Berührende Anekdoten und harte Kritik

Berührende Anekdoten und harte Kritik

Der Slawist Felix Philipp Ingold erinnert in seinem Tagebuch „Leben & Werk“ an vergessene Schriftsteller

19. 12. 2014 - Text: Peter HuchText: Peter Huch; Foto: Matthes & Seitz

 

Es ist ein nassgrauer, dunkler Herbsttag des Jahres 1969, als sich Jan Skácel, der Schweizer Student Felix Philipp Ingold und andere Dichter und Kritiker in Mähren treffen, um den 20. Todestag des Lyrikers František Halas zu begehen. Die düstere Stimmung, die die „Normalisierung“ nach dem Prager Frühling brachte, fällt zusammen mit einer traurigen Grabrede Skácels im strömenden Regen. Dieser Moment ist eine der eindrücklichsten Erinnerungen, die der Slawist und Schriftsteller Felix Philipp Ingold in seinem Tagebuch „Leben & Werk“ zurück ins Gedächtnis ruft und poetisch verarbeitet.

Seit seinen frühen Studienjahren verfasst Ingold Übersetzungen, Essays und Romane wie zuletzt „Alias“ und „Noch ein Leben für John Potocki“. Im Alter von 72 Jahren legte er nun ein 1.020-seitiges Tagebuch vor. Es umfasst vordergründig die vergangenen fünf Jahre, ist jedoch mit Erinnerungen an weiter zurückliegende Zeiten angereichert. Außerdem lässt Ingold eigene und fremde Lyrik und Prosa in den Text einfließen, ebenso kursiv gedruckte Einträge seines Traumtagebuchs, aber auch Konzert- und Filmkritiken. Dazwischen finden sich immer wieder die für ein Tagebuch typischen Alltagssorgen des Autors, Anekdoten und poetisch geschilderte Naturspaziergänge, in denen ein Wald aussieht wie „eine leergefegte gotische Kathedrale“.

Viel Raum widmet Ingold seinen Betrachtungen von Lyrik und Prosa. Er will vergessene Literaten wieder ins Bewusstsein rücken, darauf weist er selbst oft ausdrücklich hin. Wenn er über weitgehend unbekannte Schriftsteller wie Kazimierz Brandys oder Eugen Gottlob Winkler schreibt und deren stilistische Fähigkeiten ausführlich untersucht, überträgt sich Ingolds Begeisterung schnell auf den Leser. Auch den tschechischen Journalisten und Schriftsteller Richard Weiner, dessen Werk meist mit dem Kafkas assoziiert wird, ruft er zurück ins Gedächtnis.

Doch so hoch Ingold einerseits lobt, so hart und sachlich fundiert geht er andere Schriftsteller an. Die vom Feuilleton gepriesene Dichterin Ann Cotten dient ihm als Beispiel, um sich über „Sprachverluderung“ und defizitäre Sprachformen auszulassen. Aber auch an manchen „sakralisierten Klassikern“ findet er kaum ein gutes Wort: Thomas Mann nennt er einen „Phrasendrescher“, die Prosa von James Joyce hat in Ingolds Augen „Patina“ angesetzt, die Lyrik von Tomas Tranströmer bezeichnet er als „Ansichtskartengrüße“.

Unter den Anekdoten aus dem Alltag des Slawisten sind besonders diejenigen spannend, die er über seinen Studienaufenthalt in der Tschechoslowakei im Jahr 1968 erzählt. So half Ingold, tschechische Texte ins Ausland zu schmuggeln, die nach der Niederschlagung des Prager Frühlings nicht erscheinen durften. Die Schilderungen von Jan Skácel und dessen Nekrolog auf František Halas sind berührend und in dieser Form sicher kaum anderswo zu lesen. Unangenehm wird der sich als elitär betrachtende Ingold dagegen, wenn er sich selbst gestellte Fragen gleich beantwortet. So gibt er zum Beispiel zu Protokoll, als 20-Jähriger Paul Celan gelesen zu haben, um gleich darauf die Frage einzuschieben, was denn die jungen Menschen heute lesen würden.

Dass Ingold sich zur Publikation eines Tagebuchs hinreißen ließ, obwohl er Alltagssprache nach eigenem Bekunden für „redundant“ hält, ist bemerkenswert. Dass das Werk im Blocksatz geschrieben ist und der Text nur durch eingestreute Lyrik aufgelockert wird, lässt anfangs schlucken. Doch das Buch liest sich – auch dank der Vielzahl der Gattungen – flüssig. Die Lektüre ist abwechslungsreich, auch wenn sich der Leser fragen mag, wozu Ingold etwa über den Einkauf von Toilettenartikeln schreibt.

Insgesamt legt der Schweizer ein Buch vor, dass lohnt gelesen zu werden. So unsympathisch er selbst stellenweise erscheint, so eindrücklich und tief gehend sind seine Reflexionen über Literatur und Natur. Daher eignet sich das Tagebuch hervorragend als Arbeitsbuch, um darin immer wieder nach neuen Eindrücken und Schriftstellern zu suchen, auch wenn sich der Leser das Register leider selbst erstellen muss.

Felix Philipp Ingold: Leben & Werk. Tagesberichte zur Jetztzeit. Matthes & Seitz, Berlin 2014, 1.020 Seiten, 49,90 Euro, ISBN 978-395-757-008-6



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