und Reiseweisheiten und Bilder von den Trips der Freunde rund um den Globus: ein Schiff am Horizont, die Wälder der böhmischen Schweiz im Nebel, ein Handstand vor einem quietschgelben VW-Bus, geparkt irgendwo in der Wüste. Damit treffen sie offenbar einen Nerv. Rund 6.000 Menschen folgen Dominik, Chris und Callum bereits auf Instagram.

Dominiks Augen leuchten, während er in einem Berliner  Café von den Reisen, Geschichten und Ideen erzählt, die hinter der kleinen Firma stecken. Schnell wird klar: Hier geht es nicht nur um einen Seesack. Mindestens genauso wichtig sind das Zelebrieren der Wanderlust und das Träumen von fernen Welten. „Menschen machen keine Reisen, Reisen machen Menschen.“ Gezeichnet: Valentýn.

Natürlich gehört das zur Marketingstrategie der „Krymská Manufaktura“, die zum Zeitgeist der perfekten digitalen Inszenierung passt. „Marken leben von Medien“, sagt Dominik und gibt im selben Atemzug zu, dass diese Art von Werbung für ihn und die anderen viel Arbeit neben Fotografen-, Reiseführer-, Kamera-Jobs und Studium bedeutet. Bloßes Hobby soll das Seesack-Business aber auch nicht sein. Dominik, Chris und Callum hoffen, dass sie sich damit bald ihre Reisen finanzieren können.

Sie sind alle viel unterwegs, oft die Hälfte des Jahres, wie Dominik sagt. Das kostet natürlich Geld. Irgendwo zwischen Kolumbien, Burma, dem Iran und Bayern kam ihnen die Idee mit dem Seesack. „Wenn man viel reist, versteht man irgendwann, wie wichtig die Ausrüstung ist.“ Eine Tasche, die sich oben zuziehen und leicht zusammenrollen lässt, konnten sie auf ihren Touren gut gebrauchen. Einmal hatten sie ein nahezu perfektes Modell gefunden, aber bei einem der Abenteuer verloren. Jetzt produzieren sie es einfach selbst.

Aber warum in Prag? Chris und Callum leben beide schon mehrere Jahre in Tschechien, Dominik besucht seine Freunde oft. „Wir haben die Theorie, dass die Tschechen eigentlich ein Seefahrervolk sind“, lacht der 30-Jährige – und ist jetzt voll in seinem Element. „Schon bei Shakespeare gab es Böhmen am Meer als Handlungsort in seinem Wintermärchen. Auch Ingeborg Bachmann hat ein Gedicht darüber geschrieben.“ Es ginge darin um die Sehnsucht nach einer Utopie, die nie Wirklichkeit werden kann. „Deshalb braucht Tschechien einen Seesack – um wenigstens so zu tun, als ob die Utopie Wirklichkeit werden könnte.“

Zu den Vorbildern der Freunde gehören die tschechischen Welten­bummler Miroslav Zikmund und Jiří Hanzelka, die Ende der vierziger Jahre mit einem Tatra 87 durch Afrika, Süd- und Mittelamerika reisten. Dominik bewundert an den beiden vor allem ihre Sturheit. „Sie haben sich für etwas entschieden und es dann unnachgiebig verfolgt, bis es geklappt hat. Ihre Weltreise haben sie schon als Schüler während der deutschen Okkupation geplant. Als die Nationalsozialisten den Unterricht aussetzten, nutzten sie die freie Zeit für akribische Vorbereitungen und lernten zusammen acht Sprachen.“ Nach dem Krieg überzeugten sie den Autohersteller Tatra, ihnen einen Wagen zur Verfügung zur stellen, am Ende des Jahres 1950 hatten sie 44 Länder bereist. Auch sie dokumentierten ihre Reisen ausführlich mit Fotos, Filmen und Rundfunkreportagen.

28 Liter fasst die Tasche aus hellem Baumwoll-Canvas der „Krymská Manufaktura“. Produziert wird zur Hälfte in England, zur Hälfte im Prager Stadtteil Holešovice. Im ehemaligen Hauptgebäude der Elektrizitätswerke in der Bubenská-Straße siedeln sich immer mehr junge Kreative an. Die namensgebende Krymská-Straße liegt allerdings am anderen Ende der Stadt. „Wir sind dort eine Zeit lang viel ausgegangen. Außerdem wollten wir einen Namen, den sich auch Nicht-Tschechen leicht merken können.“

Durch diese Entscheidung gerieten die drei Hobbymatrosen allerdings das erste Mal in Seenot. Der Zahlungsdienst Paypal fror das Konto der „Krymská Manufaktura“ ein. Der Grund: US-Sanktionen gegen die von Russland beanspruchte Krim – ein einfacher Algorithmus hatte wohl dafür gesorgt, dass mit bestimmten Schlagworten verbundene Transaktionen blockiert wurden. Das Unternehmen empfahl den drei Freunden, den Namen zu ändern. Inzwischen ist das Problem aber gelöst und die Seesäcke aus Tschechien wurden bereits in Länder auf der ganzen Welt verschickt.

Finanziell hat sich das Ganze für die drei Freunde noch nicht gelohnt; sie fanden keine ­Investoren und haben die erste Produktion aus eigener Tasche bezahlt. Entmutigen lassen sie sich aber nicht so schnell. ­Seemannsmützen und -socken sind in Planung. Zu einem großen Konzern soll die „Krymská Manufaktura“ allerdings nicht werden.

„Der Gedanke daran, dass jemand mit unserer Tasche auf dem Rücken einen Berg besteigt oder ein Liebespaar an einem See sein Picknick aus dem Seesack holt, macht uns glücklich. Es ist ein besonderes Gefühl, dass Momente und Erinnerungen entstehen und wir ein Teil davon sind“, schreibt Dominik ein paar Wochen nach dem Interview per Mail. Positiv, verträumt. Könnte man so auch auf Facebook posten. Würde bestimmt vielen gefallen.

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