Blick in die Presse

Blick in die Presse

Tschechische Pressekommentare zur Flüchtlingskrise, den Wahlen in Griechenland, der Eröffnung des Blanka-Tunnels und zum Volkswagen-Skandal

23. 9. 2015 - Text: Josef FüllenbachTextauswahl und Übersetzung: Josef Füllenbach

Wege ins Unbekannte | Vor dem europäischen Flüchtlingsgipfel meint die Wochenzeitung „Respekt“, es sei „notwendig, die Asylsysteme aneinander anzugleichen und so eine gleichmäßigere Verteilung der Flüchtlinge in Europa zu ermöglichen, ähnlich wie das im föderalen Deutschland funktioniert. (…) Die EU hat nur zwei Möglichkeiten. Den Weg von Angela Merkel, also die Aufnahme der Flüchtlinge und ihre gerechtere Aufteilung. Oder den Weg von Viktor Orbán, der in der Aufrichtung von Grenzen besteht, über welche die Flüchtlinge nicht hinwegkommen. Jeder dieser Wege führt ins Unbekannte und am Ende beider Wege wird Europa anders sein, als es heute ist. Eine verdammt schlechte Einschätzung der Lage wäre es aber zu glauben, dass sich der Weg, der auf kilometerlangem Stacheldraht, auf Polizeirazzien, Kontrollen, Angst und dem Verjagen von Menschen in Not beruht, nicht in der Lebensqualität der Menschen ‚drinnen’ niederschlägt.“

Bockbeinige Blockade | Die Tageszeitung „Právo“ sieht Tschechien mit den Visegrád-Ländern in der Defensive und rät stattdessen die Initiative zu übernehmen: „Die Regierung könnte die Annahme eines dauerhaften Umverteilungsmechanismus an die Erfüllung einer Reihe von Forderungen knüpfen, die daraus ein vernünftiges europäisches System machen. (…) Mithilfe solcher Vorschläge könnten sich unsere Politiker als Europäer zeigen, die eine gemeinsame Lösung nicht bloß bockbeinig blockieren wollen, sondern eigene Vorstellungen von einer wirksamen und gleichzeitig humanen gesamteuropäischen Lösung haben.“

Bürokratischer Schlendrian | Den mit vierjähriger Verspätung und nach manchen Skandalen endlich in Betrieb genommenen Tunnel Blanka, dessen Planungs- und Baugeschichte an das um etliche Dimensionen größere Debakel des Berliner Flughafens gemahnt, kommentiert die Tageszeitung „MF Dnes“: „Ein Bauvorhaben von den Ausmaßen des Tunnels Blanka lässt sich wohl nie und nirgends ohne Probleme realisieren. Und das nicht nur wegen des komplizierten geologischen Untergrundes, sondern auch deswegen, weil erregte politische Träume im Verein mit bürokratischem Schlendrian nie ein maßvolles, sparsames und effektives Projekt hervorbringen können. (…) Falls die Polizei nicht im Nachhinein noch ein anklagewürdiges Verschulden feststellt, bleibt uns nichts anderes, als uns damit abzufinden, dass auch ein überteuertes Bauwerk die Lebensqualität in der Stadt wesentlich verbessern kann, etwa wie früher der Strahov-Tunnel.“

Mantel nach dem Wind hängen | Die „Lidové noviny“ meint zum Ausgang der Wahl in Griechenland: „Während Tsipras im Januar seinen Wahlsieg als felsenfester Vertreter der radikalen Linken feierte, verteidigte er am Sonntag den Posten mehr oder weniger als Politiker der linken Mitte, der bereit ist, nach Wegen zur Zufriedenstellung aller Seiten zu suchen. Brüssel zählte auch zu den Gratulanten. Und signalisierte, es gelte ‚keine Zeit zu verlieren’. Das ist sicher richtig. Die Griechen haben mit sechs Wahlen in den letzten acht Jahren schon genug Zeit verloren. Die Frage ist nur, ob Tsipras, der seinen Mantel nach dem Wind zu hängen pflegt, der richtige Reformer ist. Wir werden es sehen, eine zweite Chance hat er bekommen.“

Immer im Kreise | Das Wochenblatt „Reflex“ weiß dagegen schon jetzt, was kommt: „Dass Griechenland alles tut, endlich mit der Überwindung der wirtschaftlichen und finanziellen Probleme zu beginnen und die Vereinbarungen über den Schengen-Raum zu erfüllen, kann man nicht glauben – mit der linken Syriza an der Spitze schon gar nicht. Was also können wir erwarten? Weitere Erpressungen aus Athen, weiterhin sinnloses Nachgeben der EU und nach einiger Zeit weitere vorzeitige Wahlen in Griechenland. Und so immer im Kreise. Europa, erwache!“

Riesendebakel | Mit Seitenblick auf Škoda, die Tochter, schaut die „Hospodářské noviny“ mit besonderem Interesse auf die Mutter: „Volkswagen symbolisiert alles, was Deutschland ist. Strenge und Redlichkeit. Den Erfolg der deutschen Wirtschaft in den letzten Dekaden. Sozialen Frieden, der freilich Innovationen nicht abwürgt. Aber nun müssen wir eine weitere Charakteristik hinzufügen: Umgehung der Normen. Der Skandal um die amerikanischen Dieselmotoren, die glänzende Emissionswerte auswiesen, allerdings nur auf dem Prüfstand, ist ein riesiges Debakel. Und die Worte des Konzernchefs Martin Winterkorn, er „bedauere es zutiefst“, werden das nicht ausbügeln.“



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