„… bis plötzlich eine Wolke anschwimmt“

„… bis plötzlich eine Wolke anschwimmt“

Deutsche, Tschechen und Slowaken versuchen sich mit „displej.eu“ an einer gemeinsamen Gedichtanthologie

12. 11. 2014 - Text: Peter HuchText: Peter Huch; Foto: Ondřej Lipár

 

Der länderübergreifende Austausch junger Menschen war schon immer ein fruchtbarer Impuls, um eigenen Anschauungen neue Perspektiven zu eröffnen. Dass Peter Dietze, Mitherausgeber des Lyrikmagazins „Randnummer Literaturhefte“, in Deutschland kaum etwas über aktuelle poetische Tendenzen in Tschechien erfuhr, war für ihn Grund genug, den Blick über seine Ländergrenzen hinaus zu erweitern. Also suchte der 27-Jährige den Austausch mit dem Nachbarland, stellte Nachforschungen an und knüpfte persönliche Kontakte zu anderen Lyrikern.

So entstand auf Dietzes Anregung schließlich „displej.eu“: ein umfassendes Buch- und Webprojekt, das das dichterische Schaffen dreier Länder und Sprachen beleuchtet. Es soll jungen Lyrikern aus Tschechien, Deutschland und der Slowakei ein gemeinsames Forum bieten. Versammelt sind 14 zeitgenössische Autorinnen und Autoren der jüngeren und mittleren Generation, die die Gegenwart mithilfe des Mediums Poesie untersuchen.

Hinter „displej.eu“ stecken keine Unbekannten in der Literaturszene. Von deutscher Seite beteiligen sich die Redakteure der in Hamburg und Berlin ansässigen „Randnummer Literaturhefte“ am Projekt, auf tschechischer Seite die Macher der Zeitschrift „Psí víno“. Wer die Magazine kennt, weiß, wie sehr sie sich ähneln. Das Konzept, laufende Sätze mit visuellen Spielereien aufzubrechen, findet man in beiden Zeitschriften wieder.

Was die Anthologie neben der Lyrik so interessant macht, sind vier Essays aus den drei Ländern, die sich mit der Entwicklung der Lyrik in den beteiligten Staaten beschäftigen. Hervor sticht hier Karel Pioreckýs historischer Abriss über die tschechische Poesie seit 1990. Die Gegenwart der Poesie begann, so der Autor, erst 2008, also geschlagene 18 Jahre nach dem Sturz des Sozialismus, wieder ihre Blüten zu treiben. Der Wandel hin zu neuen Ideen kam ihm zufolge erst durch die Dichtergruppe „Fantasía“, die sich in einem Manifest zur „Engagiertheit der Poesie in der Welt“ bekannte. So entwickelten sich in der zweiten Hälfte der Nullerjahre gleich mehrere Stränge innerhalb der tschechischen Lyrik, die sich teils politisch gibt, teils, durch Ondřej Buddeus vertreten, aktuelle Strömungen „medialer Kommunikation reflektieren“ möchte. Internationale Ansätze, wie das konzeptuelle Schreiben, das auf Ideen des US-amerikanischen Poeten Kenneth Goldsmith beruht und das der Planung des Gedichts mehr Platz einräumt als dem Prozess des Schreibens selbst, finden auch in Tschechien Anklang.

Der dreisprachige Band, der in einer Auflage von 1.000 Exemplaren erscheint, ist eine gelungene Fortsetzung der letzten deutschsprachigen Gedicht­anthologie über Tschechien: „Höhlen tief im Wörterbuch“, deren Gedichtauswahl im Jahr 2004 endet. Also vier Jahre vor der Pioreckýschen Wiedergeburt der tschechischen Lyrik. Für die Zukunft haben sich die Redakteure viel vorgenommen. Neben einer Internetplattform (www.displej.eu) wollen sie zum Prager Lyrik-Festival „Microfestival“ im Mai nächsten Jahres in Prag wieder zusammenkommen.

manchmal ist der Himmel
scheiße drauf ist auf ihm
nichts als Blau das allein
aber nichts ist
weil eine Farbe
die allein ist
keine Farbe ist
bis plötzlich eine Wolke anschwimmt
die aussieht etwa wie ein Bein
(…)

Auszug aus Pavel Novotný: Ivana Čechová, Liberec, 20.10.2009, 14:30



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