Der Tod des Löwen
Literatur

Der Tod des Löwen

Neu aufgelegt: Auguste Hauschner lässt in einer Novelle das magische Prag aufleben. Darin verbindet sie das Schicksal von Rudolf II. mit einem Berberlöwen

22. 8. 2019 - Text: Friedrich Goedeking, Titelbild: Löwendenkmal Luzern

Einen weiblichen „Prager Kreis“ hat es nie gegeben. Noch vor ein paar Jahren stellte die aus Westböhmen stammende Kulturhistorikerin Wilma Iggers diese These auf. Doch stimmt das wirklich? Wenn man den Max Brod geprägten Begriff etwas weiter fasst, sind Zweifel angebracht. Die Prager Schriftstellerin Auguste Hauschner (1850-1924) etwa traf sich zwar nicht regelmäßig mit der Gruppe um Franz Kafka, Felix Weltsch, Oskar Baum und besagtem Max Brod. Doch stand sie zumindest mit Brod in regem Austausch und gilt als wichtige Vertreterin der modernen deutschsprachigen Literatur ihrer Heimatstadt.

Wie manches Mitglied des (engeren) „Prager Kreises“ setzte sich auch Hauschner für ein Miteinander von Christen und Juden ein, übte Gesellschaftskritik und beschäftigte sich mit Fragen der jüdischen Identität. Dafür steht unter anderem ihr während des Ersten Weltkrieges erschienenes Buch „Der Tod des Löwen“. Über hundert Jahre später bringt der deutsche Homunculus-Verlag den „vergessenen Prag-Roman“ neu heraus – und seine Autorin wieder ins Gedächtnis zurück.

Attraktiv gestaltete Neuauflage | © Homunculus Verlag

Prag im Jahr 1612. „Der Kaiser fuhr mit einem Schrei aus unruhigem Schlummer auf. Noch hielt er den wilden Lärm, dessen Nachhall ihm in den Ohren dröhnte, für die Täuschung eines Traums, da wiederholte sich das Kampfgetöse. Ein Schuss … noch einer. Und das verknäulte Johlen Verfolgender und Gejagter … Hatten sich die Banditen in das Schloss geschlichen? Würde er, wenn er den Kopf nach rückwärts wandte, einem Blick begegnen, der seinen Willen lähmte, ihm in den Adern das Blut gefrieren ließ?“

Rudolf II. wird von Wahnvorstellungen heimgesucht. Völlig zurückgezogen lebt der Habsburger Herrscher auf dem Hradschin, den Regierungsgeschäften geht er schon länger nicht mehr nach. Selbst von seinen engsten Mitarbeitern fühlt sich der Kaiser verfolgt. Er verdächtigt sie sogar, sich mit König Matthias II. verbündet zu haben. Sein ihm verhasster Bruder hatte ihm nicht nur die Krone von Ungarn, sondern nun auch noch die von Böhmen entrissen. Der „Kaiser ohne Land“ vertraut nur noch der Konstellation der Sterne, der Magie und okkultem Wissen. Kann er Matthias damit doch noch besiegen?

Rudolf II. und Tycho Brahe (Gemälde von Eduard Ender, 1855)

Das einzige Wesen, das er schätzt und um das er sich sorgt, ist sein kranker Berberlöwe Mehmet Ali. Dessen Tod, so wurde ihm prophezeit, würde auch sein Leben beenden. Die panische Angst davor und dem Verlust seiner Macht treibt ihn zu den Astronomen Tycho Brahe und Renus Cysatus. Von ihnen erhofft er sich eine Deutung eines über Prag erschienenen Kometen. Doch sie scheuen sich: Beide wissen um die unheilvolle Zukunft. Dagegen wagt es ein mutiger Obrist, den Kaiser zu warnen: „Missachtet nicht die Schrift des Himmels. (…) Noch ist es Zeit; Krieg und Pestilenz von Eurem Land abzuwehren, Eure geheiligte Person zu schützen, hienieden und für die jenseitige Zeit.“ Im Zorn will ihn der Kaiser zu Boden strecken. Ebenso seinen Kämmerer, der ihm nahelegt, „dass er die schweren Sorgen der Regierung einem Kräftigeren übergibt.“

Voller Zorn begibt sich der Kaiser in das Judenviertel. Vom Rabbi Löw will er in die Kabbala eingewiesen werden, wovon er sich den Zugang zu magischen Kräften erhofft. Dafür verspricht der Kaiser, die Juden in seinem Herrschaftsbereich von allen Repressionen zu befreien. Der Gelehrte befindet sich in einem Konflikt: „Und nun stand er neben ihm, der Feind, der Gegner. Und dem Rabbi war es, als wären seine Hände eine Waage: Hier Wohl und Weg des Judenstamms, dort sein Verderben. Und er suchte dem Zünglein das Gleichgewicht zu halten, zwischen dem Verrat am Heiligsten und der Werbung um des Kaisers Gunst.“

Für den Rabbiner steht schließlich fest: Einem Christen kann er die von Gott dem jüdischen Volk anvertraute Weisheit nicht verraten. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als der Kaiser in einem Nebenzimmer die 15-jährige Tochter des Rabbis erblickt. Mit einem Schlag befällt ihn eine nie gekannte Liebesraserei, verbunden mit dem Gefühl, endlich Gott ganz nahe zu sein. Wie im Rausch überfällt den Herrscher die Liebe zu dem heranwachsenden Kind. Als er die bildschöne Golde in den Armen hält, wird sie ihm mit Gewalt vom Rabbi und dessen Diener entrissen. Der Kaiser muss das Ghetto verlassen.

