Das Licht der Literatur

Das Licht der Literatur

Seit fast drei Jahrzehnten beschäftigt sich Kurt Drawert mit der Kraft der Poesie

14. 3. 2013 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Björn Steinz

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„Wenn ich nicht geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass ich nicht lebe, gar nicht da bin.“ Für Kurt Drawert ist das Schreiben schon früh zu einer essentiellen Strategie geworden. Ein Weg, um sich in einer Welt, in der er sich immer schon ein wenig fremd fühlte, zurechtzufinden. Das Fremdsein verbindet ihn mit vielen Schriftstellern. Zum Beispiel mit Franz Kafka, der wie er „immer der andere war“.

Vor kurzem verbrachte Drawert einen Monat in der Kafka-Stadt Prag – als Stipendiat des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren. Im Gepäck: das Vorhaben für eine neue Publikation. In einer bibliophilen Sonderreihe plant der Autor, Kafkas „Verwandlung“ mit einem umfangreichen Nachwort zu veröffentlichen. Für den Wahl-Darmstädter war er einer der ersten Schriftsteller überhaupt, der mit seiner Sprache Realität nicht mehr abbildete, sondern neu kreierte. Das mache sein Werk zu solch großer Literatur. „Denn literarisch ist, was die Worte in mir erzeugen, was zwischen den Zeilen geschieht“, so Drawert. Um ein Gefühl für Kafkas Prag zu bekommen, wandelte er auf seinen Spuren durch die Straßen der Stadt – „erspürte die Mischung aus prachtvoller Perle und Abgrund, die Kafka damals erlebt haben muss.“

Drawert kam 1956 in Hennigsdorf an der nördlichen Stadtgrenze von Berlin zur Welt. Schon während der Schulzeit manövrierte er sich in eine existenzielle Ausgrenzung. Indem er sich öffentlich verweigerte – „einfach nicht mitmachte“, wie Drawert sagt – habe er sich selbst verstoßen. Das hatte zur Folge, dass er vom Bildungssystem der DDR ausgeschlossen wurde. Eine „Grundkränkung“, die ihm der Staat zufügte: Weder Abitur noch Studium waren dem Sohn eines Polizeibeamten zugänglich. So absolvierte Drawert eine Facharbeiterlehre für Elektronik und hielt sich mit verschiedenen Hilfsarbeiten über Wasser. Später holte er sein Abitur an der Abendschule nach.

Die Tür zur Literatur öffnete Drawert ein Job als Nachtwächter in der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden. Dort verschlang er, was ihm in die Hände fiel und schmuggelte hin und wieder ein Buch mit nach Hause. Erst wurde das Lesen für ihn zur Notwendigkeit, später dann das Schreiben. „Die Literatur war meine Lebenshilfe, meine eigene Akademie, die ich mir selbst gegründet habe“ erklärt Drawert. Das Schreiben war für ihn immer ein Weg, mit seinem Entsetzen über die Welt fertig zu werden und sich seiner selbst zu vergewissern. „Ohne Literatur hätte ich gar nicht überleben können. Sie macht die Welt anders, weil alles alles anders macht.“

Um als Schriftsteller arbeiten zu können, bewarb sich Drawert für ein Studium am Literaturinstitut Johannes R. Becher in Leipzig. Mehrfach wurde er abgelehnt, beim dritten Mal ging Drawert in Widerspruch. Nach einem Gespräch mit dem Direktor wurde er 1982 schließlich angenommen, obwohl er sich weigerte, als inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit an der Hochschule tätig zu sein. Später las Drawert in seiner Stasi-Akte, dass es einen Briefwechsel zwischen Geheimdienst und Direktor gegeben hatte. „Wenn wir den Drawert nicht nehmen, dann verlieren wir einen weiteren Autor, über den wir Einblick in den Untergrund gewinnen“, fand er dort geschrieben. „Es war keine schöne Zeit und ein Geschenk war es auch nicht“, erzählt der Schriftsteller rückblickend. Das Leben in der DDR empfand er als tiefe Kränkung, die er erst später bearbeiten konnte – bewältigen konnte er sie indes bis heute nicht.

Nach der Wende verließ Drawert Leipzig. Zunächst ging er nach Bremen, Stipendien verschlugen ihn immer wieder in andere Städte. Mit der Distanz kamen auch die Worte – Worte, in denen er sich mit seiner Geschichte auseinandersetzen konnte. Für „Haus ohne Menschen“, einen Text über das Ende der DDR, erhielt Drawert 1993 den Ingeborg-Bachmann-Preis. Seitdem hat ihn seine Vergangenheit nicht mehr richtig losgelassen, in Gedichten und Prosa-Texten hat sich Drawert an der DDR regelrecht abgearbeitet. Bis heute erschienen mehr als zwei Dutzend Publikationen, für die er mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde. Offenbar spielerisch bewegt sich der Schriftsteller dabei zwischen den Genren. Zu seinen Werken gehören Gedichte, philosophische Essays, Romane, Theaterstücke und Literaturrezensionen. „Aber eigentlich gehört der Lyrik mein Herz“, gesteht Drawert und meint, dass diese wie kein anderes Genre Licht auf jenen dunklen Punkt zu werfen vermag, aus dem Literatur entsteht. „Literatur kommt aus dem Unbewussten. Sie bewegt sich um eine Leerstelle, die nicht sagbar ist.“

Drawerts Überlegungen zur Literatur sind stark von der Psychoanalyse Jacques Lacans geprägt. „Ich denke, wo ich nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke“, schrieb Lacan über das Verhältnis zwischen Subjekt und dessen Bewusstsein von Welt. Ähnlich verhalte es sich auch mit der Literatur. „Auch das Unbewusste ist strukturiert wie eine Sprache, es kann sich nur nicht selbst sehen. In dem Moment, wo ich eine Geschichte geschrieben habe, habe ich Kenntnis davon, was ich eigentlich weiß.“ Ein ganzes Buch hat Drawert zuletzt über das Schreiben und das Leben der Wörter verfasst. Ein komplexer Text über die Bedingungen von Literatur, ihren Ursprung und ihren Zauber. Ob man Schreiben lernen könne? Eine heikle Frage, die nicht einfach zu beantworten ist. „Es gibt ein gewisses Handwerk, das man erlernen kann. Aber die Begabung kann man nicht kreieren, die muss man mitbringen. Ebenso wie Geduld und etwas Glück.“

Weil die Literatur nicht verfügbar ist, lässt sie sich schwer auf Knopfdruck hervorbringen. Das macht das Schreiben so unendlich schwer und rückt es in die Nähe des Scheiterns, an dem sie immer nur knapp vorbeischrammt. „Schreiben, das ist ein permanentes Ringen um jedes Wort und jedes Zeichen“, erklärt Drawert. Deshalb hat ein freier Autor auch niemals Dienstende – Privatleben und Arbeitszeit sind immer verschränkt.

Seit 1996 lebt Drawert mit seiner Frau in Darmstadt, wo er die „Textwerkstatt“ und das „Zentrum junge Literatur“ leitet. „Die erste Zeit war sehr schwierig, heute fühle ich mich wohl. Angekommen bin ich nicht, aber ich glaube auch nicht, dass ich das überhaupt noch einmal werde.“

Kurt Drawert: „Schreiben. Vom Leben der Texte“, Verlag C. H. Beck, München 2012, 288 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-63945-6