Blick in die Presse

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Tschechische Pressekommentare zu dubiosen Geschäften des Kohlebarons Zdeněk Bakala, zur Flüchtlingsdebatte und zur von der ARD enthüllten Dopingaffäre

13. 8. 2015 - Text: Josef FüllenbachTextauswahl und Übersetzung: Josef Füllenbach

Auf Geldsäcken sitzend | Der Verkauf von 43.000 Wohnungen, die der tschechische Investor und „Kohlebaron“ Zdeněk Bakala im Zuge der Privatisierung der Steinkohlebetriebe Ostrava-Karvina (OKD) 2004 unter zweifelhaften Umständen erworben hatte, an eine ausländische Investmentgesellschaft schlägt in Tschechien hohe Wellen, zumal der heutige Premier Bohuslav Sobotka 2004 als Finanzminister die politische Verantwortung trug. Ohne diesen beim Namen zu nennen, geht ihn die Tageszeitung „Právo“ hart an: „Unsere Spitzenpolitiker sind außer sich und reden von unmoralischem Handeln und gebrochenen Versprechen. (…) Aber mehr als über die moralischen Aspekte des Vorgangs (…) sollten wir uns darüber unterhalten, wie der Privatisierungsvertrag aufgesetzt war und welche Rechtsinstitute in ihm verankert waren oder eben nicht. Dann müsste die Regierung nicht über die verschüttete Privatisierungsmilch jammern, sondern könnte auf der Basis konkreter Vertragsbestimmungen auf dem Gerichtswege kompromisslos vorgehen und die Mieter der Wohnungen schützen, die jetzt in die Position von gewöhnlichen Geiseln geraten sind. (…) Wie viele solcher sonderbaren Verträge haben der Staat und die örtlichen Selbstverwaltungen abgeschlossen? Vielfach sind sie unkündbar, geradezu unvorteilhaft, auf ihre Weise eine Legalisierung des Diebstahls öffentlichen Eigentums. (…) Wir sollten nicht nur die Schieber aus der Geschäftswelt ob ihrer unmoralischen Taten steinigen, sondern diejenigen aufspüren, die es ihnen ermöglicht haben, dass sie, auf ihren Geldsäcken sitzend, uns alle zynisch verlachen.“

Fragen in der Luft | Sogar das Wochenblatt „Respekt“ (es gehört Zdeněk Bakala) belehrt vorsichtig-kritisch seinen Eigentümer: „Das Problem liegt darin, dass es sich hier nicht nur um eine Finanztransaktion handelt, sondern um die Wohnungen von 40.000 Haushalten. Deshalb sind maximale Vorsicht und Sensibilität angebracht. (…) Leider gewährten die Vertreter von Zdeněk Bakala und auch er selbst zu der gegebenen Transaktion nur sehr wenig Informationen. Das ist ein Fehler, denn zweifellos gibt es einiges, worüber zu informieren wäre. Eine der Fragen, die in der Luft hängen, ist, warum hat sich zu einem solchen Schritt ein Mann entschlossen, dem ansonsten so viel an seinem Ruf gelegen ist? Er musste doch wissen, welche Reaktionen er hervorruft.“

Im Sumpfloch | Auch die „Lidové noviny“ meldet sich zu dem Fall zu Wort: „Am Donnerstag verkündete Premier Bohuslav Sobotka ‚Das ist ein großes moralisches und unternehmerisches Versagen’. (…) Die meisten von uns schweigen, wenn sie Dreck am Stecken haben. Die Privatisierung aus dem Jahr 2004 ist so ein Sumpfloch von Sobotka, durch das ihn andere noch ordentlich hindurchziehen können. (…) Im Übrigen hört man schon länger aus den politischen Hinterzimmern, sofern Sobotka eine Schwachstelle hat, an der ihn seine politischen Konkurrenten erwischen könnten, dann ist es gerade der Verkauf des staatlichen Anteils an OKD.“

Den Werten verpflichtet | Die Wochenzeitschrift „Echo“ merkt zum Dauerthema Flüchtlinge an: „Die Europäische Union hat ein Problem, vor allem die westlichen Länder. Es geht darum, ob wir es schaffen, mit ihnen solidarisch zu sein in einem Augenblick, wo sie Probleme haben, die gerade uns und gerade in diesem Moment nicht in dem Maße betreffen. Solidarität mit dem Verbündeten ist ‚unser Wert’ par excellence. (…) Sicher, jede Hilfe hat ihre Grenzen, und wenn wir sie überschreiten, schaden wir uns und können anderen nicht mehr helfen. Zugleich gilt, dass wir mit ‚unseren Werten’ verpflichtet sind, den Schwachen, Leidenden und Bedrohten zu helfen. Auch wenn sie anders sind als wir. Den Nächsten zu lieben bedeutet selbstverständlich immer ein Risiko. Jede Liebe ist mit einem Risiko verbunden. Aber wenn wir auf dieses Gebot aus selbstsüchtigen Motiven, aus Angst und Hysterie pfeifen, was bleibt dann eigentlich noch von unseren Werten übrig?“

Politik im Sport | Nach Erkenntnissen der ARD-Dokumentation „Geheimsache Doping“ ist die Verbreitung von Dopingmitteln im Leistungssport weitaus größer als bisher angenommen – vor allem bei russischen Athleten. Der Kommentator der „Hospodářské noviny“ erkennt darin auch eine Folge der politischen Lage: „Nach der russischen Annexion der Krim haben sich die Beziehungen zwischen Moskau und Westeuropa verschärft; ähnlich wie im Kalten Krieges spiegeln sich diese Spannungen nun auch im Sport wider. (…) Die gegenwärtige Dopingaffäre ist nicht die erste, bei der sich verdächtige Sportler mit der Medaille um den Hals im Kreml feiern lassen.“



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