Auf der Suche nach dem Spaß

Auf der Suche nach dem Spaß

Protokoll einer Woche mit der deutschen U21-Nationalmannschaft in Prag

24. 6. 2015 - Text: Klaus HanischText: Klaus Hanisch; Foto: ČTK/imago sportfotodienst

Spaß! Immer wieder: Spaß. Zehn Tage lang habe seine U21-Nationalmannschaft an Defiziten gearbeitet – und „dabei auch noch Spaß gehabt“, frohlockte Trainer-Oldie Horst Hrubesch nach dem Trainingslager in Österreich. „Die Stimmung ist überragend, alle wollen in Tschechien Großes erreichen“, trat Kapitän Kevin Volland kurz darauf nach. Prag war somit auf eine deutsche Mannschaft vorbereitet, die Europameister werden will. Und das Turnier zudem mit größter Spielfreude beglückt.

Montag, 15. Juni
Kaum in der Stadt, feilt die Auswahl gleich weiter am Image einer Spaß-Gesellschaft (mit ernsten Ambitionen). „Praktisch alle Spieler wollten zu diesem Besuch mitkommen“, behauptet Horst Hrubesch in der Deutschen Schule. Wie sie eigentlich Fußballspieler geworden seien, wollen Schüler wissen. Weil das schon mit drei oder vier Jahren so viel Spaß gemacht habe, antwortet Julian Korb, Verteidiger aus Gladbach.

Und wie ist das, mit Messi in einer Elf zu spielen? Eine ziemliche Freude, erklärt Marc-André ter Stegen. Der Torhüter könne jedoch bald jeden Spaß am Fußball verlieren, sorgt sich Vratislav Lokvenc, früher bei Kaiserslautern und in der tschechischen Nationalelf, am Rande. Denn welchen großen Titel soll er noch holen, falls er nach der Champions League auch diese EM gewinnt – mit Manuel Neuer als Konkurrent. „Hoffentlich beendet er nicht schon in wenigen Tagen seine Karriere“, scherzt Lokvenc in kleiner Runde.

„Man muss Spaß haben beim Fußball!“, verkündet Hrubesch derweil in einer anderen Ecke: Sein Slogan ist auf dem Weg zum Bestseller.

Im Hotel bekundete Emre Can vom FC Liverpool zuvor: „Wir wollen zu den Olympischen Spielen.“ Nach Rio. Was für ein grandioser Spaß! Doch dafür muss die Mannschaft das EM-Halbfinale erreichen. Und deshalb ist sie jetzt erst einmal in Prag. Daran erinnerte der junge Schalker Max Meyer. Mit eher ernster Miene.

Dienstag, 16. Juni
Der Historiker und Germanist Dr. Stefan Zwicker aus Wiesbaden referiert im Literaturhaus deutschsprachiger Autoren faktenreich über die Anfänge des Fußballs in Prag und den böhmischen Ländern. Mit amüsanten Anekdoten. Etwa über eine Mannschaft aus dem kleinen Teplitz, die so gut war, dass sie schon Anfang der zwanziger Jahre in Südamerika spielen durfte. Allerdings wollten die frühen Profis einen Teil vom Gewinn für sich einstecken. Das wurde ihnen verweigert und deshalb tanzte die Truppe nur einen Sommer lang.

Der Direktor hoffte darauf, dass auch deutsche Spieler sein Haus bespaßen würden. Doch die Mannschaft hatte das Referat schon während ihres Trainingslagers gehört. So darf er sich lediglich an einem deutschen Trikot mit Unterschriften aller Spieler erfreuen.

Mittwoch, 17. Juni
Stets umspielt ein ironisches Lächeln die Mundzüge von Thomas Schneider, dem Assistenten des Bundestrainers. Schwer einzuschätzen daher, ob er Joachim Löw nach Hause melden wird, dass ihm die deutsche Elf im Letna-Stadion Spaß bereitet hat. Oder wenigstens ein Spieler.

Nur ein 1:1 gegen wieselflinke Serben. Ist die gute Stimmung schon im Eimer? „Wir sind erst in der zweiten Halbzeit bei dieser EM angekommen“, retourniert Trainer Hrubesch, selbst ohne Bahnstreik in Deutschland. Ab jetzt könne das Turnier Spaß machen, will er damit wohl sagen.

„Starke Defensive, schnelle Offensive“ – Serbiens Coach Mladen Dodić baute Spaßbremsen für die Deutschen ein. Die Spielbewertung bleibt diffus: Dodić wähnte seine Truppe kurz vor dem Sieg, Hrubesch erkannte am Ende einen klaren Matchball für seine Elf. Der serbische Trainer sah die Deutschen richtig gut, als sie nur noch mit zehn Mann auf dem Feld standen. Ab da erkannte Torhüter ter Stegen indes einen Bruch im Spiel seiner Mannschaft.

