Das Rätsel vom schwachen Helden

Das Rätsel vom schwachen Helden

In seinem letzten Werk zeichnet Jiří Gruša ein längst überfälliges Porträt von Edvard Beneš

2. 10. 2013 - Text: Volker StrebelText: Volker Strebel; Foto: František Janda

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Der tschechische Politiker und Mitbegründer der Tschechoslowakei Edvard Beneš (1884–1948) hatte im Lauf seines Lebens verschiedene politische Spitzenpositionen inne. So bekleidete er das Amt des Außenministers (1918–1935), Ministerpräsidenten (1921–1922) und Staatspräsidenten (1935–1938 und 1945–1948). Gerade in den Jahren nach der Implosion des „real existierenden Sozialismus“ ist seine politische Rolle neu diskutiert worden. Vor allem die berühmt-berüchtigten „Beneš-Dekrete“ im Zusammenhang mit der Vertreibung nahmen die Funktion als „deutsch-tschechischer Erinnerungsort“ ein, wie es der Historiker Miroslav Kunštát vor zwei Jahren bei der internationalen Beneš-Konferenz in Prag treffend formuliert hatte.

Der viel zu früh verstorbene tschechische Schriftsteller, Dissident und Diplomat Jiří Gruša (1938–2011) hatte sich in zahlreichen Beiträgen, Reden und Vorworten immer wieder auch zu deutsch-tschechischen Befindlichkeiten geäußert. Seine langjährige Beschäftigung mit Edvard Beneš verschärfte eine ohnehin bereits kritische Haltung gegenüber einem Politiker, der an zwei historischen Momenten versagt und sein Land einem ungewissen Schicksal ausgeliefert hatte. Sowohl bezüglich der Kapitulation vor Hitlers Aggression 1938 als auch der Machtübernahme durch die Kommunisten 1948 hatte Edvard Beneš eine unrühmliche Rolle eingenommen.

Das vorliegende Beneš-Porträt war aber auch zustande gekommen, weil Jiří Gruša sich dem Rätsel stellen wollte, wie ein Politiker wie Beneš gerade in Tschechien zu einer Heldenfigur stilisiert werden konnte. Hier findet eine längst überfällige Ausleuchtung finsterer historischer Nischen statt.

Bereits der Titel dieses Büchleins lässt aufhorchen: Beneš als Österreicher? Intelligent und leidenschaftlich bürstet Gruša die Geschichte gegen den Strich, indem er in einer Art Herkunftsgeschichte sowohl die Kindheit von Beneš, den er despektierlich „Bene“ oder auch „Eda“ nennt, als auch familiäre wie topographische Hintergründe eines Adolf Hitler ausleuchtet. Beide wuchsen im vergleichbaren Milieu der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie auf und entstammten Ehen unter Verwandten. Beide, Beneš ebenso wie Hitler, hegten später eine Abneigung gegenüber Wien, dem dominierenden Zentrum der Habsburger Monarchie. Gruša zeigt einen spezifischen kulturellen Raum auf, wenn er Hitler in tschechisierter Fassung „Hýdla“ oder „Hiedler“ nennt und zugleich darauf hinweist, dass Edvard Beneš ursprünglich als „Eduard“ getauft worden war.

Während der Rassenfanatiker Europa in Brand setzen ließ, glänzte der andere mit Maßnahmen einer Entgermanisierung, wie er es auf einer Rede auf dem Altstädter Ring im Mai 1945 zum Ausdruck brachte: „Vor allem aber, und besonders kompromisslos, sind die Deutschen in den tschechischen Ländern herauszuliquidieren, und die Ungarn aus der Slowakei“. Und all dies im Sinne eines zu schaffenden einheitlichen Nationalstaates in gespenstischer Reinheit! Am Beispiel der genuin tschechischen Idee eines „nationalen Sozialismus“ belegt Jiří Gruša seine nüchterne Analyse dieser in sich widersprüchlichen Gedankenwelt: „Sie kombiniert den Fortschritt mit der Stagnation und die Exklusivität mit dem Kollektivismus“.

Das literarische Temperament Grušas macht sich gerade an besonderen Schlüsselstellen bemerkbar. Vehement rechnet er mit dem geistigen Mittelmaß ab, das sich gerade in Böhmen in der Begeisterung für das Zusammengehen von „Nation“ und „Sozialismus“ zeigte, „vielleicht auch deswegen, weil im Tschechischen beides ein bisschen geschlechtlicher wirkt. Die Genitalien (rodidla) werden in keiner der Mischungen verleugnet. Nation nennt sich národ, Familie rodina, Ernte ist úrod und ein Verräter odrodilec. Esoterik und Erotik in einem. Und für Leisetreter wie Eda so etwas wie Viagra“.

Wie immer man diese brillierende wie provozierende Schrift zur Kenntnis nehmen wird, es werden auch jene, die bislang von sich und ihrem endgültigen Urteil über Edvard Beneš überzeugt waren, mit neuen Aspekten und Erkenntnissen konfrontiert. Und in einer Art Nebeneffekt werden deutsch-tschechische Verhältnisse zu einer faszinierenden Gesamtschau entfaltet, die weit über die politisch-biographischen Stationen dieser historischen Figur hinausführt. Es liegt eine höchst lesenswerte Form mitteleuropäischer Bestandsaufnahme vor, die mit Sprachwitz und prall gefüllt von Kenntnissen den spezifischen Prägungen dieser Region nachspürt.

Jiří Gruša: „Beneš als Österreicher“. Klagenfurt/Celovec 2012, Wieser Verlag, 167 Seiten, 21 Euro, ISBN 978-3-99029-008-8