„Auch Umweltschäden sind Teil der kulturellen Entwicklung“

„Auch Umweltschäden sind Teil der kulturellen Entwicklung“

Helmuth Albrecht, Professor für Technikgeschichte, über den universellen Wert eines Mittelgebirges, Bergparaden und das Lebensgefühl „erzgebirgisch“

29. 1. 2014 - Interview: Martin Nejezchleba

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Die Erleichterung merkt man Helmuth Albrecht an. 1.430 Seiten stark ist der Antrag auf Aufnahme der Montanregion Erzgebirge in die Unesco-Weltkulturerbeliste. Seit vergangener Woche ist der Antrag nun von tschechischer und deutscher Seite abgesegnet und auf dem Weg nach Paris. Der Professor für Technikgeschichte und Industriearchäologie an der TU Bergakademie Freiburg arbeitet seit über zehn Jahren am Projekt „Montane Kulturlandschaft Erzgebirge/Krušnohoří”. Im Gespräch mit PZ-Redakteur Martin Nejezchleba erklärt er, warum das Mittelgebirge zwischen Sachsen und Böhmen einzigartig ist.

Herr Albrecht, warum hat denn gerade das Erzgebirge den Titel Unesco-Weltkulturerbe verdient?

Helmuth Albrecht: Der Wandel des Erzgebirges von einer urwaldähnlichen Berglandschaft in eine Kultur- und Gewerbelandschaft ist ganz wesentlich durch das Montanwesen hervorgerufen worden. Diese 800-jährige Entwicklung hat die Region in einer Weise geprägt, die weltweit einmalig ist.

Was ist denn das Einmalige an dieser Region?

Albrecht: Dazu gehört einmal das breite Spektrum der Rohstoffe, die hier abgebaut worden sind. Beginnend vom Silber und Zinn des Mittelalters bis hin zum Uran im 20. Jahrhundert. Der zweite Aspekt ist, dass das Siedlungswesen der Region entscheidend durch den Bergbau geprägt wurde. Die Besiedlung des Erzgebirges, mit der Gründung von über 50 Bergstätten auf böhmischer wie auf sächsischer Seite hat diesen Raum zu einem der bis heute am dichtesten besiedelten europäischen Mittelgebirge werden lassen. Diese Bergbausiedlungen sind fast in ihrer ursprünglichen Form erhalten geblieben. Das ist eine Entwicklung, die es nirgends in der Welt in vergleichbarer Weise gibt. Hinzu kommt der kulturelle Einfluss des Montanwesens. Das heißt der Einfluss, den der Bergbau auf Kunst, Musik, Literatur, Wissenschaft, Handwerk und Technologie der Region sowie in ganz Europa hatte – auch das ist einmalig. Das geht bis hin zu den lebendigen Traditionen, die bis heute im Erzgebirge gepflegt werden. Seien es die Bergparaden, seien es die Mettenschichten. Zu den nachhaltigen Einflüssen des Montanwesens im Erzgebirge gehört schließlich auch die Prägung der Landschaft durch den Bergbau, die Haldenzüge und Pingen, die Geotope und Biotope, die durch die lange Entwicklung entstanden sind. All diese Facetten bilden zusammen den einmaligen, universellen Wert.

Sind denn die Ergebnisse dieser kulturellen Entwicklungen bis heute noch grenzübergreifend sichtbar? Oder sind die Gemeinsamkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg verschwunden?

Albrecht: Auf jeden Fall sind sie sichtbar! Zum einen sind da natürlich die Montandenkmäler, etwa die Bergwerke und Siedlungen beiderseits der deutsch-tschechischen Grenze – allerdings in durchaus unterschiedlichem Zustand. Das tschechische Erzgebirge stand ja nach 1945 ein wenig im Schatten der wirtschaftlichen Entwicklung in Tschechien. Aber die Substanz ist vorhanden. Und es gibt Bergbau­traditionen auf böhmischer wie auf sächsischer Seite, es gibt die Bergparaden, es gibt die gemeinsame Geschichte dieser Region.

Nun kam es ja auf böhmischer Seite aber zu einem erheblichen Bevölkerungsaustausch…

Albrecht: Diese gesellschaftlichen Verschiebungen sind Teil der gesamten Entwicklung. Denken Sie nur einmal an die Reformation und Gegenreformation, die im Erzgebirge ihre ganz besondere Ausprägung gefunden hat. Auch sie hat auf beiden Seiten die Kulturlandschaft wesentlich beeinflusst und der Bergbau ist immer Teil dieser Entwicklung gewesen und hat zu einem Austausch auch über die Grenze geführt. Eine politische Grenze zwischen dem böhmischen und sächsischen Teil gab es zwar schon, aber für die Menschen war diese Grenze – bis auf wenige Ausnahmen und Epochen – eigentlich immer sehr durchlässig. Wir hoffen, dass die Region an ihre europäische Kulturtradition anknüpfen kann und sich wieder zu einer gemeinsamen Kulturregion entwickelt.

Sie haben vorhin von Uranabbau gesprochen. Nicht nur der gesamte Bergbau in der Region hat der Landschaft erheblichen Schaden zugefügt. Warum sollte man einer Industriekultur ein Denkmal setzen, die Landschaft über Jahrhunderte zerstört hat?

Albrecht: Der Bergbau ist schon immer ein Eingriff in die Natur gewesen. Nichtsdestotrotz ist der Bergbau nötig. Das zeigt die heutige Ressourcenproblematik ja auch. Natürlich muss man auch mit der problematischen Hinterlassenschaft umgehen, auch mit der politischen: Die im Uranbergbau eingesetzten politischen Gefangenen sind ebenso ein Teil der Geschichte wie die mit diesem Bergbau verbundenen Umweltschäden. Wir wollen das ganz bewusst nicht ausklammern. Wir haben den sogenannten Roten Turm des Todes, ein Montandenkmal der Uran­industrie in Tschechien, mit in das Projekt einbezogen, weil es darum geht, sich auch diesem problematischen Teil der Geschichte zu stellen. Die gesellschaftlichen, ökologischen und landschaftlichen Probleme, die mit dem Bergbau entstanden sind, sind für uns Teil der kulturellen Entwicklung.

Das Motto des Unesco-Antrags lautet „Erzgebirgisch: Ein Lebensgefühl wird Weltkulturerbe. Wie sollen wir das verstehen?

Albrecht: Also das war nicht meine Idee. Der Slogan stammt von einem Berliner Marketing-Unternehmen. Ich bin ehrlich gesagt nicht sehr glücklich damit. Es geht hier nicht um immaterielles Welterbe, sondern es geht um Gebäude, Objekte, Landschaften. Aber trotzdem: Das Gebirge scheint die Menschen sehr stark zu prägen – auf beiden Seiten der Grenze. Ich komme selbst aus dem norddeutschen Flachland und musste mich auch erst daran gewöhnen, dass man sich hier überall mit Glückauf begrüßt. Aber das zeigt, wie lebendig die montane Kulturtradition hier ist.

Das erzgebirgische Lebensgefühl gibt es also auch auf tschechischer Seite?

Albrecht: Für mich geht es um den Erhalt einer einmaligen grenzüberschreitenden Kulturlandschaft mit ihren denkmalgeschützten Objekten und Landschaften sowie ihren vielfältigen kulturellen Facetten. Ob man das nun Lebensgefühl nennen möchte, darüber kann man wahrlich streiten.