Als Kafka bei Osman einkehrte

Als Kafka bei Osman einkehrte

Vor über 100 Jahren feierten deutsche Studenten im Wirtshaus „Schipkapaß“. Heute erinnert nur eine Ruine an die Kultkneipe am Prager Stadtrand

29. 6. 2016 - Text: Helge HommersText: Helge Hommers; Fotos: H. Hommers, APZ

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Einzig eine leere, von Grashalmen umschlungene Bierflasche lässt darauf schließen, dass am östlichen Hang des Šárka-Parks vor nicht allzu langer Zeit eine Feier stattgefunden haben muss. Ansonsten prägen eine Haus­ruine, ein von herabhängendem Blattwerk verdunkelter Feldweg und eine deplatziert wirkende Straßenlaterne das Bild. „Studenten, die hier gefeiert haben? Nein, bestimmt nicht“, sagt ein älterer Spaziergänger, der es sich mit seinem Hund auf der Bank vor der Ruine gemütlich macht. Doch der Einheimische irrt sich. Denn bis zum Ersten Weltkrieg fanden hier in Zlatnice, im Wirtshaus „Schipka­paß“, fast jeden Tag wilde und feuchtfröhliche Feiern statt.

Die Geschichte des „Schipka­paß“ beginnt im 17. Jahrhundert. Damals errichtete ein tschechischer Goldschmied das Gehöft, das im Laufe der Jahre für verschiedene Zwecke – zum Beispiel als Kapelle – genutzt wurde. Um 1870 erwarb ein deutscher Glaser­meister namens Milde das Grundstück, der es mit seinem Betrieb zu einem stattlichen Vermögen gebracht hatte. Er schenkte es seinem Sohn Oskar, der den Bauernhof mit seiner Frau Anna bezog.

Oskar „Osman“ Milde und Anna „Suleika“ Milde um 1910

Oskar war der jüngste Sohn und galt als „schwarzes Schaf“ der Familie. Denn Anna war zuerst mit dem ältesten Spross der Mildes liiert gewesen. Doch als dieser seine angehende Braut der Familie vorstellte, verliebte sich die junge Wirtstochter in den Bruder ihres Bräutigams. Die beiden heirateten und zogen von der Kleinseite ins „Exil“ nach Zlatnice.

Gäste kamen in Scharen
Die harte und eintönige Arbeit auf dem Bauernhof wollte dem jungen Paar nicht so recht gefallen. Ablenkung versprachen einzig die zahlreichen Besucher, die sie empfingen. Vor allem Anna verfügte dank der vielen Bekanntschaften aus dem Wirtshaus ihres Vaters über einen großen Freundeskreis. Doch immer wenn sich Gäste ankündigten, musste Oskar Milde bei den umliegenden Kneipen unten im Tal Biervorräte besorgen. Der Weg war weit und sowohl die Kosten wie auch der Durst der Besucher erheblich. Und so kamen er und Anna 1876 auf die Idee, eine Schankerlaubnis zu beantragen und ihren Bauernhof in ein Wirtshaus zu verwandeln.

Wie der Name der Kneipe bei der Eröffnung lautete, ist nicht bekannt. Fest steht, dass die Gäste in Scharen kamen. Die meisten waren deutsche Studenten, die oft einen langen und widrigen Aufstieg zu bewältigen hatten. Meistens führte sie ihr Spaziergang über die Karlsbrücke zur Prager Burg. Den Hradschin verließen sie durch das Písek-Tor. Von dort ging es an einer langen Mauer entlang zu einem kleinen Teich mitten im Stadtteil Dejvice, der als „Baikalsee“ bezeichnet wurde und unweit der Gaststätte lag. Manchmal kam es vor, dass die Studenten in den von Gänsekot überzogenen Tümpel sprangen, bevor sie bei der Kneipe ankamen oder nachdem sie diese alkoholisiert verlassen hatten.

Das Gehöft der Mildes (aufgenommen vor 1914)

Dass die Besucher den weiten Weg auf sich nahmen, lag aber nicht nur an der tollen Aussicht über das Šárka-Tal oder am schmack­haften Bier, das es im Wirtshaus gab. Sondern vorwiegend an Oskar und Anna Milde, die in Studentenkreisen außerordentlich beliebt waren. Oskar, weil er über einen schonungslosen Humor verfügte und jedermann duzte. Anna hingegen siezte ihre Gäste und überzeugte mit ihrer berühmt-berüchtigten Schlagfertigkeit.

Seinen Namen erhielt der „Schipkapaß“ im August 1877, als drei deutsche Medizinstudenten auf der Veranda der Kneipe saßen. Häufiges Gesprächsthema dieser Zeit war der Russisch-Osmanische Krieg, in dem sowohl die tschechischen als auch die deutschen Prager auf Seiten der Slawen standen. Doch nach der entscheidenden Schlacht am Schipkapass, einem Gebirgszug im heutigen Bulgarien, wechselten die Sympathien. Denn trotz des russischen Sieges wurde die besondere Disziplin und Tapferkeit der Osmanen unter ihrem Oberbefehlshaber Osman Pascha bekannt. Während die drei Medizin­studenten in ein Gespräch über den Krieg vertieft waren, fiel ihnen die Ähnlichkeit der umliegenden Anhöhen mit dem Balkan auf. Und so bezeichneten sie die in ihren Augen wie auf einem Gebirgspass gelegene Gaststätte als „Schipkapaß“.

