Backen unterm Firmament

Backen unterm Firmament

Wie am letzten öffentlichen Ofen im Böhmerwald die Backtradition bewahrt wird

14. 11. 2012 - Text: Yvette PolášekText: Yvette Polášek; Foto: CzechTourism

 

Es ist eisig kalt, unter den Füßen knirscht der über Nacht gefallene Neuschnee und vom Himmel schweben große, weiße Flocken herab. Im Böhmerwald (Šumava) riecht es nach frisch gebackenem Brot. Ein idyllischer Einstieg in ein tschechisches Wintermärchen? Nein, winterliches Alltagsszenario an jedem letzten Samstag im Monat in der kleinen Gemeinde Lenora nahe dem Dreiländereck Deutschland – Österreich – Tschechien.
„Brunnen und Backöfen waren schon in der Urzeit Stellen, an denen das ganze Dorf zusammenkam und Neuigkeiten austauschte. So ein Backofen könnte deshalb auch in der heutigen Zeit wieder ein Treffpunkt sein“, bezeugt Maria Forstner. Die Obfrau der Niederösterreichischen Dorferneuerung erläutert im Rahmen der Ausstellung „Die Niederösterreicher“, die bis 13. Januar 2013 im Kunstmuseum Waldviertel in Schrems zu sehen ist, Funktion und Bedeutung der alten Nutzstätten.

Was im benachbarten Niederösterreich erst für eine aktuelle Exposition wieder entdeckt und neu installiert worden ist, wurde im südböhmischen Lenora bereits vor vierzehn Jahren wiederbelebt – der öffentliche Backofen.

In der Vergangenheit war er wesentlicher Bestandteil der mitteleuropäischen Kulturgeschichte und des öffentlichen Lebens. Denn in der Regel konnten sich die meisten Dorfbewohner einen eigenen Ofen in ihrem Heim nicht leisten. Oftmals sprachen sich mehrere Familien ab, wenn sie backen wollten. Sie nutzten die öffentliche Backstelle gemeinsam, um Heizmaterial zu sparen. So wurde der Dorfbackofen zum Begegnungsort für die ländliche Gemeinschaft.

Eine Hymne auf das Backen
Heutzutage ist der Brauch des öffentlichen Backens weitgehend in Vergessenheit geraten. Nicht jedoch in Lenora, wo diese Kunst 1998 von Václav Mráz wieder ins Leben gerufen wurde. Der hier noch existierende öffentliche Backofen, gleich neben der Hauptstraße unweit des Rathauses, stammt aus dem Jahre 1837. Bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er von den Einwohnern genutzt; 1958 erklärte man ihn zum Kulturdenkmal. In den neunziger Jahren gründete der in Lenora geborene Mráz gemeinsam mit einigen lokalen Enthusiasten eine Bäckerzunft, um die traditionelle Backkunst zu bewahren. Zur Hymne erkoren sie das tschechische Kinderlied „Pec nám spadla“ („Der Ofen ist eingestürzt“).

Seit mittlerweile genau zehn Jahren hütet der slowakische Bäckermeister Augustin Sobotovič den historischen Ofen in Lenora – jeden letzten Samstag im Monat, von April bis Dezember. Offiziell beginnt sein Tagwerk um 9 Uhr morgens. Tatsächlich aber muss er den Ofen in den kalten Monaten schon drei Stunden zuvor anheizen, um die erforderliche Temperatur von 220 Grad zu erreichen. Geheizt wird mit Hartholz, vorwiegend Buche oder Birke. „Einheizen ist keine Kunst – aber zu erkennen, ob der Backofen die richtige Temperatur hat, erfordert Erfahrung“, erklärt Sobotovič seinen gespannten Zuhörern. Dabei testet er die erreichte Temperatur, indem er etwas Mehl am Boden des Backofens verstreut. Je nachdem, wie schnell es verbrennt, kann er die vorbereiteten Brote in den Ofen schieben.

