Blick in die Presse

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Pressekommentare zum 600. Todestag von Jan Hus und zur Griechenland-Krise

8. 7. 2015 - Text: Josef FüllenbachTextauswahl und Übersetzung: Josef Füllenbach

Persönliche Haftung | Die Wochenzeitung „Respekt“ würdigt Jan Hus aus Anlass seines 600. Todestages: „Der Fall Hus fand in der Geschichte ausgedehnten ideologischen Gebrauch. Wenig ist bekannt, dass als erste die deutschen Aufklärer (…) den hingerichteten Priester aus der historischen Vergessenheit holten. Umgekehrt diente er den tschechischen nationalen Erweckern im 19. Jahrhundert in den Kämpfen gegen die Deutschen, was eine klare Zweckinterpretation war (…). Am weitesten entfernten sich die Kommunisten von Hus, indem sie ihn zum Sozialrevolutionär machten. Uns Heutigen klingen die Worte am besten, die Václav Havel Ende der neunziger Jahre im Vatikan fand: ‚Alles deutet darauf hin, dass das Prinzip der persönlichen Haftung ein großartiger Beitrag von Jan Hus für die europäische Geschichte war. Wahrheit war für ihn (…) Lebenshaltung, Verpflichtung und Anspruch. Damit begannen eigentlich das konkrete und einzigartige menschliche Geschöpf und seine transzendental verankerte Verantwortlichkeit zur entscheidenden gesellschaftlichen Größe zu werden. Also genau zu dem, was die ganze moderne Gesellschaft achten und worauf sie sich stützen sollte, wenn sie denn kein schlechtes Ende nehmen will.‘“

Emotionale Polemik | Die „F.A.Z.“ fragt, ob Hus „nicht nur Blutzeuge seines Glaubens, sondern auch Märtyrer der freien Rede (war). Man kann das so sehen. Aber als Vorbild für den herrschaftsfreien Diskurs eignet er sich nicht. Zwar war die Streitkultur des Mittelalters der unseren haushoch überlegen. Aber sie schloss das gemeine Volk aus. Hus, dem es gerade auf das Volk ankam, vertröstete die an der Universität Abgewiesenen auf seine Predigten in der Bethlehem-Kirche. (…) Wie später auch Luther hat Hus das einfache Volk weniger mit Vernunftgründen überzeugt als mit emotionaler Polemik überwältigt. Darüber sind wir nicht erhaben, erleben wir Ähnliches immer wieder in Wahlkämpfen wie in populären Massenmedien. Aber das demokratische Ideal bleibt, alle in einen rationalen Diskurs einzubeziehen. Dazu müssen alle lernen und üben.“

Unbelehrbare Griechen | Die Prager „Lidové noviny“ befürchtet, dass Kanzlerin Merkel und mit ihr die EU-Kommission „der Tsipras-Regierung nachgeben und einen Aufschub der Rückzahlungen, eine Senkung der Zinsen und gegebenenfalls einen teilweisen Schuldenerlass zugestehen. Passiert das (…), wird damit der definitive Beweis erbracht, dass die Führungs- und sonstigen Fähigkeiten der Kanzlerin schwach sind. Es wird ein ähnlich gelenkter Bankrott realisiert, wie schon im Frühjahr 2010 unter der Überschrift ‚Rettung Griechenlands’. Gleichzeitig erhält Griechenland einen milliardenschweren Überbrückungskredit zu lächerlichen Bedingungen. Für einige Jahre wird das helfen. Und nach einiger Zeit beginnt das ganze Theater von neuem, denn die Griechen sind unbelehrbar.“

Noch mehr Referenden | Zum gleichen Thema meint „Právo“: „Angesichts des Ergebnisses des Referendums müssen die Führer der Eurozone entscheiden, (…) ob nicht auch sie sich in dem Streit auf die Stimme des Volkes stützen wollen – nämlich ihres Volkes. Die Eurozone musste auf den Volksentscheid Griechenlands warten. Es wäre interessant, was die Griechen mit den Banken und der Wirtschaft am Rande des Zusammenbruchs sagen würden, wenn ihnen die Partner in der Eurozone mitteilten, dass sie jetzt warten müssen, bis das Volk der übrigen Euroländer entschieden hat (…). Aber solch rasante Schritte wagt wohl niemand. Wenigstens für die osteuropäischen Mitglieder der Eurozone könnte freilich die Drohung mit einem eigenen Referendum ein Weg sein, ihre reichen und mächtigen Nachbarn dazu zu bringen, in vollem Maße die finanziellen Konsequenzen der massiven Abschreibung der griechischen Schulden zu übernehmen, die Athen nun mit Härte fordern wird.“



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