Damals in Chicago
Vor 80 Jahren

Damals in Chicago

Thomas Mann erhielt 1929 den Literatur-Nobelpreis. | © Bundesarchiv, Bild 183-R15883 / Unbekannt / CC BY-SA 3.0

Thomas Mann hatte zwar keine politische Macht, seine Stimme war jedoch auf internationalem Parkett gut vernehmbar. Er hatte Deutschland unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung im Januar 1933 verlassen. In den ersten Jahren seines Exils hatte er sich zurückgehalten, insbesondere, um den Verkauf seiner literarischen Werke in Deutschland nicht zu gefährden. Im Unterschied zu den Büchern seines Bruders Heinrich und seines Sohnes Klaus waren die Schriften Thomas Manns von den Nazis nicht verbrannt worden und durften in den Buchhandlungen bleiben. Das explizite Zerwürfnis des Nobelpreisträgers mit dem neuen Regime kam erst 1936, als er sich eindeutig zu den Exilautoren bekannte und die deutsche Staatsbürgerschaft wie auch die Ehrendoktorwürde der Universität Bonn verlor.

Von da an profilierte sich Mann seinen Biografen zufolge mehr und mehr als Vertreter eines „anderen Deutschland“, einer lichteren Seite der deutschen Kultur. „Wo ich bin, ist Deutschland“, hatte er bereits 1938 selbstbewusst erklärt. Mit fesselnden, zwischen Essayistik und Belletristik changierenden Texten vermochte er ein breites Publikum zu erreichen. Die Amerikaner sprach er auch während seiner Vortragstournee durch die Vereinigten Staaten ganz direkt an. Während des Krieges hielt er zudem Rundfunkansprachen auf dem Sender BBC, in denen er sich regelmäßig auch an deutsche Hörer wandte.

Für Edvard Beneš war die Freundschaft mit Thomas Mann in den ersten Kriegsjahren definitiv nicht unwichtig, ähnlich wie seine im Exil erfolgende Zusammenarbeit mit weiteren „Reichs“- und Sudetendeutschen, die das aggressive Vorgehen des nazistischen Berlin gegenüber der Ersten Tschechoslowakischen Republik missbilligten.

In den Monaten nach dem Münchner Abkommen und seinem Rücktritt war Beneš zunächst verstummt, er wollte die Situation in seiner Heimat nicht noch zusätzlich durch unvorsichtige Äußerungen anheizen. Mit der Okkupation hatte sich das Blatt jedoch mit einem Male gewendet. Alle Gründe zur Vorsicht waren entfallen.

Soldaten der Wehrmacht auf dem Hradschiner Platz (15. März 1939)

Beneš erklärte die definitive Zerschlagung seines Landes zu einem internationalen Verbrechen und begann, einen „zweiten“ Exilwiderstand zu organisieren. Der „erste“ war in den letzten Jahren Österreich-Ungarns entstanden und hatte zur Proklamation einer eigenständigen tschechoslowakischen Republik geführt. Auch am Ende des „zweiten“ Widerstands sollte wieder eine unabhängige Tschechoslowakei stehen. Unverzichtbarer Bestandteil des kühnen Plans war die Bildung eines dichten Netzwerks von Unterstützern.

Die Kontakte des Präsidenten
Das Bündnis mit dem berühmten deutschen Schriftsteller Thomas Mann ist ein typisches Beispiel für Benešs Arbeitsstil. Schon seit der Zeit des Ersten Weltkriegs und den darauffolgenden Nachkriegsverhandlungen über die Stellung der Tschechoslowakischen Republik war Beneš berühmt für seine Fähigkeit, unterschiedlichste Bindungen und Kontakte aufzubauen und zu pflegen.

„Charakteristisch für ihn waren außerordentlicher Fleiß, systematisches Vorgehen und ein großes Vertrauen in die Welt der Diplomatie. Er konnte soziale Informationsnetze aufbauen und erhalten. Taktieren und Abwarten gehörte zu seinen Methoden, vielleicht stand die Taktik stellenweise über der jeweiligen klaren Entscheidung“, beschreibt der Historiker Michal Stehlík Benešs Persönlichkeit. Stehlík zufolge unterhielt Beneš als langjähriger tschechoslowakischer Außenminister Kontakte zu zahlreichen Diplomaten und Staatsmännern und war eine „bekannte und geachtete Persönlichkeit“, insbesondere im Rahmen des Völkerbunds.

Zu seinem wichtigsten „Kontakt“ in Amerika wurde Jan Masaryk, Sohn des ersten tschechoslowakischen Präsidenten Tomáš Garrigue Masaryk und seiner amerikanischen Gattin Charlotte. Jan, einstiger tschechoslowakischer Botschafter in London, war charismatisch, unterhaltsam und fühlte sich im Unterschied zu Beneš auch vor Menschenmengen wohl: „Als Sohn einer Amerikanerin konnte er witzig und ohne Notizen referieren“, sagt der Historiker Milan Hauner.

