Blick in die Presse

Blick in die Presse

Pressekommentare zum 25. Jahrestag der Samtenen Revolution und zu den verbalen Ausfällen von Ex-Präsident Václav Klaus

19. 11. 2014 - Text: Josef FüllenbachTextauswahl und Übersetzung: Josef Füllenbach

Spielzeug | Die neue Wochenzeitung „Echo“ fragt nach den Gründen, warum der Antikommunismus in Tschechien aus der Mode gekommen sei: „Kein Zweifel, der Antikommunismus war in Tschechien während der letzten 25 Jahre meist stärker als im mittel- und osteuropäischen Durchschnitt. Aber was, wenn die öffentliche Debatte eine bei weitem weniger eindeutige Stimmung in verschiedenen Segmenten der Gesellschaft zudeckte? Gewiss ist, dass sich die Meinungsmacher zu einem bestimmten Zeitpunkt des Spielzeugs Antikommunismus entledigten. Er hörte auf, für sie interessant zu sein, sie spürten wohl, dass er nicht bei der Beschreibung der Gegenwart hilft, und auch machte er die Verwendung des neuen Spielzeugs „Kampf gegen die Korruption“ komplizierter – kamen doch einige Protagonisten dieses Kampfes gerade aus dem kommunistischen Umfeld.“

Feindselige Kampagne | Das Wochenmagazin „Respekt“ wendet sich scharf gegen erneute Ausfälle von Václav Klaus: „Der tschechische Ex-Präsident wurde also vergangene Woche zu einem gefährlichen Menschen, der nicht nur Tschechien, sondern ganz Europa in Krise, Chaos und Bedrohung zieht. Sofern seine Umwelt noch bei Sinnen ist, sollte sie das in Rechnung stellen. Es geht doch nicht, so zu tun, als ob uns der Herr Professor mal etwas zum Kapitalismus in Tschechien zu sagen hätte, dann zur Finanzkrise, ferner zum Jahrestag des November 1989, dabei ihm ernsthaft zuzuhören, sogar seinen Think-Tank mit Geld zu unterstützen, und dann, wenn er sein Gerede anfängt von ‚der Abschaffung der EU wie des Kommunismus’ oder wenn er Argumente sucht für die russische Invasion in der Ostukraine, zu denken, dass das doch nur so ein Spiel sei. Nein, das ist eine extrem gefährliche, feindselige Kampagne, und jeder, der heute Klaus unterstützt, tut das im vollen Bewusstsein, an seiner politischen Mission teilzunehmen.“

Düstere Stimmung | Die F.A.Z. blickt zum Revolutionsjubiläum kritisch nach Prag: „In der Tschechischen Republik ist die Erinnerung an diese Wende aufs Engste mit Václav Havel verbunden. Als der im Dezember 2011 starb, ahnte keiner, wie rasch eine neue Führungsgarnitur in der Tschechischen Republik sein politisches Erbe verspielen würde. Von der Aufbruchsstimmung des November 1989 war schon lange nichts mehr zu spüren gewesen. Aber noch nie herrschte in Prag eine dermaßen düstere Stimmung wie in diesen Tagen. (…) Die Vorsitzenden der beiden konservativen Oppositionsparteien – Karel Schwarzenberg (TOP 09) und Petr Fiala (ODS) – warnten vor der Gefahr, der die Demokratie durch ‚neue Führer’ ausgesetzt sei. Die wahre Gefahr gehe nicht mehr vom Kommunismus aus, sagte Fiala, sondern von denen, die auf autoritäre Methoden setzten und die Demokratie missbrauchten, um sich Wirtschaft, Medien und politische Macht unterzuordnen.“

Dumm gelaufen | Auch das Londoner Magazin „The Economist“ sieht die Ideale der Samtenen Revolution sich verflüchtigen: „Havel zählte in der Generation der Dissidenten zu den Wenigen, die den Übergang zur demokratischen Ära schafften, ohne ihren Idealismus oder ihre Bedeutung zu verlieren. Seine dreizehnjährige Präsidentschaft, zunächst der Tschechoslowakei, dann der Tschechischen Republik, gehört zum besseren Teil der Zeit nach 1989. (…) Noch vor seinem Tod im Dezember 2011 bekundete Havel seine Abneigung gegen die Richtung, in die sich nach seiner Meinung die tschechische Gesellschaft entwickelte. Die Dinge waren nicht so gelaufen, wie von ihm erhofft; Cowboy-Kapitalismus, Korruption und Ellenbogenpolitik hatten seine Vision der Zukunft des Landes beschädigt. Wie in weiten Teilen des postkommunistischen Europas war die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft noch unsicher, während die demokratische Revolution erfolgreich war.“



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