Den Menschen im Blick

Den Menschen im Blick

Beim Filmfestival „Jeden svět“ laufen mehr als 100 Dokumentarfilme aus 59 Ländern

26. 2. 2015 - Text: Arne WitteText: Arne Witte; Foto: Aus „The Look of Silence“, ein dänischer Film über den Genozid in Indonesien/Jeden svět

 

„Jeden svět“ – Eine Welt – heißt das Filmfestival, das von 2. bis 11. März ein interessiertes Publikum sowie internationale Gäste und Filmschaffende in acht Prager Kinos locken wird. Mit der Größe und der öffentlichen Strahlkraft von Festivals wie der Berlinale oder den Filmfestspielen in Cannes kann das „Jeden svět“ zwar nicht mithalten, durch den Fokus auf ein Thema und das konsequente Vertreten eines Anliegens braucht es das aber auch nicht. Denn beim „Jeden svět“ steht die Filmauswahl ganz im Einklang mit dem Titel des Festivals: „Uns ist bewusst, dass wir in einer Welt leben, in der wir durch soziale Netzwerke, das Fernsehen und andere Medien einen riesigen Informationsfluss haben“, sagt Festival­direktorin Hana Kulhánková. „Wir wollen mit unseren Filmen und Debatten dazu beitragen, dass die Menschen aus ihrer eigenen Blase ausbrechen und beginnen, sich für die Welt da draußen zu interessieren.“

Zwar nehmen auch andere Filmfestivals Beiträge auf, die sich kritisch mit Menschenrechten befassen. So wurde auf der Berlinale kürzlich mit Jafar Panahis „Taxi“ ein Film über die scheinbar ausweglos beengende Situation im Iran mit dem Hauptpreis, dem goldenen Bären, gewürdigt. Der Fokus auf Dokumentarfilme zu diesem Thema ist in der Größenordnung aber eine Besonderheit des „Jeden svět“. 114 Streifen aus 59 Ländern, die sich mit menschlichen Tragödien, Ungerechtigkeiten und Missständen in aller Welt beschäftigen, umfasst das Festivalprogramm diesmal.

Die mittlerweile 17 Jahre dauernde Festivalgeschichte gibt den Veranstaltern Recht darin, immer wieder mit aktuellen Beiträgen die Probleme der Globalisierung zu thematisieren. Die Organisatoren wollen dabei möglichst viele Aspekte zur Geltung kommen lassen. In diesem Jahr werden in den Filmen vielfach Verfehlungen in westlichen Ländern thematisiert. Hauptbeitrag ist die amerikanisch-deutsche Koproduktion „Citizenfour“, in der Laura Poitras ein umfangreiches und intimes Portrait Edward Snowdens liefert, und die durch ihn in Gang gesetzten Enthül-lungen über die zügellosen Überwachungspraktiken der britisch-amerikanischen Geheimdienste thematisiert. Zum ersten Mal seit der internationalen Uraufführung im Herbst 2014 wird der Film, der am vergangenen Wochenende mit einem Oscar ausgezeichnet wurde, im Rahmen des „Jeden svět“ in tschechischen Kinos zu sehen sein.

Tagesaktuelle Brisanz
Neben „Citizenfour“ werden weitere Filme die Rolle westlicher Länder kritisch hinterfragen. So setzt sich die norwegische Produktion „Drone“ mit dem US-amerikanischen Drohnenkrieg in Pakistan und dessen tragischen Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft wie auf die direkt betroffenen Familien und Menschen auseinander, während die Produktion „Krieg der Lügen“ des deutschen Regisseurs Matthias Bittner die Frage thematisiert, wie die Aussage eines einzelnen irakischen Flüchtlings den Krieg der USA im Irak legitimieren konnte.

Gerade vor dem Hintergrund der Anschläge in Paris und Kopenhagen bekommt der Film „Warriors from the North“ eine traurige, fast tagesaktuelle Brisanz. Der dänische Regisseur Søren Steen Jespersen wagt dabei einen Annäherungsversuch mit Kindern somalischer Immigranten in Dänemark, die sich vom radikalen Islamismus angezogen fühlen. Steen Jespersen, der als Gast in Prag sein wird, stieß dabei auf verunsicherte Jugendliche, die anfällig für die manipulativen Ideen radikaler Gruppen sind: „Islamistische Kämpfer sind keine hasserfüllten Monster. Sie sind junge, verletzliche Menschen, die die selben Wünsche und Probleme wie wir alle haben. Sie sagten uns: Ihr habt nach Monstern gesucht, gefunden habt ihr Menschen“, so der Regisseur.
Daneben werden auch in diesem Jahr zahlreiche Themen auf nahezu allen Kontinenten abgedeckt. Sieben Filme aus dem südamerikanischen Raum ebenso wie Filme über blutige Konflikte im Kongo oder „The Look of Silence“ über den Genozid in Indonesien zählen zum Aufgebot. Außerdem wurden drei neue Kategorien eingeführt: „Ewiges Lernen“ konzentriert sich auf Dokumentationen, die sich mit alternativen Bildungsmodellen beschäftigen und sich kritisch mit den gängigen Systemen auseinandersetzen. In der Kategorie „Gefangene Gedanken“ werden Filme präsentiert, die sich mit der Situation von psychisch kranken Menschen beschäftigen. Die Beiträge legen den unterschiedlichen Umgang in Ländern wie beispielsweise Belgien oder Kanada dar. Mit der dritten neuen Kategorie „Jugoskop“ rückt der Raum des ehemaligen Jugoslawiens stärker in den Fokus des Festivals, in der die Beiträge beispielsweise die Situation der Homosexuellen- und Transgendergemeinschaft in Kroatien oder von durch den Krieg verwaisten Kindern dokumentieren.

Vorträge und Diskussionen
Zum Festival gehören aber nicht nur Kinobesuche. Neben den klassischen Filmvorführungen erweitert das „Jeden svět“ sein Programm dieses Jahr um das „Cross-kino Neustadt“. Hier werden Projekte vorgestellt, bei denen das klassische Medium Film um interaktive Elemente, wie man sie beispielsweise aus Computerspielen kennt, ergänzt wird. Zusätzlich werden Medienexperten wie William Uricchio, der am Massachusetts Institute of Technology in Boston lehrt, oder Liz Rosenthal vom Londoner Festival „Power to the pixel“ das Angebot im Cross-kino Neustadt mit Vorträgen abrunden.

Die Zuschauer werden die Möglichkeit haben, den vielen Regisseuren der Festivalbeiträge in Podiumsdiskussionen näher zu kommen. In Kooperation mit dem Institut für Dokumentarfilme (Institut dokumentárního filmu) wird zum vierten Mal in Folge die „East Doc Platform“ organisiert, bei der mehr als 400 Gäste aus den Bereichen der Film- und Medienwirtschaft sowie der Zivilgesellschaft zusammenkommen. Karten für die Veranstaltungen des Festivals in Prag gibt es für 70 bis 90 Kronen (ermäßigt 45 Kronen). Im Anschluss findet das „Jeden svět“ in 33 weiteren Städten in Tschechien sowie in Brüssel statt.

Jeden svět. Dokumentarfilm-Festival für Menschenrechte. 2. bis 11. März 2015 in den Prager Kinos Lucerna, Světozor, Atlas, Evald, Ponrepo, Cross-kino Neustadt sowie in den Räumen des Französischen Instituts und der Stadt-bibliothek. Weitere Informa-tionen: www.oneworld.cz



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