Der aufreibende Kampf um Organspender

Der aufreibende Kampf um Organspender

Hinter den Erfolgen der Transplantationsmedizin verbirgt sich eine belastende Arbeit, die kaum einer würdigt

26. 2. 2015 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: IKEM

Noch gegen Ende letzten Jahres war Bartoloměj Pešta ein sicherer Todeskandidat. Nun lebt der 60-Jährige, obwohl seine Leber komplett versagt hat. Dass er jeden Morgen aufwacht und vielleicht bald mit seinem Hund spazieren geht, verdankt er dem Können der tschechischen Transplantationsärzte, die ihm in einer zehnstündigen Operation nicht nur die Leber, sondern auch den ganzen Verdauungstrakt – den Magen, die Bauchspeicheldrüse, die Milz und den Dünndarm – ersetzt haben. Die medizinische Leistung sorgte für Schlagzeilen, denn ein Eingriff wie dieser wird selten vorgenommen. Und mit ihm haben zum ersten Mal Ärzte in Tschechien einen Dünndarm transplantiert.

Tschechische Transplantationsmedizin steht auch statistisch gut da. Die Zahl der verstorbenen Organspender steigt seit 2006. Letztes Jahr waren es 263, das sind 45 mehr als 2013. Aktuell entfallen laut Statistik auf eine Million Einwohner 26,3 Organspender. Zum Vergleich: In Deutschland sind es nur 10,7. Im Jahr 2014 haben erstmals mehr tschechische Patienten ein neues Organ erhalten, als neue auf die Warteliste eingetragen wurden.

Erfolge wie diese, die stolz gemeldet werden, haben jedoch einen Vorlauf, von dem kaum einer spricht. Im Prager Transplantationszentrum IKEM (Institut für Klinische und Experimentelle Medizin), wo Bartoloměj Peštas Leben gerettet wurde, leitet die Ärztin Eva Pokorná die Abteilung für Organentnahme. Mit ihrem Team verwaltet sie die Warteliste der Patienten, die in der größten Transplantationsklinik Tschechiens neue Organe erhalten sollen. Und trägt vor allem Sorge dafür, dass sich für sie Organspender finden. Das, sagt sie, sei eine schwere, emotional belastende Arbeit, die sich zwischen dem tragischen Tod des Spenders und dem bedrohten Leben des Empfängers abspielt. Ihr Team ist mit 38 Krankenhäusern der Prager Region im ständigen Kontakt. Auf dortigen Intensivstationen kämpfen die Ärzte bis zum Letzten um das Leben von Menschen, die im kritischen Zustand eingeliefert wurden. Wenn sie einsehen müssen, dass sie den Kampf verloren haben, wenn sie wissen, dass ein Patient nicht überlebt, dann greifen sie zum Telefon und rufen in Eva Pokornás Abteilung an. Das kann am frühen Morgen oder mitten in der Nacht sein.

Eine schwere Aufgabe
Rund um die Uhr bewachen deswegen sieben Koordinatoren das Telefon. Sobald ein Anruf ankommt, setzen sie einen organisatorischen Kraftakt in Bewegung, der etwa 18 Stunden dauert und auf eine Organentnahme zielt. Als erstes gilt es sicherzustellen, dass der gemeldete Patient tatsächlich tot ist. Nach der weltweit geltenden Definition des Lebensendes ist ein Mensch dann tot, wenn sein Gehirn aufgehört hat zu arbeiten oder wenn sein Kreislauf zum Stillstand kommt. Wenn dies von zwei unabhängigen Ärzten nach strengen Kriterien festgestellt wird, öffnet sich ein Zeitfenster, in dem Organe entnommen werden können. Nun zählt jede Minute und auch jedes Wort.