Deutsche Journalisten kommentieren eindeutiger. Eine Segway-Tour durch Prag, die der DFB für sie vor dem Spiel arrangierte, hat bei ihnen mehr Eindruck hinterlassen als der erhoffte deutsche Spaß-Fußball.

Donnerstag, 18. Juni
„Beißen, beißen“, fordert die Stimme von Trainer Hrubesch, und „Ordnung, Ordnung“. Trotzdem ist der Rasenplatz des Hotels am späten Vormittag keine spaßfreie Zone. Mitspieler bejubeln, wie sich die Ersatztorhüter Timo Horn und Bernd Leno bei strömendem Regen die Bälle um die Ohren hauen.

Zum Training geladen hat Hrubesch nur die, die gegen Serbien nicht spielten. Der Rest strampelt in einer Art von Festzelt zur Regeneration auf Fahrrädern. Sehnsüchtige Blicke verraten, dass es für die meisten spaßvoller wäre, jetzt ebenfalls auf dem Spielfeld zu stehen.

Die deutsche Mannschaft wohnt in der Dependance eines Großhotels in Smíchov, dem spannendsten Stadtbezirk. Dorthin bringt sie eine eigene Standseilbahn. In seinem Hotel im Hotel verfügt der DFB-Trupp neben den Zimmern auch über einen Speiseraum, Konferenzsaal und eine Tennisanlage. Somit sind alle von allem und allen hermetisch abgeschirmt. Was ihrem hohen Ziel geschuldet ist, aber gerade in Prag schwerlich Freude bereiten kann.

Die Serben machten nach dem Spiel richtig Party. Und wer sorgte dafür bei den Deutschen? Der Hannoveraner Leonardo Bittencourt soll mit seiner Musikauswahl am Ende doch noch den richtigen Ton getroffen und anfängliche Depri-Stimmung vertrieben haben, heißt es aus ihrem Lager.

Marc-André ter Stegen wird gefragt, ob er zur neuen Saison endlich die Nummer eins beim FC Barcelona wird. Darüber sei nicht gesprochen worden, erwidert er. Denn: „Wir mussten nach dem Champions-League-Gewinn so viel feiern.“ Darauf hofft, so das Fazit dieses Tages, nach wie vor die deutsche Mannschaft für den Abend des Endspiels am 30. Juni.

Freitag, 19. Juni
Kann es ihm, der mit Barcelona oft vor 120.000 Zuschauern spielt, tatsächlich Spaß bereiten, bei einer EM vor 5.000 Besuchern anzutreten? Ter Stegen antwortete diplomatisch, dass ihm jedes Spiel am Herzen liege. Tatsächlich soll das Match der Deutschen gegen Serbien ausverkauft gewesen sein. Obwohl mindestens 10.000 Besucher fehlten …
Im gesamten Turnier gibt es laut Veranstalter nur noch Karten für drei Partien. „Und die sind jetzt gespielt“, twittert ein Scherzkeks am Abend. Womit er beim Veranstalter keinen Lachmuskel trifft, sondern einen empfindlichen Nerv. Um die Blamage zu begrenzen, sucht ab sofort eine PR-Agentur nach Komparsen. Angeblich hat ein Werbepartner viele Tickets verlost, doch die Gewinner bleiben einfach zu Hause. Die Werbefachleute wollen nun speziell freie Plätze in den Spielen der Tschechen mit Freiwilligen beleben.

Diese „Ersatzspieler“ erhalten freien Eintritt und ein Essen in einem Schnellimbiss. Wer überzählig ist und umsonst ans Stadion fährt, bekommt 150 Kronen bar auf die Hand. Es gelten folgende Bedingungen: Mindestalter 18 Jahre, keine Bekleidungsvorschriften, spezielle geistige Anforderungen unnötig. Gähnen während des Spiels absolut unerwünscht. Eine Wahl zwischen Eintritt und Kohle ist nicht möglich. Juristische Schritte sind ebenfalls ausgeschlossen.
Ein glatter Brüllwitz, diese Aktion? Nicht in Tschechien!

