Angst vor den Fremden

Angst vor den Fremden

Eurobarometer: Drei Viertel der Tschechen lehnen Einwanderer ab. Auch Migranten aus EU-Ländern sind nicht willkommen

26. 2. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: FRA

Wie kaum eine andere Nation in Europa lehnen die Menschen in Tschechien Zuwanderung ab. Einer in der vergangenen Woche veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage zufolge sprechen sich hierzulande 74 Prozent der Bevölkerung gegen Migration aus Ländern außerhalb der EU aus. Das sind genauso viele wie in der Slowakei. Höher sind die Werte nur in Lettland sowie in Griechenland, Italien und Zypern. Auch wenn es um Zuzüge aus anderen EU-Staaten geht, haben die Menschen hierzulande große Vorbehalte.

Mit ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Migranten aus Nicht-EU-Staaten stehen die Tschechen in Europa keinesfalls allein da: Im Durchschnitt aller 28 EU-Staaten äußerten sich 57 Prozent negativ zum Thema Zuwanderung aus Ländern außerhalb der Union. In Deutschland waren es 61 Prozent, in Österreich 56. Nur in sieben Staaten hat die Mehrheit eine positive Meinung zum Thema Migration, dazu zählen neben Schweden auch Rumänien, Kroatien und Spanien. Wenn es um Zuzüge aus anderen EU-Staaten geht, sieht es etwas anders aus: Tschechien belegt mit 58 Prozent Ablehnung den zweiten Platz und wird nur noch von Lettland (63 Prozent) übertroffen. Der EU-Durchschnitt liegt dagegen bei 41 Prozent – das heißt, in den meisten Ländern wird diese Form der Zuwanderung überwiegend positiv gesehen. Nur die Menschen in Zypern, der Slowakei, Großbritannien und Italien lehnen Zuwanderer aus EU-Staaten ebenfalls mehrheitlich ab.

Für Ausländer, die in Tschechien leben, mögen diese Zahlen erschreckend sein. Einen neuen Trend begründen sie allerdings nicht – vielmehr belegen sie frühere Ergebnisse. So war bereits im vergangenen Frühjahr bei einer Erhebung des tschechischen Instituts für Meinungsforschung (CVVM) die Hälfte der Befragten der Meinung, in Tschechien würden zu viele Ausländer leben. 26 Prozent stimmten damals „entschieden“ mit der Aussage überein, dass es nicht jedem ermöglicht werden sollte, sich in Tschechien niederzulassen – das war der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2005. Doch woran liegt es, dass die Vorbehalte gegenüber Migranten hierzulande so groß sind?

Mitschuld der Medien
„Ich glaube, das kommt unter anderem daher, dass wir bis 1989 Flüchtlinge und Emigranten exportiert haben und die Problematik für uns ziemlich neu ist“, kommentierte Martin Rozumek, Leiter der Organisation für Flüchtlingshilfe (Organizace pro pomoc uprchlíkům), die Umfrageergebnisse in der vergangenen Woche im Tschechischen Rundfunk. Eine Mitschuld sieht er auch bei den Medien, die seinen Worten zufolge zu 90 Prozent negativ über Ausländer und Flüchtlinge berichteten. „Ein letzter Grund ist, dass die Tschechen nicht gerne weit von zuhause wegziehen, keinen allzu großen Horizont haben und unsere ganze Gesellschaft nach innen gerichtet ist“, so Rozumek. Einen Funken Hoffnung gibt es allerdings in seinen Ausführungen: Die Erfahrungen seiner Klienten im täglichen Umgang mit den Einheimischen seien nicht schlecht, sagt Rozumek: „Es ist eher so, dass die Tschechen vor dem Angst haben, was sie nicht kennen. Wenn sie mit Ausländern zusammen in einem Haus leben, haben sie damit wiederum kein Problem.“

Der Soziologe Fedor Gál suchte ebenfalls nach einer Erklärung für die Ergebnisse. Er wies im Tschechischen Fernsehen darauf hin, dass die Zahl der Zuwanderer hierzulande sehr gering sei: „Wir haben sehr wenig Migranten, fast die wenigsten im Vergleich mit ähnlichen Ländern. Ich überlege aber auch, was passieren würde, wenn es ab morgen hier plötzlich durch irgendeinen Zauber keine Migranten mehr geben würde. Was würden die Krankenhäuser machen, die Baufirmen oder die Restaurants?“, fragt Gál und kommt zu dem Schluss: „Wir brauchen die Zuwanderer.“