Böhmerwälder Original
Den Teig bereitet der erfahrene Bäckermeister bereits am Tag zuvor zu. Zuerst richtet er den Sauerteig an – er muss mindestens zwölf Stunden aufgehen. Am Morgen des Backtages dann knetet er den Teig und formt ihn zu klassischen tschechischen Mischbrot-Laiben und sogenannten Lenora-Plätzchen. Anschließend werden sie mit Knoblauch bestrichen. Aber auch Brötchen und Plundergebäck dürfen auf dem Backblech nicht fehlen. „In der Vergangenheit haben wir auch schon mal Pizza in unserem Ofen gebacken“, lacht Sobotovič. „Platz ist genügend vorhanden, sogar für eine kleine Sau.“

Die Atmosphäre um den Backofen von Lenora ist einzigartig. Besonders nach dem Öffnen der Ofentür, wenn der Geruch des frisch gebackenen Brotes die Straße hinunterzieht und alle zum Kosten verlockt. Im Schnitt werden an einem Samstag 30 Brotlaibe gebacken, außerdem 25 Backbleche voller Knoblauch-Plätzchen und 10 bis 12 Bleche voller Brötchen. Das Gebäck ist unverkäuflich und wird grundsätzlich an alle, die beim öffentlichen Backen anwesend sind, kostenlos verteilt. Wer will, kann nach eigenem Ermessen eine Spende in die kleine Sparbüchse werfen. Das Geld kommt behinderten Kindern zugute. Dass die Backware aber auf jeden Fall exzellent ist, verrät das regionale Markenzeichen „Šumava originální produkt“, „Böhmerwälder Originalprodukt“.

Vom Lkw zum Ofen
„Bei uns schmeckt man, dass wir mit Liebe, Kraft, Gefühl und vor allem Herz backen. Ohne das wird es nichts“, ergänzt Sobotovič, der mithilfe des Backofen von seiner jahrelangen Tätigkeit als Lkw-Fahrer zu seinen gelernten Leisten, dem Bäckerhandwerk, zurückkehren konnte. Der Ruf vom Lenora-Bäcker hat sich bis nach Deutschland herumgesprochen. Mehrfach wurde der ehemalige Fernfahrer schon ins bayerische Freilichtmuseum Finsterau zum Brotbacken eingeladen.

Eingebettet in ein reichhaltiges Rahmenprogramm geht das Brotbacken im Juli über die Bühne. Neben dem köstlichen Brot stehen an den Sommertagen traditionelles Handwerk, Folklore-Musik, die Präsentation regionaler Backwaren sowie ein Wettbewerb um das leckerste Brot auf der Tagesordnung.

Lenora bietet auch einen Einblick in ein anderes böhmisches Traditionshandwerk. So wurde beinahe zeitgleich mit der Errichtung des öffentlichen Ofens von Jan Meyer eine Glasbläserei in der Gemeinde angesiedelt. Die 1834 gegründete Glashütte erhielt ihren Namen nach Eleonora, der Ehefrau des hier ansässigen österreichischen Diplomaten Jan Adolf von Schwarzenberg: Eleonořin háj, Eleonorenhain. Später verstaatlicht und nach der Samtenen Revolution einer missglückten Privatisierung zum Opfer gefallen, ist heute nur ein kleines Glasmuseum übrig. „In den Räumlichkeiten des Stadtamtes lässt sich die hohe Qualität der damaligen Glasschleifer, -maler und -bläser erahnen“, lädt Jaroslava Krnáková, Bürgermeisterin von Lenora, zu einem Besuch in ihre traditionsbewusste, kleine Gemeinde im Böhmerwald ein.

Informationszentrum Lenora (Lenora 36, 384 42 Lenora), Tel. 722 498 208, E-Mail: infocentrum@lenora.cz, www.lenora.cz

Öffentliches Brotbacken: jeden letzten Samstag im Monat von April bis Dezember, 9–13 Uhr

Festival des Brots: letzter Juli-Samstag (27. Juli 2013)



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