Nach tschechischem Gesetz gilt jeder, der nicht ausdrücklich widersprochen hat, als möglicher Organspender. Menschen, die nicht spenden wollen, müssen sich als solche amtlich registrieren lassen. Befindet sich der Name des Verstorbenen nicht auf der Verweigerungsliste, sind die Angehörigen zu informieren, so ist es vorgeschrieben. Eine schwere Aufgabe für den behandelnden Arzt. Er muss der Familie die Todesnachricht überbringen und zugleich die Organspende ansprechen. „Spricht sich die Familie dagegen aus, respektieren wir das“, sagt Eva Pokorná. Und fügt hinzu: „Damit handeln wir nicht nach dem Gesetz.“ Einerseits wissen sie und ihre Mitarbeiter von dem Leid der Familien, die einen lieben Menschen plötzlich verloren haben. Andererseits aber, und das sagt sie resolut, stehen mehr als tausend Menschen auf der landesweiten Liste, die dringend auf ein Organ warten, weil sie schwerst krank sind.

Dann erzählt die Ärztin eine Geschichte, die für die kaum lösbare Spannung steht, in der sich ihre Arbeit abspielt: Neulich wurde ein 20-Jähriger, der bei einem Verkehrsunfall starb, in eines der Partner-Krankenhäuser eingeliefert. Kann der junge Mann Organspender werden? Die Mutter brach zusammen und war nicht ansprechbar. Der Vater war überfordert: „Ja, der Junge könnte seine Organe spenden. Doch warum belasten Sie uns zusätzlich in diesem schweren Moment?“ Am anderen Ende der tragischen Situation, so Eva Pokorná, stand ein Vierjähriger, der sich mit Pilzen vergiftet hatte und dessen Leber versagt hat. Es ging um Stunden, in denen sich entschieden hat, ob das Kind stirbt oder weiterlebt.

Kampf um jeden Spender
Letztes Jahr starben in Tschechien 75 Menschen, die auf eine Transplantation gewartet hatten. Auch wenn sich die Wartezeiten verkürzt haben. Derzeit liegen sie im Durchschnitt bei etwa einem Jahr. In Deutschland sind es zwei bis drei Jahre.

Eva Pokorná kämpft um jeden möglichen Organspender. Sie kämpft an mehreren Fronten. Denn der Prozess der Organspende hat viele Beteiligte. Zum Beispiel die chronisch überlasteten Intensivärzte. Wo sollen sie die Zeit finden, sich auch noch um Organspenden zu kümmern? Für die zusätzliche Zusammenarbeit mit einem Transplantationszentrum sollten Krankenhäuser weitere Gelder erhalten, sagt Pokorná in Richtung Regierung. Dann könnte das Personal aufgestockt werden. Ideal wäre aus ihrer Sicht, wenn diese Aufgabe speziell geschulte Kräfte übernehmen würden, so wie es in Spanien der Fall ist. Ein solcher Versuch wurde 2010 auch in Tschechien gestartet, doch scheiterte er dann an fehlenden Finanzen. Die Ärzte selbst stehen weiterhin in der Pflicht. Neben Zeit fehlt ihnen aber auch das Wissen, wie man das Unsagbare mitteilt. Im Studium haben sie nicht gelernt, wie man mit Angehörigen in einer tragischen Situation spricht. Deswegen organisiert Eva Pokorná Kommunikationskurse für Mediziner, in denen sie Ärzte und Angehörige von Organspendern an einen Tisch bringen will.

Transplantationsmedizin, sagt sie, ist Teamarbeit. Und wenn zum Beispiel, wie neulich, eine junge Frau mit transplantierter Leber ein Kind zur Welt bringt, ist die Freude groß. Im Schatten dieser Freude steht aber das Team von Eva Pokorná, das Tag und Nacht mit Verstorbenen und traumatisierten Angehörigen zu tun hat.

Ohne sie würde es die Freude und das Staunen über gerettetes Leben nicht geben, auch wenn ihre Arbeit kaum jemand wahrnimmt. Manchmal aber gibt es selbst im Schattenreich lichte Momente wie diesen: Neulich hat ein Patient bei Eva Pokorná angerufen, der seit 20 Jahren mit einem transplantierten Herz lebt. Er bat die Ärztin, der Familie des Spenders seinen Dank auszurichten. Kurz darauf rief die Mutter des Spenders selbst an, um sich nach dem Befinden des Empfängers zu erkundigen. Es sind Momente, in denen Eva Pokorná Gänsehaut bekommt.



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