Auf neuen Wegen zur Premiere

Auf neuen Wegen zur Premiere

Die erste grenzüberschreitende Landesausstellung in Oberösterreich und Südböhmen öffnet ihre Pforten

25. 4. 2013 - Text: Stefan WelzelText: sw; Foto: Landesausstellung Oberösterreich

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Über 30 Jahre ist es her, da hegte die Tschechoslowakei den Plan, von Budweis aus bis an die jugoslawische Adria einen Eisenbahntunnel zu bauen. Es wäre ein Mammutprojekt gewesen, das heute selbst die zur Zeit entstehende Schweizer Alpentransversale locker in den Schatten stellen würde. 1979 wollte das sozialistische Regime der ČSSR dieses Unternehmen, Österreich zu „untergraben“, tatsächlich ins Auge fassen. Die speziellen Umstände des Kalten Krieges machten so ein irrsinniges Vorhaben denk- und planbar. Im Rahmen der grenzüberschreitenden Landesausstellung in Oberösterreich und Südböhmen sind solche Spielereien anhand der Schau „Was wäre, wenn…“ im Regionalmuseum von Český Krumlov (Krumau) zu bestaunen. Es ist nur einer von vielen Höhepunkten der erstmaligen Zusammenarbeit zweier Nachbarn, die noch vor rund 25 Jahren durch Stacheldraht und Grenztürme voneinander getrennt waren.

Unter dem Titel „Alte Spuren – Neue Wege“ spannen diverse Ausstellungen in den vier grenznahen Ortschaften Český Krumlov, Vyšší Brod, Freistadt und Bad Leonfelden im Mühlviertel den Bogen vom Mittelalter bis zur jüngsten Vergangenheit. Von 25. April bis 3. November präsentieren sich zwei Regionen, die noch vor 100 Jahren zur gleichen politischen Einheit zählten und kulturell, wirtschaftlich, klimatisch sowie ethnisch aufs Engste miteinander verflochten waren.

Im gemeinsamen Haus Europa wächst nun wieder zusammen, was sich einst so nahe war. „Durch den Fall der Mauer erhalten Südböhmen und das Mühlviertel eine zweite Chance, gegeben von der Geschichte“, so Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) am Dienstag vergangener Woche bei der Präsentation der Ausstellung in Prag. „Über Kunst und Kultur hinaus verfügt diese Schau auch über eine wichtige wirtschaftliche Seite“, erläutert Pühringer die monetären Aspekte. In der Tat ist das Budget der Veranstaltung, die am 25. April mit einem Festakt in Freistadt Eröffnung feiert, von beträchtlichem Umfang. Rund 14 Millionen Euro ließen sich die verantwortlichen Institutionen die Landesausstellung kosten. Erwartet wird eine Wertschöpfung von rund 90 Millionen Euro. Dies dürfte keine übertriebene Schätzung sein. Wenn man die Schau mit der oberösterreichisch-bayerischen Landesausstellung von 2012 vergleicht, so darf man mit einer hohen Besucherzahl rechnen. Vor einem Jahr zog diese Schau fast 320.000 Interessierte an. Die ohnehin schon populären Ausflugsziele Oberösterreichs und Südböhmens erhalten für ein halbes Jahr zusätzliche Attraktionen, die auch der Tourismusbranche einigen Umsatz in die Kassen spülen werden.

Gegenseitige Wertschätzung
Hauptziel der Organisatoren (auf tschechischer Seite die Regionalentwicklung Südböhmen „RERA“, die Kulturverwaltung Südböhmen sowie auf österreichischer die Direktion Kultur des Amtes der Oberösterreichischen Landesregierung) ist aber das Brückenschlagen. Die Nachbarn sollen vor allem auf zwischenmenschlicher und kultureller Ebene zueinander finden, die gegenseitige Wertschätzung gesteigert und überholte Vorurteile abgebaut werden. So verheißt es zumindest die offizielle Stellungnahme. In Anbetracht der tatsächlich bestehenden Vielzahl an Gemeinsamkeiten dürften diesen Wünschen auch Taten folgen. Nicht zuletzt die kulinarischen Verbindungslinien sind eklatant. Diesem Umstand verleiht unter anderem eine Sonderausstellung über das Brauwesen in Freistadt Ausdruck. Im historischen Gebäude der Braucommune, zwischen 1770 und 1780 errichtet, werden Besucher Zeugen einer Tradition, die Tschechen und Österreicher seit Jahrhunderten teilen.

Die Premiere der Landesausstellung macht zumindest die tschechischen Vertreter noch ein bisschen nervös. „Wir sind zwar Neulinge bei der Vorbereitung, aber wir müssen uns weder für die ausgestellten Exponate noch für die Ausstellungsorte schämen“, spricht sich RERA-Vorsitzender Jiří Vlach wohl auch selbst etwas Mut zu. Doch Bescheidenheit ist eine Tugend, eine herausragend tschechische sogar – auch wenn die verhinderten Tunnelbauer aus dem Kalten Krieg eine Ausnahme machten.

Mehr Informationen zu den einzelnen Ausstellungen, Veranstaltungen und Spezial-angeboten der oberösterreichisch-südböhmischen Landes-ausstellung unter www.landesausstellung.com