Das Geschäft mit der Armut

Das Geschäft mit der Armut

Josefov hat ein Wohnungsproblem – zu viele Wohnungen für Menschen, die man nicht will. Unternehmer haben das Geschäft mit dem „sozialen“ Wohnen entdeckt

8. 1. 2014 - Text: Christian RühmkorfText: Christian Rühmkorf; Foto: Petr1888

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Soldaten weg, Kaufkraft weg. Keine Bank wollte mehr einen Geldautomaten in Josefov installieren, erzählt der Bürgermeister der ostböhmischen Stadt Jaroměř-Josefov achselzuckend. Dabei wurde Josefov eigens für die Armee erbaut und ist heute – neben Theresienstadt – die einzige erhaltene Festung dieser Art in Tschechien. Kaiser Josef II. hatte im 18. Jahrhundert Millionen roter Ziegel gegen die Preußen hochziehen lassen.

Wer nach Josefov hinein möchte, der muss noch heute durch mehrere spitzzackige Ringanlagen von massiven Kasematten hindurch. 15 Meter hohe Wälle, dazwischen Verteidigungsgräben, so groß, dass beim Death-Metal-Festival „Brutal Assault“ darin 15.000 Fans Platz finden. Vier Tage lang belagern sie jeden August die Festung. Dann gibt es in Josefov sogar einen Geldautomaten, mobil auf einem kleinen Lkw, so dass die Sparkasse ihn nach dem Festival schnell wieder abtransportieren kann.

Aber Josefov hat noch ein Problem, seit auch die tschechische Armee vor Jahren aus den Kasernen ausgerückt ist und die Stadt verlassen hat: Leerstand. Trotzdem werden 100 Wohnungen, ein Drittel des städtischen Bestandes, gezielt nicht vermietet. Der hochgewachsene Bürgermeister Jiří Klepsa legt das joviale Lächeln ab und erklärt mit Sorgenfalten auf der Stirn den Grund. „Wir wollen damit verhindern, dass weitere problematische Familien die Stadt überschwemmen.“ Die Roma-Familien kämen irgendwo aus dem Umland oder weiter aus dem Osten: Slowakei, Ungarn. „Dieses Land verteidigt sich nicht gegen den Zuzug, und deshalb müssen wir als Stadt das tun.“ Dass die Stadt dennoch ein Hintertürchen geöffnet hat und damit Unternehmern ermöglicht, aus der Situation Profit zu schlagen, sagt Klepsa nicht.

Jeder Dritte der rund 3.000 Einwohner ist ein Rom. Josefov ist eine „Zigeunerstadt“, sagen die meisten „Weißen“, tschechische Zeitungen schreiben von einem Ghetto. Nach Einschätzung der Regierungsagentur für soziale Integration gibt es mittlerweile schon über 400 Ghetto-Viertel im Land. Der tschechische Sommer 2013 stand im Zeichen anhaltender gewaltsamer Anti-Roma-Proteste. „Asoziale Parasiten“, schreien ganz normale Bürger im Schlepptau der rechtsradikalen Arbeiterpartei (DSSS). In den Ghettovierteln – zumeist heruntergekommene Winkel der Altstädte oder Plattenbausiedlungen – sind Sozialleistungen das täglich Brot.

Die Festung Josefov scheint noch kein Pulverfass zu sein. Aber Jiří Klepsa spielt schon mit Streichhölzern. „Wenn sie meinen Kindern etwas antäten, würde ich zuerst von meinem Bürgermeisterposten zurücktreten und dann bis auf den letzten Millimeter mit demjenigen abrechnen – persönlich.“ Ein einziger Satz, und das staatliche Gewaltmonopol ist zu Fall gebracht.