Samstag, 20. Juni
Mit den Dänen ist nicht zu spaßen. In ihrem ersten Spiel am Mittwoch besiegten sie die Tschechen. Die wiederum haben im ersten Spiel heute Gegner Serbien haushoch geschlagen. Jene Serben, gegen die Deutschland in seinem ersten Spiel nicht gewinnen konnte. Würde der Fußball einer Logik folgen, müsste es für die Deutschen ganz eng werden. Das Gegenteil tritt ein: Deutschland habe im Eden-Stadion einen Meilenstein auf dem Weg zum Titel gesetzt, freut sich Horst Hrubesch.
Linksaußen Amin Younes wird von der Uefa zum „Man of the Match“ erklärt. Also zum Li-La-Launebär des Abends. Man muss nicht Dänisch können, um zu verstehen, dass Dänen-Trainer Jess Thorup neben Younes auch die Deutschen Meyer und Bittencourt für ganz schöne Spaßvögel hält, weil sie seiner Elf „Mega-Probleme“ bereiteten.

Vor allem ihretwegen habe es „Spaß gemacht, der Mannschaft von außen zuzuschauen“, führt Hrubesch weiter aus. Die Partie habe „einfach nur Spaß gemacht“, will da auch Younes nicht nachstehen. So bleibt dem Verfasser des DFB-Spielberichts auf der Homepage gar nichts anderes übrig, als die lapidare Überschrift zu wählen: „Spaß ist der Schlüssel zum Erfolg.“

Sonntag, 21. Juni
DJ Bittencourt braucht sich nicht zu bemühen. Auch ohne seine CDs herrscht Euphorie im Mannschaftskreis nach dem deutlichen 3:0. Klares Indiz: Noch nach Mitternacht lädt der Ex-1860er Moritz Leitner zwei Kumpels aus Münchner Jahren, die in einer Kneipe um die Ecke in der Plzeňská sitzen, zur Feier des Tages ins Hotel ein. Ausgerechnet Leitner, der gegen die Dänen nicht mehr spielen durfte.

Weiterer Hinweis: In der Pressekonferenz interessiert heute selbst das belanglose „h“ im Vornamen von Yoshua Kimmich. Für seine Mutter hörte gestern jeglicher Spaß auf, als sie „vom tschechischen Stadionsprecher meinen Namen hörte“, lacht der baldige FC-Bayern-Profi. Im übrigen sieht er Weltmeister Bastian Schweinsteiger nicht als Vorbild, um zu lernen, sondern als Konkurrenten um einen Platz im Mittelfeld. Wenn das kein Beleg für gute Laune ist …

Montag, 22. Juni
Die U21-Europameister von 2009 seien schwerlich mit den jetzigen Spielern zu vergleichen, stellt Trainer Hrubesch immer wieder fest. „Damals waren Boateng und Hummels große Persönlichkeiten, heute sind es Volland oder ter Stegen.“ Erlebt Prag nun eine neue deutsche Spaß-Generation?

Ein tschechischer Freund hat es exakt berechnet: Ideal wäre, wenn sein Land morgen gegen die Deutschen mit 1:0 gewinnt. Und Serbien die Dänen mit dem gleichen Ergebnis schlägt. Dann wären die Tschechen Gruppensieger mit sechs Punkten. Vor Deutschland mit vier Punkten. Serbien hätte zwar auch vier Punkte, aber das schlechtere Torverhältnis. Dänemark müsste ebenfalls nach Hause fahren.

Allerdings müsste Deutschland dann am Samstag sein Halbfinale in Olmütz austragen. Was Trainer Hrubesch unbedingt vermeiden will. Ganz besonders, seit er Karel Gott getroffen hat. Das sei seine Musik, verdeutlicht Hrubesch heute vor versammelter Weltpresse. Mit Karel schmetterte er dessen Ohrwurm „Babička“. Wie auch immer das Spiel gegen die Tschechen endet: Horst Hrubesch hat in jedem Fall schon seinen Spaß in Prag gefunden.

Dienstag, 23. Juni
Nichts zu lachen haben die Mitglieder einer DFB-Delegation, die heute das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt besuchen. Selbst an diesem Ort des Grauens spielte Fußball eine wichtige Rolle, wie ihnen Historiker Zwicker mit auf den Weg gab.

Wenn sie auf dem Kasernenhof Fußball spielen durften, seien die Häftlinge keine Nummern mehr gewesen, sondern fühlten sich zumindest für kurze Zeit wieder frei und wie Menschen. Dies sagte Paul Mahrer, ein sudetendeutscher Jude und Überlebender des KZ, der einst in der tschechischen Nationalmannschaft antrat.

So kommt bei dieser Visite viel Nachdenklichkeit ins Spiel, über gemeinsame deutsch-tschechische Geschichte. Bevor die deutsche Elf und jene des Gastgebers am Abend ein neues Kapitel beginnen. Zumindest für Fußball-Almanache. Vielleicht sogar mit etwas Spaß – auf beiden Seiten.



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