Gebühr für Sonnenuntergänge
Hinzu kam, dass Oskar Milde am Tag zuvor einem Gast, der seine Rechnung nicht bezahlen konnte, dessen Kopfbedeckung als Pfand entwendet hatte. Sie sah einem türkischen Fes so ähnlich, dass die drei Studenten Oskar Milde in Osman Pascha umbenannten. Anna wurde in  Suleika umgetauft und der Kellner namens Sigmund Pick in Abraham.

Spätestens von da an war der „Schipkapaß“ so etwas wie eine Kultkneipe. Das Ehepaar Milde schaffte es nur mühsam, den Ansturm der zahlreichen Gäste zu bewältigen. Die Beliebtheit ging sogar so weit, dass Osman Milde eine Kurtaxe in Höhe von fünf Kreuzern für Sonnenuntergänge verlangen konnte. Glaubt man dem Schriftsteller Karl Hans Strobl, lohnte es sich, den Preis zu zahlen. So schrieb Strobl in seinem 1908 erschienenen Roman „Der Schipkapaß“: „Über den Höhen des Balkans spann sich ein Netz aus Goldfäden (…) Das ganze Wunder blieb nicht einen Augenblick ruhig und immer tiefer tauchte der Hintergrund in ein aus dem Bergrücken höher steigendes Rot.“

Obwohl viele Burschenschaften ihre Trinkspiele auf den „Schipkapaß“ verlegten, kam es nur selten zu Reibereien zwischen den rivalisierenden Gruppen. Häufig wurde sogar gemeinsam gesungen. Sehr beliebt war das „Schipkapaßlied“, das oft auf dem Heimweg angestimmt wurde: „Wir saßen in Osmans Spelunke bei Karten, Schnaps und Bier. Wohl mancher alter Halunke vertrank sein Leben hier. Wir hatten soeben begonnen zu leeren das zweite Fass, da hab ich das Lied mir ersonnen, das Lied vom Schipka­paß.“

Die Fenster sind noch zu erahnen, sonst weist heute nichts mehr auf das Wirtshaus hin.

Überliefert ist aber auch der Disput zweier Burschenschaftler, die sich nicht auf den rechtmäßigen Besitzer eines Regenschirms einigen konnten. Ein Schusswechsel sollte die Antwort geben und so richteten die Kontrahenten unweit der Gaststätte ihre Pistolen aufeinander. Zwei Kugeln flogen durch die Luft, trafen jedoch nicht ihr Ziel – dafür aber eine unbeteiligte Kuh. Über deren weiteres Schicksal und eine Bestrafung der Duellanten ist nichts bekannt.

„Der Osman ist gestorben“
Berühmtester Gast im „Schipka­paß“ war wohl Franz Kafka, der laut seinem Tagebuch gemeinsam mit seinem Freund Max Brod die abgeschiedene Kneipe aufsuchte. Hier ertränkte er den Kummer über das Ende seiner Beziehung mit Felice Bauer, wie Kafka vermerkte.

Diese Anekdoten und die Beliebtheit der Besitzer ließen den „Schipkapaß“ zur ersten Anlaufstelle der durstigen Studenten werden. Seine Einrichtung war es definitiv nicht, wie der ehemalige Burschenschaftler Franz Böhm 1927 schrieb: „Nur die in höhere Stufen alkoholischer Transzendenz Vorgedrungenen konnten die Zweckbestimmung der Räume und Einrichtungen erkennen. Nüchtern besehen war es ein wüstes Dorfwirtshaus.“

Das große Unglück geschah am 4. September 1910: Oskar Milde erstickte im Alter von 66 Jahren an einem Hühnerknochen. Auf seinem Grabstein stand: „Hier ruht Oskar Milde. Gastwirt und Realitätenbesitzer.“ Und Egon Erwin Kisch widmete dem Verstorbenen in der „Bohemia“ einen Nachruf mit dem Titel „Der Osman ist gestorben“.
Zwar führte Anna Milde die Gaststätte noch einige Jahre weiter. Doch nach dem Tod ihres Sohnes, der im Ersten Weltkrieg fiel, zog sie zu ihrer Tochter nach Wien, wo sie 1924 starb. Später erwarb ein Tscheche die Kneipe, in der sich die deutschen Studenten­gruppen weiter trafen. Nach 1945 kam das Gebäude in staatlichen Besitz, stand lange Jahre leer und verfiel. Seit 2011 wird es zum Kauf angeboten.

 Eine Bank lädt zum Pausieren ein. Der Ausblick eher weniger.

Der heimische Spaziergänger, dessen Hund mittlerweile ungeduldig geworden ist, überlegt einen Moment, bevor er in Richtung Stadtzentrum zeigt und sagt: „Wenn man hier in einer richtigen Kneipe Bier trinken möchte, muss man weit laufen.“ So wie Oskar Milde vor knapp 140 Jahren. Doch dieser war des ständigen Nachschubholens irgendwann überdrüssig. Der Rest ist bekannt – und der originale „Schipkapaß“ steht gerade zum Verkauf. Zeit also für einen neuen Osman.