Jan Masaryk war von 1925 bis 1938 Botschafter in London. | © MČP 2

Konzentrierte sich Beneš während der nazistischen Okkupation der Tschechoslowakei darauf, Protestnoten zu verfassen und die Trümmer des tschechoslowakischen Diplomatennetzes zu retten, so war Masaryk für die öffentlichen Auftritte zuständig. Benešs Botschaft, dass die „freie Tschechoslowakei in einem freien Europa“ erneuert werden solle, wurde von Jan an Zehntausende amerikanischer Landsleute vermittelt, die sich Mitte März in einem Park im Chicagoer Stadtteil Pilsen versammelt hatten. Mit vereinten Kräften gelang es Masaryk und Beneš, eine grundlegende Zusammenarbeit mit Emigrantenvereinen in die Wege zu leiten, die seinerzeit einen nicht zu unterschätzenden Faktor darstellten. Dem Historiker Jan Křen zufolge lebte 1939 ein Fünftel der Tschechen und Slowaken im Ausland, allein in den Vereinigten Staaten wurde ihre Zahl auf 1 bis 1,5 Millionen geschätzt.

Durch sie wurde dem entstehenden zweiten tschechoslowakischen Widerstand große, unter anderem finanzielle Unterstützung zuteil. Ein großer Erfolg war für Beneš zudem, dass er seine Standpunkte auch führenden amerikanischen Politikern persönlich vermitteln konnte. Dank seiner Bekanntschaft mit Hamilton Fish Armstrong, dem einflussreichen Chefredakteur der Zeitschrift „Foreign Affairs“, gelang es ihm, ein persönliches Treffen mit Franklin D. Roosevelt zu arrangieren. In einer Zeit, in der sich die USA mit Händen und Füßen dagegen wehrten, in den drohenden Krieg in Europa hineingezogen zu werden, war dies alles andere als selbstverständlich.

Der amerikanische Präsident empfing Beneš Ende Mai 1939 auf seinem Privatsitz in Hyde Park nördlich von New York. Die beiden Staatsmänner kannten sich bereits flüchtig von den diplomatischen Verhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg. Ihr geheimes Treffen dauerte dreieinhalb Stunden und Beneš notierte in seinen Erinnerungen, F. D. Roosevelt habe auf ihn wie ein „gebildeter, weitsichtiger, außerordentlich gut informierter Politiker“ gewirkt. Außerdem schätzte er seine klare Ablehnung des Münchner Abkommens und der anschließenden Okkupation der Tschechoslowakei. Das Gespräch mit Roosevelt betrachtete Beneš zu Recht als das wichtigste Ereignis seines USA-Aufenthalts. Es muss ihn ermutigt haben, dass Roosevelt mit ihm „wie mit einem Präsidenten“ sprach und ihm unter Verweis auf die amerikanische Unterstützung im Ersten Weltkrieg sogar zusicherte: „Wir haben Ihnen schon einmal geholfen, wir werden Ihnen auch ein zweites Mal beistehen“.

US-Präsident Roosevelt empfängt Beneš und Botschafter Hurban in Washington, D.C. (12. März 1943)

Mitte Juli 1939 verließ Beneš daher die USA mit dem guten Gefühl, dass seine Absicht, die Tschechoslowakei zu erneuern, vom Oberhaupt des mächtigsten Landes der Welt unterstützt wurde.

Die Hilfe aus Amerika ließ jedoch lange auf sich warten. Im September 1939 griff Hitler Polen an und beherrschte schließlich den gesamten europäischen Kontinent, der Krieg erstreckte sich bis nach Nordafrika und an die Ostfront. Dennoch zögerte Washington, einzugreifen. Den Ausschlag hierfür gab erst der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Und auch die von Beneš gegründete tschechoslowakische Exilregierung in London wurde von den USA erst wenige Monate zuvor anerkannt.

Eine schwere Prüfung
Die Freundschaft zwischen Edvard Beneš und Thomas Mann hatte kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs auch einen gewissen symbolischen Wert. So meinte Beneš im Juni 1939 bei einem Auftritt auf dem amerikanischen Schriftstellerkongress in der New Yorker Carnegie Hall, die Tatsache, dass der „größte deutsche Schriftsteller“ ausgerechnet die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft angenommen habe, sei für ihn der beste Beweis für die „tatsächliche Beziehung der Deutschen zum tschechoslowakischen Volk“.

Damals wusste Beneš nicht, welch schweren Prüfungen diese Beziehung noch ausgesetzt sein würde; dass sie unter der Last der schrecklichen Verbrechen von Hitlers Nazireich zu einem Kampf von Tschechen und Slowaken gegen die Deutschen schlechthin werden sollte. Dies ist jedoch ein anderes Kapitel.

Der Artikel erschien zunächst auf Tschechisch unter dem Titel Český Beneš a německý Mann im Monatsmagazin Reportér (Ausgabe 03/2019).

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