Einer Statistik des Innenministeriums zufolge waren Ende vergangenen Jahres 451.923 Ausländer in Tschechien gemeldet. Die meisten kamen aus der Ukraine, der Slowakei und Vietnam. Die Polizei zählte zudem 4.822 Ausländer, die sich illegal in Tschechien aufhielten. Auch sie kamen hauptsächlich aus der Ukraine, außerdem aus Kuwait und Russland. Laut Angaben des europäischen Statistikamtes Eurostat betrug der Ausländeranteil in Tschechien im Jahr 2013 etwa vier Prozent. In Deutschland lag er bei 9,4, in Österreich bei 11,8 und in der Slowakei bei 1,3 Prozent, im EU-Durchschnitt bei 4,1.

Ob das nun zu viele oder zu wenige sind: Eine gesellschaftliche Debatte über das Thema Zuwanderung steht in Tschechien weiterhin aus. Zwar engagierten sich vor Weihnachten Vertreter von Kirchen und Hilfsorganisationen für etwa 15 syrische Flüchtlingsfamilien, die mit ihren kranken Kindern zur Behandlung nach Tschechien geflogen werden sollten und Mitte Januar gewährte ihnen die Regierung schließlich Asyl.

Insgesamt stößt das Thema Migration in den tschechischen Medien aber auf wenig Resonanz. Einen seltsamen Beitrag steuerte das Wochenmagazin „Reflex“ in der vergangenen Woche bei. In einem Kommentar fragt der Autor Jan Jandourek, wie die Ergebnisse der Eurobarometer-Umfrage zu deuten seien: „Heißt das, dass die Tschechen Realisten sind, wenn es um Zuwanderer geht, oder sind sie ausländerfeindlich, wie es ein Teil unserer kulturellen Elite denkt?“ Keine der beiden Antworten träfe zu, meint Jandourek. Die tschechischen Migranten – Slowaken, Ukrainer und Vietnamesen – bezeichnet er als „eher nützlich für das Land“, macht dann aber einen befremdlichen Vorschlag: Man könnte in Europa ein eigenes Gebiet für Zuwanderer schaffen, zum Beispiel auf einer griechischen Insel.

Weniger groß sind die Vorbehalte offenbar, wenn es um den Zuzug von Menschen mit tschechischen Wurzeln geht. Wie in der vergangenen Woche bekannt wurde, sollen die ersten 40 Wol-hynien-Tschechen am 15. März aus der Ukraine eingeflogen werden, weitere sollen mit dem Bus kommen. Insgesamt werden es laut Innenminister Milan Chovanec (ČSSD) zunächst 135 Menschen sein, die sich in Tschechien niederlassen können. Einen Antrag auf Übersiedlung hatten etwas mehr als 200 gestellt. „Ziel des Programms ist es, unseren Landsleuten zu ermöglichen, in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren“, sagte Chovanec. Die Menschen erwarteten, dass es ihnen besser gehe was ihre wirtschaftliche Situation und ihre Sicherheit betreffe. Nach ihrer Ankunft sollen die Einwanderer – unter ihnen Familien mit Kindern ebenso wie Ältere – kostenlos in Einrichtungen des Innenministeriums untergebracht werden. Chovanec glaubt, dass es ihnen gelingen werde, Arbeit zu finden.

Die Regierung stellte im Januar 66 Millionen Kronen für die Rückkehr von tschechischen Aussiedlern bereit, hauptsächlich sollte das Geld aber für Menschen mit tschechischen Wurzeln in der Ukraine verwendet werden. Für sie sind finanzielle Hilfen in Höhe von bis zu 50.000 Kronen pro Erwachsener vorgesehen, außerdem erhalten sie Unterstützung beim Umzug und bei der Stellensuche. Die Wolhynien-Tschechen, die Mitte März ihre Koffer packen werden, sollen von einem Armeeflugzeug abgeholt werden.



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