Der fremde Freund

Der fremde Freund

Fast jeder siebte Jugendliche trifft sich mit Online-Bekannten

17. 9. 2014 - Text: Corinna AntonText: ca/čtk; Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de

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Die Zahl ist hoch: Fast jedes zweite Kind in Tschechien kommuniziere über das Internet mit Fremden, titelten Medien hierzulande in der vergangenen Woche. 15 Prozent der Internetnutzer zwischen 9 und 16 Jahren träfen sich sogar mit den Unbekannten, die sie über soziale Netzwerke und andere Plattformen kennenlernten. Sorgen darüber machten sich auch die Teilnehmer der 14. Europäischen Kriminologen-Konferenz, die in der zweiten Septemberwoche in Prag stattfand. Von „Cyber-Grooming“ war die Rede, also von Menschen, die über das Internet sexuellen Kontakt mit Minderjährigen suchen.

Ein Blick in die Studie, die den Titel „Gefahren und Sicherheit im Internet“ trägt und vom europäischen Netzwerk „EU Kids Online“ durchgeführt wurde, relativiert die Zahlen ein wenig: Befragt wurden Kinder und Jugendliche aus 25 europäischen Ländern. Insgesamt gaben 30 Prozent der jungen Internetnutzer an, online Kontakt zu Menschen aufgenommen zu haben, die sie nicht persönlich kannten.

Tschechien liegt mit 46 Prozent auf den vorderen Plätzen, hinter Estland, Schweden (je 54 Prozent), Litauen (52 Prozent) sowie Norwegen und Finnland (je 49 Prozent). Außerdem gaben im Durchschnitt neun Prozent der Befragten an, bereits mindestens einmal jemanden getroffen zu haben, den sie vorher nur aus dem Internet kannten. Auch hier liegt Tschechien mit 15 Prozent weit vorne. Die große Mehrheit von ihnen gab allerdings an, dass es sich dabei um Menschen aus ihrem sozialen Umfeld handelte, etwa um Freunde oder Verwandte von Personen, die sie persönlich kannten.

„Was die politisch Verantwortlichen am meisten beunruhigt“, so heißt es in den Ergebnissen der Studie, „sind Begegnungen vor allem zwischen jüngeren Kindern und Menschen von außerhalb ihres sozialen Umfelds“. Von den insgesamt neun Prozent, die sich mit Online-Bekanntschaften trafen, hätte sich jedoch nur knapp die Hälfte mit solchen Personen getroffen. Dennoch sollten Kinder, Eltern und die Gesellschaft sensibilisiert werden, damit sie die Risiken im Netz frühzeitig erkennen. Die Verfasser der Studie fordern in ihren Schlussfolgerungen beispielsweise, dass sozial benachteiligte Familien unterstützt werden, wenn es um den Umgang mit dem Internet geht, und dass Altersgrenzen besser respektiert und kontrolliert werden.

Besonders gefährdet, Opfer von „Cyber-Grooming“ zu werden, sind der Kriminologin Kateřina Kudrlová von der Prager Karls-Universität zufolge Heranwachsende, die Probleme in der realen Welt haben, zum Beispiel weil sie gemobbt werden oder Streit mit ihren Eltern haben: „In diesem Moment sind sie die einfachsten Opfer für einen Cyber-Groomer, da er ihnen zuhört und mit ihnen kommuniziert.“

Andererseits zeigen Untersuchungen des Netzwerks „EU Kids Online“ aber auch, dass sich viele Jugendliche im Internet gut verteidigen können: 64 Prozent der 11- bis 16-Jährigen wissen demzufolge, wie sie unerwünschte Nachrichten blockieren, 56 Prozent können die Einstellung zur Privatsphäre in sozialen Netzwerken ändern.