Doch es wird noch schlimmer: Empört darüber, dass der christliche Kaiser das jüdische Ghetto aufgesucht hat, setzen Bürger das Judenviertel in Brand. Zur gleichen Zeit hat Rudolf zu einer Festtafel geladen, als plötzlich das Gebrüll des Löwen die Gesellschaft aufschreckt. Rudolf weiß, dass nun auch sein Leben zu Ende geht. Er stirbt mit seinem Lieblingstier noch in der gleichen Nacht.

Rabbi Löw und der Golem (Zeichnung von Mikoláš Aleš, 1899)

Hauschner beschwört in ihrer Novelle das magische Prag herauf. Ein unheilbringender Komet steht über der Stadt. Über allem hängt ein düsterner Schleier. Der Kaiser hält sich nur noch in abgedunkelten Räumen auf, seine Besuche im Ghetto finden in der Nacht statt. Okkulte Wissenschaften, aber auch Fanatismus und religiöser Wahn bestimmen die Atmosphäre. In der unheimlichen, schaurigen Stimmung tritt auch der sagenumwobene Golem im „Tod des Löwen“ auf. Im Unterschied zu zeitgenössischen Autoren wie etwa Gustav Meyrink beschreibt ihn Hauschner jedoch als dienstbeflissenen Diener des Rabbi.

Rudolf II. erinnert mit seiner Machtgier und der Ignoranz gegenüber einer Politik der Vernunft und den Ratschlägen seiner Diplomaten auf erschreckende Weise an Diktatoren und Populisten des 21. Jahrhunderts. Hauschner, eine überzeugte Pazifistin, schlägt eine Brücke vom aufziehenden Dreißigjährigen Krieg in die (damalige) Gegenwart. Nach dem „Tod des Löwen“ ist „Böhmens Sonne (…) im Niedergang, am Horizont erheben sich die Schatten großer Finsternisse: es dämmert des dreißig Jahre langen Krieges grause blutigrote Nacht.“ Zwei Jahre nach dem Erscheinen des Buches, nach einem anderen „Großen Krieg“, bricht die Habsburgermonarchie zusammen.

Auguste Hauschner: Der Tod des Löwen, Homunculus Verlag, Erlangen 2019, Hardcover, 180 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-946120-28-5

ÜBER DIE AUTORIN

Auguste Hauschner (1850-1924) begann erst relativ spät, mit Mitte dreißig, mit dem Schreiben. Dafür setzte sie sich als eine der ersten Schriftstellerinnen mit der gesellschaftlichen Stellung von Frauen und der jüdischen Identität auseinander. Geboren in Prag in einer jüdischen Kaufmannsfamilie, übersiedelte sie mit ihrem Mann, dem Fabrikanten Benno Hauschner, um 1875 nach Berlin. Nach dessen Tod (1890) eröffnete sie einen Salon für Berliner Kunstschaffende. Zu ihren Gästen zählten unter anderem ihr Vetter Fritz Mauthner, Gustav Landauer, Max Liebermann und seit 1914 auch Max Brod. Insgesamt veröffentlichte Hauschner 15 Romane und schrieb Artikel für die Zeitschriften „Simplicissimus“ und „Das Literarische Echo“. Sie korrespondierte mit Romain Rolland, Arthur Schnitzler, Ludwig Thoma, Thomas Mann, Stefan Zweig und Martin Buber.

Obwohl sie einen großen Teil ihres Lebens in Berlin verbrachte, blieb sie ihrer Heimatstadt Prag in ihren Werken stets verbunden: In ihren Romanen „Die Familie Lowositz“ (1908) sowie „Rudolf und Camilla“ (1910) beschreibt Hauschner das spannungsgeladene Zusammenleben von deutsch- und tschechischsprachigen Juden und Christen in Prag. In „Der Tod des Löwen“ thematisiert sie das „magische Prag“ mit Rabbi Löw und Tycho Brahe kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Der für den Expressionismus typische Kurzroman ähnelt in vielerlei Hinsicht anderer zu dieser Zeit erschienener Werke, etwa „Severins Gang in die Finsternis“ (Paul Leppin), „Tycho Brahes Weg zu Gott“ (Max Brod) und „Der Golem“ (Gustav Meyrink).

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