Das Lächeln der Primadonna

Das Lächeln der Primadonna

Die Bildhauerin Ludmila Seefried-Matějková stellt in ihrer alten Heimat aus

20. 11. 2013 - Text: Maria SilenyText: Maria Sileny; Foto: Seefried-Matějková

Es ist eine ungewöhnliche Begegnung, Betrachter und Kunstwerk stehen sich gegenüber. Es ist still und die Stille scheint unheimlich. Denn das Kunstwerk ist eine lebensgroße Figur. Es könnte ein Mensch sein, der einem auf der Straße oder zu Hause begegnet, der gleich zu atmen und zu sprechen beginnt. Doch das geschieht nicht. Im Gesicht, in der Haltung ist ein Moment eingefangen: eine Geste, ein Ausdruck, ein Gefühl. Die Bildhauerin Ludmila Seefried-Matějková füllt derzeit mit ihren Figuren und Zeichnungen drei Räume der Galerie „Topičův klub“ gegenüber dem Prager Nationaltheater.

Die Tschechin, Jahrgang 1938, stammt aus dem ostböhmischen Heřmanův Městec. Ihre Kindheit ist von den Dramen des Zweiten Weltkriegs genauso gezeichnet wie von denen der stalinistischen fünfziger Jahre. Aus politischen Gründen kann sie in Prag nicht studieren und emigriert deswegen während des Prager Frühlings nach Westberlin, wo sie die Kunsthochschule absolviert – mit Bestnote. In Berlin, ihrer zweiten Heimat, lebt und wirkt Seefried-Matějková bis heute. Mehrere ihrer Werke prägen das Gesicht der Stadt. So zum Beispiel die „Justitia“ am Parkhaus des Kriminalgerichts in der Alt-Moabit-Straße oder der Granit-Brunnen am Nettelbeckplatz in Wedding.

Nach 21 Jahren wird erst zum zweiten Mal eine Retrospektive des Werks der Bildhauerin in Prag gezeigt. Die Ausstellung trägt den Titel „Na pokraji“ – „Am Rande“, so wie eine der ausgestellten Skulpturen, die eine junge Frau darstellt. Nur mit Unterhemd bekleidet sitzt sie am Rand eines leeren Doppelbetts, versunken in Gedanken, ihr Blick verliert sich im Raum. Sie scheint einsam zu sein. Die Künstlerin schuf sie Ende der siebziger Jahre aus Polyester. Einsam wirken auch die fünf Figuren, die zwar nebeneinander sitzen, doch offensichtlich jede für sich allein. „Metro“ nannte Seefried-Matějková die stumme Gruppe aus Ton, die unterschiedliche Menschentypen und soziale Klassen zeigt: Eine elegante Blondine sitzt neben einer Afrikanerin, eine Muslima neben einem Mann mit Hut und ganz am Ende der Reihe ein bärtiger Mann, der obdachlos sein könnte und sich von den anderen abwendet.

„Was Menschen verstehen“
Fremd sein, einsam sein, all das kennt die Künstlerin aus eigenem Erleben – als eine, die ihre Heimat verließ und in der Fremde einen Neubeginn suchte. Und so sieht sie die Einsamkeit auch bei anderen, mitten in Berlin: „Weil gerade in einer Großstadt viele Einsame leben, begegne ich meinen Motiven auf der Straße“, sagt die 75-Jährige. Sie sei ein Mensch, der hinschaut.

Bewusst verließ die Künstlerin abstrakte Darstellungsformen, um etwas zu schaffen, „was Menschen verstehen“, wie sie sagt. Und wählte schon früh den figürlichen Realismus. Ihre Skulpturen scheinen von innen heraus von sich zu erzählen, von ihrem Schicksal, ihrer Lebensgeschichte und dem Augenblick, den sie jetzt erleben. Nicht selten fängt Seefried-Matějková sich selbst in einer Figur ein. Die Schau zeigt zum Beispiel ihr „Autoporträt in Vaters Hut“, geschaffen 1995, mit strengen, fast männlichen Zügen. An eine ägyptische Göttin erinnert hingegen die Figur mit dem Namen „Das Lächeln der Primadonna“ aus dem Jahre 2003. „Als eigenes Modell gehe ich frei mit mir um“, erzählt sie. „Die Porträts drücken aus, wie ich mich in einer bestimmten Situation fühle“, deswegen seien sie auch durchaus unterschiedlich. „Andere Menschen könnten vielleicht beleidigt sein, wenn ich sie so frei darstellen würde, wie ich mich selbst darstelle“, erklärt die Bildhauerin, die gerne mit Ton arbeitet, weil sich das Material für lebensgroße Figuren bevorzugt eignet.

Polyester nutzt sie wegen einer Allergie nicht mehr. Dafür umso mehr Holz und Stein – besonders italienischen Kalkstein.
Die Künstlerin hält sich auch deswegen öfter in Malcesine am Gardasee auf. Dort arbeitet sie unter freiem Himmel. Italien, Deutschland, Tschechien, in drei Ländern ist sie inzwischen zu Hause. Eine echte Europäerin. Und doch: In Tschechien, ihrer eigentlichen Heimat, sei sie vergessen worden, nicht zuletzt deswegen fühlt sich Ludmila Seefried-Matějková oft etwas „am Rande“.

Ludmila Seefried-Matějková: Na pokraji. Topičův klub, Národní 9, Prag 1 (Neustadt), geöffnet: Montag & Donnerstag 10 bis 17 Uhr, Dienstag & Mittwoch 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 40 CZK, bis 31. Januar 2014