Bilder im Kopf

Bilder im Kopf

Mit einer Retrospektive erinnert die Stadtgalerie an den jung verstorbenen Künstler Ján Mančuška

1. 7. 2015 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Installation „So ist es wirklich passiert“, 2010/GHMP

Wie entwickelt sich Zeit aus dem Plot einer Geschichte? Welche Rolle spielen Raum und Sprache für unsere Wahrnehmung? Ján Mančuška beschäftigte sich Zeit seines Lebens mit diesen Fragen. Eine Antwort suchte der 1972 in Bratislava geborene Konzeptkünstler unter anderem durch raumgreifende Installationen, in denen er den Betrachter zu einem wesentlichen Bestandteil des Werks macht.

Vor vier Jahren starb Mančuška nach schwerer Krankheit. Sein künstlerisches Schaffen ist in einer „ersten Retrospektive“ („První retrospektiva“) in der Hauptstadt-Galerie zu sehen. Ausgestellt sind Zeichnungen und Textfragmente, Installationen und Videos. Mančuškas Werk verlangt dem Besucher viel Gedankenarbeit ab, sofern er nicht einfach an den eigenwilligen, schwer zugänglichen Objekten vorbeilaufen will.

Die Ausstellung ist zugleich die erste größere Werkschau Mančuškas in Tschechien. Obwohl er 2004 mit dem Jindřich-Chalupecký-Preis eine der renommiertesten Auszeichnungen für bildende Künstler erhielt, blieb er hierzulande paradoxerweise eher unbekannt.

Der gebürtige Slowake kam im Alter von neun Jahren nach Prag. Als Künstler debütierte er in den Neunzigern mit der Gruppe „Bezhlavý jezdec“ („Kopflose Reiter“), zu der unter anderem auch Josef Bolf und Tomáš Vaněk gehörten. Von Anfang an kreiste Mančuška mit seinen Werken um das Thema Sprache – zum Beispiel darum, wie durch diese Bedeutung hergestellt wird oder wie Erzählungen unseren Alltag prägen. Deutlich wird das unter anderem an einem riesigen Baum­diagramm zum Wort „Topf“. Zahlreiche Pfade  führen von dort ausgehend zu „Person“, „Tee“, „Farbe“ bis zu „Kolonialismus“.

 Alltagsgegenstände verwandelte Mančuška in Kunstobjekte, beispielsweise in seiner Relief-Serie „Es tut nur weh, wenn ich lache“, in die er Zahnstocher und Strohhalme einbaute. In „800 Weisen, einen Stuhl zu beschreiben“ ist die Silhouette eines Stuhles zu sehen, die von Schusslöchern umschrieben wird.

In seinen Installationen bezog Mančuška die Architektur des Ausstellungsortes mit ein, ebenso die Bewegung des Rezipienten. Wie „verkopft“ die Kunst Mančuškas ist, verdeutlicht die Arbeit „der große Spiegel“. Sie besteht aus einem leeren Raum, dessen Seite mit einem überdimensionierten Spiegel verkleidet ist. Diese zunächst leere Fläche füllt sich mit Inhalt, sobald der Betrachter an ihr vorbeigeht. Damit wird der Ausstellungs- zum Bildraum, der Besucher zu einem Teil des Gesamtwerks, das sich mit dessen Bewegung laufend verändert.

Fotografien und Filmaufnahmen stehen im Mittelpunkt des letzten Teils der Ausstellung, in der Dias an die Wände projiziert werden und Videos zu sehen sind.

Die Bilder, die Mančuška herauf­beschwört, sind mitunter erheiternd, oft verblüffend und meist rätselhaft. Am Ende bleibt ein bitterer Beigeschmack – ist das alles, was von diesen 39 Jahren aus dem Leben Mančuškas übrigbleiben soll?

Ján Mančuška: Erste Retrospektive. Galerie der Hauptstadt Prag – Stadtbibliothek (Mariánské naměstí 1, Prag 1), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr (Do. bis 20 Uhr), Eintritt: 120 CZK (ermäßigt 60 CZK), bis 11. Oktober, www.ghmp.cz



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