Ein Sonntagmorgen in Josefov. Auf dem weitläufigen Marktplatz herrscht gähnende Leere. Nur an den Stufen zur Garnisonskirche verliert sich ein gutes Dutzend Menschen. Weiße Hemden, schwarze Hosen, rosa Rüschenblusen – eine Roma-Familie wartet auf die Zeremonie. Drei Kinder auf einmal sind an der Reihe. Er habe 50 solcher Taufen im Jahr, so viel wie sonst nur in großen Bezirksstädten, erzählt Pfarrer Boháč. Nein, die Mehrheit der Roma stelle kein Problem dar. „Wenn es mal eine Schlägerei gibt, dann werden gleich alle in Sippenhaft genommen“. Aber gerade bei den Taufen merke er, dass es Zuzug von Roma gebe. Familie Gorol komme aus dem Urlaub wieder und wolle sechs Kinder getauft haben. „Komisch, die haben doch nicht plötzlich Sechslinge bekommen, oder?“ Ansonsten stellt der Pfarrer keine Fragen. Auch nicht, wenn eine deutlich minderjährige Roma-Mutter ihr Kind zur Taufe bringt.

An den Nachmittagen sind in den rechtwinklig angelegten Straßen von Josefov kinderreiche Familien unterwegs. Oft schieben sie zwei, drei Kinderwagen vor sich her. Die „Weißen“ lassen sich kaum blicken. Einige heruntergekommene Gebäude sind ausschließlich von Roma bewohnt. Auch der schäbige Hinterhof, in dem Frauen die Wäsche heraushängen, während die Kinder auf dem Kopfsteinpflaster spielen. Vermieter sei ein Unternehmer aus Hradec Králové, sagt ein Mann um die 40 Jahre kurz angebunden und winkt ab. Mehr will er nicht sagen.

„Sehen Sie, so läuft das,“ meint Jiřína Jelínková und schüttelt den Kopf. Sie arbeitet beim Amt für Denkmalschutz und war vor vielen Jahren auch einmal Bürgermeisterin. „Diese so genannten Unternehmer sollte man auf dem Marktplatz an den Pranger stellen, die sind das größte Übel hier.“ Jiřína Jelínková holt tief Luft.

Und dann erzählt sie: Die Stadt vermietet wegen der Roma keine Wohnungen mehr, stattdessen verkauft sie – oft zu Spottpreisen – ihre Immobilien an Geschäftsleute, und zwar ohne Nutzungsbedingungen. Die zerstückeln die Räume manchmal mit Trennwänden in kleinere Einheiten. Ihre Klientel: sozial schwache Roma, die keine Arbeit haben und woanders unerwünscht sind. Damit sie Sozialhilfe und Wohngeld bekommen, muss der Vermieter ihnen mit dem Mietvertrag einen festen Wohnsitz bestätigen. Das tut er gern. Die Gegenleistung: Mieten von umgerechnet 400 Euro und mehr für Wohneinheiten, die mitunter nicht mal ein Bad haben. Wenn die Miete Mitte des Monats nicht bar auf der Hand ist, sitzen sie am nächsten Tag auf der Straße. Samt Kinder. „Diese Leute leben in einer Art Sklavenhaltung“, sagt Jiřína Jelínková.

Drei lange Sommermonate war Miroslav Baloun mit seiner Familie ohne Wasser. Der triste Plattenbau – Büroräume aus der sozialistischen Zeit – liegt am Stadtrand, jenseits der letzten Festungsmauer. Der Vermieter hatte „Probleme“ mit dem Wasserwerk. Er komme nur ein Mal im Monat vorbei, halte die Hand auf und kassiere umgerechnet ganze 600 Euro Miete. „Wir haben bei den Leuten um Wasser gebettelt und dafür bezahlt.“ Dabei schulde er niemandem einen Heller, klagt Baloun. Als sie ausziehen wollten, weigerte sich der Vermieter, die Kaution von 1.300 Euro zurückzuzahlen. „Aber wir bekommen woanders ohnehin keine Wohnung. Wir sind Zigeuner.“

Laut Gesetz kann der Staat die Sozialleistungen sogar direkt auf das Konto des Vermieters umleiten, wenn der Mieter Schulden hat. Ein lukratives Geschäft, auch woanders in Tschechien, bestätigt das örtliche Sozialamt. Ein Geschäft mit der Armut. Und das wird wohl noch eine Weile blühen. Denn ein Konzept für soziales Wohnen gibt es in Josefov nicht. Man arbeite daran. Arbeitstitel: „Wohnung als Belohnung“. Das Konzept liegt ganz auf der Linie von Bürgermeister Klepsa: „Wer sich nicht anpasst, der muss eben am Rande der Gesellschaft in seinem Bauwagen wohnen.“